Düsterer Psycho-Horror"Hagazussa": Burn, Alpenhexe, burn!

Eine einsam gelegene Hütte in den Alpen. Zwei Frauen hausen in ihr. Die Dorfbewohner meiden sie, halten die Mutter und ihre Tochter für Hexen. Dann stirbt die alte Frau und Albrun ist vollkommen auf sich gestellt. Die Düsternis gewinnt die Oberhand.
Heute sind die Alpen vollkommen touristisch erschlossen. Von Wintergaudi bis Sommerwandern befriedigt die Bergregion die Sehnsüchte von Millionen Menschen. Vor 600 Jahren war das noch ganz anders: Die Alpen sind nur dünn besiedelt, ein harter Lebensraum, der den Bewohnern alles abverlangt, ein täglicher Kampf ums Überleben. In dieser Zeit spielt Lukas Feigelfelds Psycho-Horror "Hagazussa" (Althochdeutsch für Hexe). Es ist seine Abschlussarbeit an der Berliner Filmhochschule - und auf jeden Fall ein Film, der für Diskussionen sorgt.
Albrun (Aleksandra Cwen; "Interferenz") ist Ziegenhirtin wie ihre Mutter. Die beiden leben in einer kleinen Kate in den Bergen. Das nächste Dorf ist kilometerweit weg, Nachbarn ebenso. Die beiden Frauen leben wie Einsiedler, autark. Sie brauchen nicht viel und das Nötigste schenken ihnen ihre Ziegen und der Bergwald um sie herum.
Im Dorf kommt das nicht gut an. Dort sind sie als Eigenbrötlerinnen verschrien, ja werden als Hexen beschimpft. Ihre dunkle, sackähnliche Kleidung unterstützt dieses Bild. Eines Nachts stirbt Albruns Mutter und sie haust ab da allein der Hütte.
Früher war auch nichts besser
Dann ein Sprung: 20 Jahre später. Entwicklung? Fortschritt? Nicht in Albruns Kate. Es sieht dort aus wie schon zu ihrer Mutters Zeiten - bis auf eine kleine Kleinigkeit: Albrun hat ein Kind, ein Baby, eine Tochter. Woher? Weiß der Geier.
Neuerdings gibt es auch eine junge Nachbarin, die den Kontakt zu Albrun sucht und auch Albrun versucht, auf die Dorfbewohner und die Menschen an sich etwas offener zuzugehen. Allein: Die Vorurteile haften weiter an ihr. Kinder bewerfen sie mit Dreck, beschimpfen sie als Hexe. Und so zieht sich Albrun wieder mehr und mehr in die kleine, abgelegene Hütte zurück - und etwas scheint mir ihr zu passieren, mit ihrer Psyche.
Im Wald schaut sie sich um, halluziniert, hört Geräusche und sieht Dinge, die nicht da sind. Im Haus sieht sie immer wieder die sterblichen Überreste ihrer Mutter. In Albruns Leben übernimmt die Paranoia das Sagen. Vielleicht ist sie doch eine Hexe? Vielleicht hat sie ihre dämonischen Kräfte bisher nur unterdrückt? Vielleicht brechen sie sich jetzt umso stärker Bahn?
Keine einfache Kost
Jetzt wäre die Zeit für eine Auflösung, für Antworten gekommen. Doch Regisseur Feigelfeld liefert sie nicht. Er lässt den Zuschauer genau da, wo er ihn haben will: im Dunkeln, in der Düsternis der Alpenwälder des 15. Jahrhunderts. Der Zuschauer soll sich gefälligst selbst einen Reim auf das alles machen. Nur eine Panoramaaufnahme zum Filmende gibt einen kleinen Anhaltspunkt: ein Feuer in der Ferne scheint immer grö0er zu werden, als nährte es sich von der Dunkelheit, die es umgibt und zu verschlingen droht.
Wem jetzt ein "Aha" oder ein "So so" entfährt, dem sei gesagt: So sieht's aus. Das ist "Hagazussa", kein einfacher Film, aber einer, der dennoch in den Bann zieht. Vor allem die Düsternis ist es, die fasziniert. Immer wieder gibt es konterkarierende Versuche mit Alpen-Panoramen, aber spätestens bei den Szenen in der kleinen Hütte ist die Dunkelheit zurück und der Zuschauer beginnt, ihr zu verfallen - so wie Albrun selbst. Das scheint ein Lösungsansatz zu sein: Wer im 15. Jahrhundert jahrelang, jahrzehntelang allein in einer abgeschiedenen, kärglichen Hütte lebt, ohne Kontakt zur Außenwelt, der kann nun mal nicht ganz geheuer sein.
Dass der Film nahezu ohne Dialoge auskommt und die gesprochenen Sätze selbst den wortkargen Jason Bourne alt aussehen lassen, tut sein Übriges. Dass Albrun ein nicht gerade einfach verständliches "Österreichisch" spricht, verleiht "Hagazussa" zusätzliche Authentizität. Das ist der große Pluspunkt des Films. Da dürften sich alle einig sein. Ob "Hagazussa" ein Horrorfilm ist? Sicher keiner im klassischen Sinn. Aber ein wenig Suspense hier, etwas Psychohorror da und ein fesselnder Score, der auch "Insidious" oder einem Rob-Zombie-Film gut zu Gesicht gestanden hätte, reichen vollkommen aus, um Gänsehaut zu generieren. Alpen und Hexen - das passt perfekt!