Das ist kein Videospiel!"Hardcore" ist Action 5.0

"Transformers"? "Expendables"? Gegen "Hardcore" sind das lahme, langweilige Schnulzen. Denn "Hardcore" bietet etwas völlig Neues, etwas Revolutionäres. Aber das ist auch das Problem des ultraharten und brutal-schnellen Films.
Stell dir vor, du wachst auf und eine Blondine in weißem Kittel schaut dir tief in die Augen. Stell dir vor, du kannst dich an nichts erinnern. Stell dir vor, du bist fast tot. Wenn die Blondine dir dann sagt: sie sei deine Frau, sie habe dich wieder zusammengeflickt und sie liebe dich - dann würdest du doch alles für sie tun, oder?
Henry macht es. Er hat auch die nötigen Mittel dazu, denn er ist so etwa wie ein Cyborg, mehr Maschine als Mensch. Und Estelle (Haley Bennett; "The Equalizer"), die Blondine im weißen Kittel, ist Wissenschaftlerin in einem geheimen Labor, das just in diesem Moment angegriffen wird.
Henry kann fliehen, in einer Rettungskapsel, mit Estelle. Aber sie kommen nicht weit. Auf dem harten Asphalts Moskau schlagen sie auf. Und schon sind mordlüsterne Horden hinter ihnen her, nehmen Estelle gefangen. Henry wehrt sich, so gut es geht. Aber er weiß weder, wer er ist, noch was er genau ist und schon gar nicht, in welchem Schlamassel er steckt. Sprechen kann er auch nicht.
Aber fliehen. Immer wieder. Ein mysteriöser Mann (Charlto Copley; "District 9", "Elysium") taucht auf, rettet ihn, mehrmals. Verschwindet immer wieder, verspricht Hilfe. Denn Henry muss eines wissen: Er ist kein Duracell-Hase, seine Energiereserven enden schnell - und sein Gegner ist der skrupellose Bösewicht Akan (Danila Kozlowski"), der nichts anderes versucht, als mit einer Horde von willenlosen Cyborgs die Welt zu erobern - und Henry steht ihm dabei im Weg.
Filmisches Neuland
Was der Zuschauer von "Hardcore" hier schon ahnt: Es wird einen gigantischen Endkampf der beiden geben. Und nur einer wird überleben. Was der Zuschauer aber nicht sieht, ist Henry, die Hauptperson des vor Blut und Gewaltszenen nur so strotzenden (aber vollkommen überzeichneten) Action-5.0-Spektakels aus Russland. Der Clou des Films von Regisseur Ilja Naishuller - und deshalb auch 5.0 : "Hardcore" ist komplett in der Ego-Shooter-Perspektive gedreht. Der erste komplette Spielfilm in dieser Perspektive zudem, verspricht die Werbung. Also absolutes Neuland.
Und dementsprechend scheiden sich an "Hardcore" (Originaltitel: "Hardcore Henry") auch die Geister. Wer Wackelkamera-Filme nicht mag oder Videospiele wie "Call of Duty", "Duke Nukem", "Doom" und so weiter hasst, der sollte um "Hardcore" einen großen Bogen machen. Denn bereits nach weniger als fünf Minuten würde er schreiend das Wohnzimmer verlassen.
Wegesehen geht nicht!
Zugegeben, "Hardcore" ist keine leichte Kost. Den Film sitzt man nicht lächelnd auf einer Arschbacke ab. Er ist anstrengend. Durchatmen kann der Zuschauer während der gut 90 Minuten nie. Ständig wird geballert, gesucht, gesprungen, gerannt, gecrasht, geblutet. Wegsehen? Geht nicht.
"Hardcore" ist deshalb wie gemacht für Ego-Shooter-Freaks, für Liebhaber von Action-Blockbustern á la "Transformers" oder "Expendables", für Menschen, die auf knappste Dialoge, aber gespickt mit jeder Menge Wortwitz ("Fick die Henne") stehen (ein dickes Lob an die deutsche Synchronisation!) - und auf geile Mucke. Wer all das vergöttert, kommt an Naishullers filmischem Feuerwerk nicht vorbei. Für all diejenigen ist er ein Muss - ja, eine Offenbarung!
Pionier eines neuen Genres
Es ist daher nicht sehr gewagt, zu sagen, dass man bei "Hardcore" in fünf bis zehn Jahren mit Sicherheit von einem Kultfilm sprechen wird. Von einem Streifen, der die Filmwelt revolutioniert hat. Vom Pionier eines neuen Genres.
"Hardcore" wird dann in einem Atemzug mit "Terminator" genannt werden, mit Sam Raimis "The Evil Dead" oder auch George A. Romeros "Night of the Living Dead". Auch diese Filme wurden anfangs von vielen belächelt und sind heute absolute Klassiker. Sie gingen gleichsam selbst in Serie und ebneten den Weg für Dutzende andere Filme mit ähnlichen Inhalten. Und genau das wird "Hardcore" auch tun. Und nun stell dir vor, du wachst auf und eine Blondine in weißem Kittel lächelt dich an ...