Wer verliert zuerst die Nerven?"Downrange": Die Zielscheibe bist du

Eine Gruppe Freunde befindet sich auf einem Roadtrip, als auf einer einsamen Straße in der Prärie ein Autoreifen platzt. Eine fast alltägliche Situation. Was dann folgt, ist aber der pure Horror: Ein Scharfschütze nimmt die Gruppe unter Feuer.
Was kann einem mal so richtig den Tag versauen? Ein geplatzter Autoreifen, während man sich auf einer kaum befahrenen Straße mitten im sonnenverbrannten Nirgendwo befindet. Die sechs Freunde, die mit zwei Fahrzeugen unterwegs sind, fluchen entsprechend. Aber es hilft nichts: Hilfe rufen geht nicht, denn das Mobilfunknetz ist in dieser Region äußerst launisch oder gar nicht vorhanden. Also: Selbst ist der Mann!
Jeff (Jason Tobias) beginnt mit dem Reifenwechsel, Rick geht indessen pinkeln und der Rest der Gruppe sucht hinter dem Auto sitzend Schutz vor der brennenden Sonne. Die Stimmung bessert sich allmählich, man macht sich über Jeffs handwerkliche Fähigkeiten lustig und wettet, wie lange der ganze Spaß hier nicht dauert. Dann ein Zischen. Plopp. Jeff kippt um. Niedergestreckt von einer Gewehrkugel, die aus dem Nichts kam.
Die Hölle bricht los
Karen (Kelly Connaire) und Jodi (Stephanie Pearson) schauen sich ungläubig an. Was war das? Was ist passiert? Dann schreien sie los. Ihr Gekreische wird von weiteren peitschenden Schüssen jäh durchbrochen. Jemand hat sich oberhalb der Straße verborgen, im Schutz eines Gebüschs, und er nimmt die Gruppe Freunde nun unter Feuer.
Karen denkt nach, analysiert. Ihr Vater war in der Armee, sie kennt sich mit Schusswaffen einigermaßen aus. Sie rekapituliert die Situation: Schüsse von einer erhobenen Position, anfangs schallgedämpft, dann ohne. Es muss eine alte Waffe sein, denn den Kugeln fehlt es an Durchschlagskraft. Unabhängig davon kommt sie aber zu dem Schluss, dass sie in der Falle sitzen. Jede Bewegung aus der Deckung des schützenden Wagens heraus kann tödlich enden.
Eric (Anthony Kirlew), vom Pinkeln zurück, liegt ebenfalls unter Beschuss. Die Lage erscheint aussichtslos. Aussitzen ist eine Möglichkeit. Aber als auf der Straße ein Auto auftaucht, keimt Hoffnung auf - und platzt ebenso schnell wie der Reifen ihres Wagens. Der Scharfschütze nimmt auch die Neuankömmlinge unter Feuer. Die Frau am Steuer sinkt getroffen zusammen, das Auto wird dennoch schneller, rast in einen Wagen der Gruppe Freunde hinein, überschlägt sich mehrfach und bleibt liegen.
Karen und Jodi sind erneut geschockt. Als ein Mann aus dem Wrack herauskriecht, versuchen sie ihn noch zu warnen. Doch er hat nur Ohren und Augen für seine verletzte Tochter. Kugeln sirren durch die Luft, sie bringen den Tod, das Wrack explodiert. Rauch steigt auf. Da kommt Karen eine Idee, die vielleicht das Leben von Jody und ihr retten könnte.
Kitamuras Spiel mit den Nerven
"Könnte" wohlgemerkt. Gekonnt spielt Regisseur Ryuhei Kitamura ("Mignight Meat Train", "Azumi") in seinem Film "Downrange" mit den Erwartungen der Zuschauer. Was könnte als Nächstes passieren? Wer bricht aus, sucht sein Heil in der Flucht, lässt die Freunde zurück, um sein eigenes Leben zu retten? Was treibt den Scharfschützen an? Wird er seine geschützte Position verlassen, um dem traurigen Rest auf der Straße den Rest zu geben?
Das sind die Fragen, die den Zuschauer beschäftigen und gleichzeitig die Handlung des 90-Minüters vorantreiben. Alles in allem hätten es auch gut 80 Minuten getan, den einen oder anderen Ausflug in die Charakterdarstellung der Protagonisten hätte Kitamura auch weglassen können.
Dass der Regisseur nicht erklärt, wieso der Scharfschütze auf die Unschuldigen feuert, welches traumatische Erlebnis (wer weiß?) ihn zu dieser Tat getrieben hat, spaltet. Es gibt immer Zuschauer, die für alles einen Grund brauchen. Aber es gibt auch die, die das zuschlagende Schicksal stärker präferieren. Murphys Gesetz: Was schiefgehen kann, wird schiefgehen.
So gesehen, liefert Kitamuras "Downrange" nahezu für jeden etwas: Die Horrorfans kommen auf ihre Kosten. Waffennarren ebenso wie die Befürworter härterer Waffengesetze in den USA. Optimisten und Pessimisten. Letztere dürften aber die passendere Antwort auf die Eingangsfrage - Was kann einem mal so richtig den Tag versauen? - liefern.