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Warum reden die Deutschen so ungern über Geld?Über kaum ein Thema wird so viel nachgedacht und so wenig gesprochen

18.07.2026, 18:00 Uhr
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Es gibt Fragen, die man in Deutschland beim Abendessen problemlos stellen kann. Welche Partei wählen Sie? Wie stehen Sie zur aktuellen Politik? Was halten Sie vom Fußball? Selbst über Religion wird heute offener gesprochen als noch vor einigen Jahrzehnten. Doch stellen Sie einmal eine andere Frage. Wie viel verdienen Sie? Wie hoch ist Ihre Miete? Wie groß ist Ihr Depot? Oder ganz direkt: Wie viel Geld haben Sie eigentlich?

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Lothar Albert ist Gründer und Veranstalter der Finance 26, Herausgeber des Traders' Magazins und seit über 20 Jahren Organisator von Finanzveranstaltungen. Mit der Finance 26 möchte er Finanzbildung, Kapitalmarkt und Community auf eine neue Ebene heben.

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Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass plötzlich eine gewisse Unruhe entsteht. Das Gespräch stockt. Man wechselt das Thema, lächelt verlegen oder antwortet mit einem Satz, den fast jeder Deutsche schon einmal gehört hat: „Über Geld spricht man nicht.“ Es ist ein bemerkenswertes Phänomen. Geld beschäftigt uns nahezu täglich. Wir arbeiten dafür, wir sorgen uns darum, wir planen damit unsere Zukunft. Es beeinflusst unseren Lebensstandard, unsere Freiheit und häufig sogar unsere Beziehungen. Und trotzdem behandeln wir das Thema oft wie ein Familiengeheimnis.

Warum eigentlich? Die Antwort liegt tief in der deutschen Geschichte. Deutschland hat im vergangenen Jahrhundert Erfahrungen gemacht, die ganze Generationen geprägt haben. Die Hyperinflation der 1920er-Jahre, der Verlust von Vermögen nach dem Zweiten Weltkrieg und mehrere Währungsreformen haben ein tiefes Sicherheitsdenken hinterlassen. Wer erlebt, dass Vermögen von heute auf morgen verschwinden kann, entwickelt ein anderes Verhältnis zu Geld.

Hinzu kommt eine kulturelle Besonderheit. In Deutschland gilt Wohlstand häufig als Privatsache. Über Erfolg spricht man eher zurückhaltend, über Vermögen oft gar nicht. Wer offen über Geld spricht, läuft schnell Gefahr, als angeberisch oder unsensibel wahrgenommen zu werden. In anderen Ländern ist das anders.

In den USA beispielsweise gehören Gespräche über Karriere, Gehalt oder Investments fast zum Alltag. Menschen fragen nach Aktien, Immobilien oder Unternehmensgründungen, ohne dass dies automatisch als unangenehm empfunden wird. In Skandinavien sind Einkommen teilweise sogar öffentlich einsehbar. Transparenz wird dort eher als Mittel gegen Ungleichheit verstanden als Eingriff in die Privatsphäre. Deutschland dagegen pflegt eine gewisse Diskretion.

Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Nicht jeder möchte sein Gehalt auf dem Marktplatz diskutieren. Problematisch wird es jedoch dann, wenn aus Diskretion Sprachlosigkeit wird. Denn wer nicht über Geld spricht, lernt auch weniger darüber. Viele Eltern sprechen mit ihren Kindern kaum über finanzielle Themen. In Schulen spielt Finanzbildung bis heute nur eine Nebenrolle. In vielen Familien werden weder Budgets noch Altersvorsorge oder Vermögensaufbau offen diskutiert. Die Folgen zeigen sich später.

Noch immer besitzen viele Deutsche keine Aktien. Noch immer beginnen viele Menschen sehr spät mit dem Vermögensaufbau. Noch immer fühlen sich zahlreiche Bürger bei Finanzthemen unsicher oder überfordert. Das ist kein Bildungsproblem allein. Es ist auch ein Kommunikationsproblem. Denn Wissen entsteht häufig im Austausch. Wer nie hört, wie andere investieren, welche Fehler sie gemacht haben oder welche Gedanken sie sich über ihre Altersvorsorge machen, muss sich vieles mühsam selbst erarbeiten.

Natürlich hat die deutsche Zurückhaltung auch positive Seiten. Sie schützt die Privatsphäre und verhindert möglicherweise einen übertriebenen gesellschaftlichen Vergleich. Denn Geld kann schnell zum Statussymbol werden. Und doch stellt sich die Frage, ob wir in Deutschland nicht ein wenig zu weit gegangen sind. Denn während wir ungern über Geld sprechen, sprechen wir umso häufiger über die Folgen fehlenden Geldes.

Über Altersarmut. Über die Belastung der Rentensysteme. Über steigende Wohnkosten. Über Vermögensungleichheit. All diese Themen sind letztlich Geldthemen. Vielleicht wäre manches einfacher, wenn wir früher und offener darüber sprechen würden. Interessanterweise scheint sich gerade etwas zu verändern.

Vor allem jüngere Menschen beschäftigen sich deutlich intensiver mit Geld und Vermögensaufbau als frühere Generationen. Podcasts über Finanzen gehören zu den meistgehörten Formaten. In sozialen Medien diskutieren Millionen Menschen über ETFs, Immobilien oder die ersten Schritte an der Börse.

Geld verliert langsam seinen Charakter als Tabuthema. Das ist eine positive Entwicklung. Denn finanzielle Bildung beginnt häufig nicht mit einem Schulbuch oder einem Bankgespräch. Sie beginnt mit einer einfachen Frage. Warum investierst du eigentlich so? Wie hast du das gelernt? Oder: Was würdest du heute anders machen?

Die Antworten auf diese Fragen können manchmal wertvoller sein als jede Broschüre. Vielleicht liegt darin die eigentliche Herausforderung für Deutschland. Nicht, dass wir zu wenig Geld hätten. Sondern dass wir zu selten darüber sprechen. Denn Schweigen mag höflich sein. Für den Vermögensaufbau ist es oft keine gute Strategie.

Fünf Geldgespräche, die jede Familie führen sollte

1. Wie funktioniert eigentlich unsere Rente?

2. Warum sparen wir – und wofür?

3. Was ist der Unterschied zwischen Sparen und Investieren?

4. Welche finanziellen Fehler haben wir selbst gemacht?

5. Was bedeutet finanzielle Freiheit für uns persönlich?

Zum Nachdenken

Eine Umfrage nach der anderen zeigt, dass Geld zu den größten Sorgen vieler Menschen gehört. Vielleicht wäre es deshalb an der Zeit, einen alten deutschen Satz zu überdenken: Über Geld spricht man nicht. Vielleicht sollte man genau das viel öfter tun.

Quelle: ntv.de