Warum hast du so große Zähne?"Howl": Zugfahrt mit Biss

In einer stürmischen Nacht verlässt ein spärlich besetzter letzter Zug London in Richtung Vororte. Er kommt dort nie an. In einem düsteren Wald bleibt er liegen, dann verschwindet der Lokführer spurlos. Die Passagiere haben aber noch ein größeres Problem.
"Sie sind noch zu jung, um sich an das Zugunglück zu erinnern. Es war 1963. Ein Nachtexpresszug ist damals entgleist. Irgendwo hier in der Nähe. Als die Hilfskräfte dann eintrafen, war keiner mehr am Leben. Es gab viele Gerüchte darüber, was sie vorfanden. Überall lagen Leichname, zerfressen von Tieren. Viele waren verschwunden. Es wurde niemals geklärt, was passiert war ..."
Als der alte Mann seine Geschichte beendet, glauben alle Zuginsassen des Nacht-Sprinters raus aus London, eine gewisse Ahnung davon zu haben, was vor über 50 Jahren in den dunklen Wäldern nahe Eastborough geschehen sein könnte. Und keinem der Passagiere gefallen die Bilder, die ihre Kopfkinos entwerfen. Ihr Zug, der letzte des Tages, ist gerade liegengeblieben. Urplötzlich bremste er, die Habseligkeiten der zugegebenermaßen wenigen Zugreisenden wirbelten durcheinander. Der an die Oberfläche drängende Ärger trifft den Schaffner.
Joe (Ed Speleers; "Eragon") ist nur eingesprungen für einen kranken Kollegen. Er will eigentlich nur seinen Dienst abreißen und so schnell wie möglich in den Feierabend. Es ist ein gebrauchter Tag für Joe, den Zugbegleiter: Eine Bewerbung für einen höheren Posten wurde wenige Stunden zuvor abgelehnt. Entsprechend desillusioniert fragt er nach den Fahrkarten der Passagiere. Die sehen darin eh nur eine reine Schikane. Die Notbremsung verändert dann alles.
Wir bitten um Verständnis
Die Stimme des Zugführers ertönt aus den Lautsprechern: Etwas sei auf den Schienen gewesen, deshalb habe er bremsen müssen. Es sind seine letzten Worte. Als Joe wenig später versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen, herrscht absolute Stille in der Sprechanlage. Auch aus der Leitzentrale kommen keine guten Nachrichten: Das Netz ist zusammengebrochen. Ein Sturm hat ganze Arbeit geleistet. Eine Bergung der Passagiere könne frühestens in vier Stunden beginnen - wenn überhaupt.
"Im Notfall ist es im Allgemeinem am sichersten im Zug" steht auf einem Warnaufkleber im Waggon. Die Passagiere schert das nicht. Vier Stunden in der Pampa auf Hilfe warten, die dann doch nicht oder noch später kommt? Keine Chance! Joe, der die Zugtür nicht öffnen will, wird mit Engelszungen besäuselt, wieder und immer wieder - bis er endlich nachgibt.
Mensch, Mythos, Monster
Mit ein paar Taschenlampen bewaffnet, wagt sich der Trupp Passagiere - vom verständnisvollen Rentner-Ehepaar über den großkotzigen Geschäftsmann bis zur nervigen Jugendlichen ist alles vertreten -, aus dem Zug. Hinaus in die vom wolkenverhangenen Vollmond nur spärlich beschienene Nacht. Entlang der Gleise wollen sie zur nächsten, nur wenige Kilometer entfernt gelegen geglaubten Station laufen - mitten durch einen düsteren Wald.
Der Nachtspaziergang endet abrupt, als Joe die blutigen Reste vom Zugführer im Dickicht erblickt. Viel ist von ihm nicht übrig. Und als ein furchteinflößendes Heulen ertönt, gar nicht mal so fern, schreit er die Passagiere zum Rückzug. Wieder in den Zug. Schnell.
Es hilft nichts. Die Frau des älteren Geschichtenerzählers wird beim überhasteten Einsteigen von irgendetwas ins Bein gebissen und schwer verletzt. Als der erste Schock verflogen ist, ertönt am Zug erst ein fürchterliches Kratzen, Fingernägeln, die an einer Schiefertafel herunterfahren nicht ganz unähnlich. Dann wieder dieses sich in die Gehörgänge fressende schreckliche Jaulen. Erst fern, dann ganz nah. Das ist der Zeitpunkt, als dem alten Mann die Geschichte der Nachtexpress-Entgleisung von 1963 einfällt. Die Parallelen zu heute sind für alle Passagiere offensichtlich. Wird einer von ihnen überleben?
"Katastrophenfilm mit Werwölfen"
Das zu verraten, wäre eine Sünde. Es würde einen Film kaputtmachen, der so viel Spaß macht wie schon lange kein Werwolf-Film mehr. Dabei muss man aber klar festhalten, dass "Howl" des Regisseurs Paul Hyett ("The Seasoning House") keine Horrorkomödie ist. Der Humor, den es trotzdem im Film gibt, ist spärlich, aber pointiert und eben typisch englisch, also tiefschwarz. Der Hinweis-Aufkleber, der vor dem Verlassen des Zuges warnt, ist nur ein Beispiel.
Hyett selbst beschreibt "Howl" als "Katastrophenfilm mit Werwölfen". Das trifft es auch perfekt. Wobei seine Werwölfe nicht klassisch daherkommen und sich nicht wegen des Vollmonds verwandeln. Vielmehr führt Hyett eine Art Virus ein, der die Verwandlung auslöst, die sich wiederum über Jahre hinziehen kann. Die Werwölfe in "Howl" sehen daher alle unterschiedlich aus. Manche erinnern eher an Zombies als an das behaarte heulende Klassik-Monster.
Sehen lassen können sich die Viecher allemal. Und mit der düsteren Atmosphäre in dem dunklen unwirtlichen Wald ergibt sich eine schaurige Gesamtstimmung. Die wird nur ab und an durch die künstlichen Lichtkegel aus den spärlich vorhandenen Taschenlampen oder der flackernden Zugdeckenbeleuchtung durchbrochen. Weiß man als Zuschauer dann noch, dass die problemlose Fahrt in einem englischen Zug einem Lotteriegewinn gleichkommt, stellt sich sofort ein unwohles Bauchkribbeln ein. Neben der englischen Bahn kommt selbst die Deutsche als Inbegriff der Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Kundenzufriedenheit daher. "Howl" dürfte daher wohl auch als kleiner gesellschaftskritischer Seitenhieb verstanden werden.
Leckerbissen für Genrefans
Hyett selbst sieht in seinem zweiten Regiewerk eine Hommage an die alten Horrorfilme der Hammer-Studios (wie "Horror-Express" mit Peter Cushing und Christopher Lee) und an den letzten englischen Werwolf-Film "Dog Soldiers" von 2002. Einen der damaligen Hauptdarsteller räumt Hyett in "Howl" deshalb einen Cameo-Auftritt ein: Sean Pertwee (der Alfred-Darsteller aus der TV-Serie "Gotham") spielt den Lokführer.
Genrefans kommen bei "Howl" voll auf ihre Kosten. Es spricht vieles für einen zweiten Teil oder ein Prequel. Hyett räumt dem gegenüber "Deadline" zwar nur geringe Chancen ein. Aber der Stoff bietet einfach noch zu viel Erzählenswertes, um bereits jetzt einen harten Schlussstrich zu ziehen. Dafür hat "Howl" einfach zu viel Biss.