Geniale Wetten, spektakuläre Pleiten und Menschen, die die Finanzgeschichte verändertenDie größten Börsenzocker der Welt

Die Börse liebt Geschichten. Sie liebt Menschen, die gegen den Strom schwimmen, die dort Chancen sehen, wo andere nur Risiken erkennen, und die den Mut besitzen, Milliarden auf eine einzige Überzeugung zu setzen. Manche von ihnen werden zu Legenden, andere zu abschreckenden Beispielen. Und manchmal liegen zwischen Genie und Wahnsinn nur wenige Wochen.
Es ist wohl kein Zufall, dass die größten Namen der Finanzgeschichte fast immer mit einer großen Wette verbunden sind. Eine Wette auf steigende Kurse, auf fallende Märkte, auf eine neue Technologie oder schlicht darauf, dass alle anderen falsch liegen.
Einer dieser Momente spielte sich am 16. September 1992 ab. Die britische Regierung kämpfte verzweifelt darum, das Pfund zu stabilisieren. Die Notenbank hob die Zinsen an, kaufte die eigene Währung und versuchte mit aller Macht, die Märkte zu beruhigen. Doch ein Mann glaubte nicht an den Erfolg dieser Rettungsaktion. Sein Name war George Soros.
Soros war überzeugt, dass das britische Pfund überbewertet war und die Regierung den Wechselkurs nicht verteidigen konnte. Also tat er etwas, das selbst für die Wall Street außergewöhnlich war: Er setzte rund zehn Milliarden Dollar gegen das Pfund. Als Großbritannien am Abend kapitulieren und aus dem Europäischen Währungssystem austreten musste, hatte Soros innerhalb weniger Stunden etwa eine Milliarde Dollar verdient. Seit diesem Tag trägt er den wohl spektakulärsten Spitznamen der Finanzgeschichte: „Der Mann, der die Bank von England besiegte.“
Fast fünfzehn Jahre später sollte ein anderer Außenseiter beweisen, dass die größten Gewinne häufig dort entstehen, wo kaum jemand hinschaut. Michael Burry war kein typischer Hedgefondsmanager. Eigentlich war er Arzt. Doch während nahezu die gesamte Finanzwelt an den ewigen Boom des amerikanischen Immobilienmarktes glaubte, las Burry Tausende Seiten von Hypothekenverträgen und erkannte, dass das System auf einem gefährlichen Fundament stand.
Seine Schlussfolgerung war radikal: Er wettete gegen den amerikanischen Immobilienmarkt. Seine Investoren hielten ihn für verrückt. Einige wollten ihr Geld zurück, andere drohten sogar mit Klagen. Doch als die Immobilienblase 2008 platzte und die Welt in die schwerste Finanzkrise seit Jahrzehnten stürzte, wurde aus dem vermeintlichen Spinner ein Genie. Seine Geschichte wurde später im Film The Big Short verewigt.
Noch mehr Geld verdiente allerdings ein anderer Investor. John Paulson hatte dieselbe Idee wie Burry, setzte sie aber in einem viel größeren Maßstab um. Als die Hypothekenmärkte kollabierten, verdiente sein Fonds rund 15 Milliarden Dollar. Paulson selbst kassierte fast vier Milliarden Dollar. Es war eine der profitabelsten Einzelwetten, die die Finanzwelt jemals gesehen hat.
Doch die Börse kennt nicht nur Helden. Sie kennt auch tragische Figuren.
Eine davon ist Nick Leeson. Der junge Händler arbeitete Anfang der 1990er-Jahre für die traditionsreiche Barings Bank, die älteste Investmentbank Großbritanniens. Was als kleine Fehlposition begann, entwickelte sich zu einem gigantischen Betrug. Leeson versteckte Verluste in geheimen Konten und ging immer größere Risiken ein, um die Löcher zu stopfen. Als im Januar 1995 das schwere Erdbeben von Kobe die Märkte erschütterte, brach sein Kartenhaus zusammen. Die Verluste beliefen sich auf mehr als eine Milliarde Dollar. Eine Bank, die über zwei Jahrhunderte überlebt hatte, wurde von einem einzigen Händler in den Abgrund gerissen.
Noch dramatischer ist vielleicht die Geschichte von Jesse Livermore, dem ersten Superstar der Börsenwelt. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts verdiente er Millionen, verlor alles, wurde erneut reich und verlor wieder ein Vermögen. Während des Börsencrashs von 1929 setzte er auf fallende Kurse und verdiente nach heutigen Maßstäben Milliarden. Er war berühmt, verehrt und gefürchtet. Doch sein Leben zeigt auch die dunkle Seite des Börsenfiebers. Trotz all seines Geldes fand Livermore nie wirkliche Zufriedenheit. Sein Leben endete tragisch und machte ihn zu einer der schillerndsten und zugleich traurigsten Figuren der Finanzgeschichte.
Dass Börsenlegenden heute nicht mehr nur aus den Chefetagen der Wall Street kommen, zeigte die GameStop-Episode im Jahr 2021. Ein bis dahin nahezu unbekannter Privatanleger namens Keith Gill, im Internet besser bekannt als „Roaring Kitty“, war überzeugt, dass die Aktie des Videospielhändlers GameStop massiv unterschätzt wurde. Seine Analysen verbreiteten sich über soziale Medien und lösten eine Bewegung aus, die selbst die größten Hedgefonds der Welt überraschte. Millionen Kleinanleger kauften die Aktie, der Kurs explodierte und mehrere professionelle Investoren verloren Milliarden. Die Finanzwelt musste plötzlich akzeptieren, dass eine digitale Community von Privatanlegern die Spielregeln verändern konnte.
Und dann gibt es noch Warren Buffett. Eigentlich gehört er gar nicht in diese Geschichte. Denn Buffett hasst Spekulation. Er glaubt nicht an die eine große Wette und nicht an den schnellen Reichtum. Dennoch ist er wahrscheinlich der erfolgreichste Investor aller Zeiten. Während andere ihr Vermögen in spektakulären Tagen oder Monaten machten, baute Buffett seines über Jahrzehnte auf. Nicht durch eine einzige geniale Idee, sondern durch Geduld, Disziplin und den Zinseszinseffekt.
Vielleicht liegt genau darin die größte Ironie der Börse. Die spektakulären Zocker faszinieren uns. Sie liefern Stoff für Bücher, Filme und Legenden. Doch die größten und nachhaltigsten Vermögen entstehen oft erstaunlich unspektakulär.
Die Geschichte der Finanzmärkte ist deshalb weit mehr als eine Geschichte von Geld. Sie ist eine Geschichte über Mut und Angst, über Überzeugung und Selbstüberschätzung, über Gier und Disziplin. Und sie zeigt, dass an der Börse oft nur ein schmaler Grat zwischen einem Platz in den Geschichtsbüchern und einer Katastrophe liegt
.
Die fünf größten Börsenwetten aller Zeiten
| Investor | Wette | Ergebnis |
| George Soros | Gegen das britische Pfund (1992) | Gewinn von rund 1 Mrd. US-Dollar |
| John Paulson | Gegen den US-Immobilienmarkt (2007) | Fondsgewinn von rund 15 Mrd. US-Dollar |
| Michael Burry | Gegen Subprime-Hypotheken (2008) | Fondsrendite von fast 500 % |
| Bill Ackman | Kreditversicherungen während Corona (2020) | Aus 27 Mio. Dollar wurden 2,6 Mrd. Dollar |
| Keith Gill | GameStop (2021) | Historischer Short Squeeze und Milliardenverluste für Hedgefonds |