Endliche RessourceWie viele Jahre reicht das Erdöl noch?
Von Kai Stoppel
Schon in den 80er Jahren warnten Experten vor dem Ende des Öls. Trotzdem fließt der Rohstoff weiter in Strömen - zuletzt wird so viel konsumiert wie nie zuvor. Wie lange reicht das Öl noch? Ein Geologe erklärt, welche Faktoren bei der Antwort eine Rolle spielen.
Die Menschheit ist süchtig nach Öl. Und sie verbraucht es weiterhin im Rekordtempo. Ewig wird das so nicht weitergehen können, denn Erdöl erneuert sich nicht. Es entstand über Jahrmillionen aus Tieren und Pflanzen. Erdöl ist also endlich - zumindest theoretisch. Bereits in den 1980er Jahren hieß es, dass die bekannten Reserven nur noch 30 Jahre reichen. Doch immer noch fließt das Öl in Strömen. Wie kann das sein? Und wann wird Öl tatsächlich erschöpft sein?
Die Rechnung scheint auf den ersten Blick simpel: Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover beziffert die Erdölreserven mit 252 Milliarden Tonnen weltweit. Bei einer Förderung von zuletzt 4,55 Milliarden Tonnen pro Jahr reicht dieser Vorrat demnach 55,4 Jahre. Doch so einfach ist es nicht.
Angaben zur statischen Reichweite seien immer nur "Momentaufnahmen", erklärt Martin Pein, Geologe und Experte für Energierohstoffe bei der BGR, gegenüber ntv.de. "Sie haben keine praktische Bedeutung für die Fragestellung, wie lange die Erdölreserven noch reichen." Denn Reserven sind keine feste Größe, sie verändern sich, so Pein. Es handele sich dabei lediglich um die nachgewiesenen, zu heutigen Preisen und mit heutiger Technik wirtschaftlich gewinnbaren Mengen an Öl. Doch darüber hinaus gibt es noch mehr Öl, die sogenannten Ressourcen.
Fracking-Boom in den USA ließ Reserven wachsen
Was sind Ressourcen? Im Unterschied zu den Erdölreserven sind die Ressourcen bekannte und nachgewiesene Erdölvorkommen, die allerdings aktuell technisch oder wirtschaftlich nicht förderbar sind. Zu den Ressourcen zählen aber auch Vorkommen, deren Existenz noch nicht nachgewiesen ist, für die es aber geologische Hinweise gibt. Insgesamt werden die Erdölressourcen von der BGR auf 498 Milliarden Tonnen beziffert - also etwa doppelt so viel wie die aktuellen Reserven.
Wichtig für die Frage nach dem Ende des Öls: Ressourcen können zu Reserven werden. Etwa durch Neuerungen in der Fördertechnik. Berühmtes Beispiel ist die Fracking-Revolution in den USA: Geologen wussten seit Jahrzehnten, dass tief im amerikanischen Untergrund gigantische Mengen Öl und Gas im dichten Schiefergestein eingeschlossen waren. Erst neue Fracking-Methoden machten diese Vorkommen in den frühen 2000er Jahren förderbar - aus der Ressource wurde Reserve.
Auch ein steigender Ölpreis kann die Erschließung bestimmter Erdölvorkommen plötzlich rentabel machen. Das trug etwa zum starken Ausbau der Förderung kanadischer Ölsande ebenfalls seit den 2000er Jahren bei.
Immer noch neue Ölfelder entdeckt
"Für die kurz- und mittelfristige Reservenentwicklung spielen Neubewertungen sowie Felderweiterungen in bekannten Lagerstätten eine sehr große Rolle", sagt Pein. Zudem würden immer noch neue Erdölvorkommen entdeckt, wie etwa seit dem Jahr 2022 vor der Küste Namibias - deren Erschließung nehme jedoch "aufgrund der fehlenden bestehenden Infrastruktur, etwa in Form von Pipelines, erhebliche Zeit in Anspruch", so Pein. Mit einer Aufnahme der Erdölförderung vor Namibia sei voraussichtlich erst ab 2030 zu rechnen.
Eine stetige Ergänzung der Reserven hält seit Jahrzehnten mehr oder weniger mit dem weltweiten Verbrauch von Erdöl Schritt. Das erklärt auch, warum seit Mitte der 1950er Jahre die errechnete Reichweite der Reserven etwa zwischen 30 und 50 Jahren schwankte, ohne dass das Öl tatsächlich versiegte. Heute sind die Aussichten mit über 55 Jahren sogar so rosig wie selten zuvor.
Nicht nur das verfügbare Angebot, auch der Verbrauch von Öl verändert sich - in den vergangenen Jahrzehnten stieg er fast kontinuierlich. Wachsende Volkswirtschaften treiben den Verbrauch nach oben, vor allem in den Schwellen- und Entwicklungsländern ist das immer noch zu beobachten. In den USA jedoch wuchs der Verbrauch seit 2010 nur noch geringfügig, in Europa ging er sogar zurück.
E-Auto-Trend könnte Nachfrage nach Öl bremsen
Der Trend zu Elektrofahrzeugen könnte die Nachfrage nach Erdöl weiter dämpfen, denn der Straßenverkehr steht für rund 45 Prozent der globalen Ölnachfrage. In China stagniert der Ölverbrauch im Straßenverkehr mittlerweile, hohe Neuzulassungen bei Elektroautos und andere Alternativen drücken die Nachfrage nach Benzin und Diesel. Die gesamte Ölnachfrage stieg in China zuletzt zwar an, aber vor allem wegen der steigenden Nachfrage der Petrochemie.
Wenn die Welt ihren Ölkonsum weiter steigert, würden die heutigen Reserven auch nicht mehr 55 Jahre halten - sollte weniger Öl verbraucht werden, könnten sie noch länger nutzbar sein. Laut World Energy Outlook 2025 der Internationale Energieagentur (IEA) steigt die globale Ölnachfrage unter bereits geltende politische Maßnahmen von rund 100 Millionen Barrel pro Tag auf 105 Millionen im Jahr 2035 und 113 Millionen im Jahr 2050. Die IEA betont allerdings, dass es sich bei ihren Szenarien nicht um Prognosen handelt.
Ein weiterer Faktor, der auf die Verfügbarkeit von Erdöl Einfluss hat: Wie viel noch in den Erhalt und die Erweiterung bestehender sowie in die Erschließung neuer Förderkapazitäten investiert wird. "Neben wirtschaftlichen Erwägungen spielen dabei auch politische Rahmenbedingungen eine Rolle", so Pein. Etwa wenn es um die Vergabe oder den Entzug von Lizenzen für Unternehmen geht, die Erdöl suchen und fördern wollen.
"Ölzeitalter wird enden, bevor das Öl ausgeht"
Und auch die weltweiten Raffineriekapazitäten spielten eine Rolle, so der Experte, denn "letztlich werden nicht Rohöl selbst, sondern daraus hergestellte Produkte wie Diesel, Benzin, Kerosin oder Schmierstoffe benötigt". Entscheidend sei daher nicht allein, wie viel Erdöl geologisch vorhanden ist, sondern auch, ob dieses Erdöl gefördert, transportiert, raffiniert und in den benötigten Produkten bereitgestellt werden kann. "Die Kenntnis der vorhandenen Reserven und Ressourcen gibt nur bedingt Auskunft über die tatsächliche Verfügbarkeit von Erdöl", fasst Rohstoff-Experte Pein zusammen.
Aber gibt es überhaupt ein denkbares Szenario, in dem das Erdöl der Menschheit einfach ausgeht? "An der Stelle passt das zeitlose Zitat, welches Scheich Ahmed Zaki Yamani, dem langjährigen Ölminister Saudi-Arabiens, zugeschrieben wird", sagt Pein: "Die Steinzeit hat nicht geendet, weil die Steine ausgingen. Und das Ölzeitalter wird enden, bevor das Öl ausgeht."