Stalins "fliegender Panzer"An der Panzerung der Il-2 verpufften deutsche MG-Garben

Langsamer als viele Jäger, aber schwer abzuschießen: Die sowjetische Iljuschin Il-2 wird im Zweiten Weltkrieg zum Schrecken deutscher Bodentruppen. Ihre gepanzerte Wanne schützt Pilot und wichtige Technik vor Beschuss und macht den Schturmowik zu einem zähen Gegner.
Wer an Luftkämpfe im Zweiten Weltkrieg denkt, dem fallen sicherlich Spitfire, Mustang oder Messerschmitt ein. Dabei ist die Iljuschin Il-2 Schturmowik das meistgebaute Militärflugzeug der Geschichte. Mehr als 36.000 Exemplare verließen bis 1945 die Werke. "Schturmowik" ist im Russischen eigentlich nur der Oberbegriff für Schlachtflugzeuge, die Truppen am Boden im Tiefflug angreifen. Die Il-2 hat ihn so sehr geprägt, dass er im Westen zu ihrem Namen wurde.
Man kann sagen: Diese Propellermaschine hatte großen Anteil am sowjetischen Sieg. Der US-Bomber B-17 spielte eine entscheidende Rolle im Bombenkrieg über Deutschland. Der Schturmowik, der am 2. Oktober 1939 erstmals abhob, prägte ganze Schlachten und wurde zum Albtraum der deutschen Soldaten. Die lernten die Maschine bereits im Sommer 1941 kennen, auch vor Moskau und Stalingrad war sie im Einsatz. Im Kursker Bogen 1943 bekam sie dann eine Waffe, die sie noch gefährlicher machte.
Dabei war die Iljuschin alles andere als flott. Mit gut 400 Kilometern pro Stunde war sie langsamer als jeder Jäger und etwa so schnell wie der deutsche Sturzkampfbomber Ju 87, genannt "Stuka". Ihm gegenüber hatte das sowjetische Modell einen gewaltigen Vorteil. Der Pilot saß in einer Art Badewanne aus Panzerstahl, die zugleich den Vorderrumpf bildete. Auch sonst war das Flugzeug extrem robust. Die Panzerung war gegen Gewehrmunition und Splitter ausgelegt, mit etwas Glück überstand die Schturmowik sogar einzelne Treffer einer 20-Millimeter-Kanone. Die Sowjets nannten sie "Fliegender Panzer" oder zärtlich "Iljuscha". Die Deutschen hatten auch Spitznamen für sie: Sie nannten die Il-2 "Betonflugzeug" oder "eiserner Gustav".
Tausende Schturmowiks gingen im Kampf verloren
Die Panzerwanne rettete vielen Piloten das Leben. Bei Bauchlandungen blieb der vordere Rumpf oft intakt, zahlreiche abgeschossene Flieger überlebten so. Und doch blieb der Dienst auf der Il-2 einer der gefährlichsten der sowjetischen Luftwaffe. Mehr als 10.000 Schturmowiks gingen im Kampf verloren, etwa ebenso viele durch Unfälle und andere Ursachen. Die Überlebenschancen der Schlachtflieger lagen unter denen der Jagd- und Bomberpiloten.
Anfangs war der Schlachtflieger eine leichte Beute für die deutschen Jäger. Die ersten Serienmaschinen waren Einsitzer, die Messerschmitts griffen sie ungestört von hinten an. Erst ab Herbst 1942 flog ein Bordschütze mit schwerem Maschinengewehr mit, danach sanken die Verluste deutlich. Der Schütze selbst saß allerdings außerhalb der Panzerwanne und bezahlte das oft mit dem Leben. Ohne Begleitschutz konnte die Iljuschin im Luftkampf kaum gegen die deutschen Jäger bestehen. Ihre eigentliche Überlebenschance lag in der Robustheit der Konstruktion. Frustriert mussten Hitlers Piloten feststellen, dass das Betonflugzeug zahlreiche MG-Treffer verkraften konnte.
Gegenüber dem deutschen Sturzkampfbomber Ju 87 hatte das Konzept jedoch auch Nachteile. Die deutsche Maschine konnte sich aus großer Höhe fast lotrecht in die Tiefe stürzen. So konnte das Ziel exakt anvisiert werden. Erst einige hundert Meter über dem Boden fing eine Automatik den kleinen Bomber wieder ab. Die Il-2 hingegen war nicht für diese Art von Sturzflug konzipiert, die Piloten mussten ihr Ziel aus niedriger Höhe und flachem Winkel angreifen.
Dafür war sie nach vorn deutlich stärker bewaffnet: zwei Maschinenkanonen, zwei Maschinengewehre und bis zu acht Raketen. Die Ju 87 verfügte über zwei nach vorn feuernde Maschinengewehre und ein weiteres im Heck, konnte dafür aber mehr Bomben tragen. Einige Il-2 wurden auch mit Waffengondeln für 37-Millimeter-Kanonen vom Typ NS-37 ausgerüstet – deren Rückstoß erschwerte allerdings das Zielen. Konzeptionell am ähnlichsten waren der Iljuschin auf deutscher Seite die gepanzerte Henschel Hs 129, von der gerade einmal mehr als 840 Stück gebaut wurden, und die zum Schlachtflugzeug umgerüstete Focke-Wulf Fw 190 F.
Vorne Panzerstahl - hinten Holz
Wirkungsvoller als die Bordkanonen war aber eine spezielle sowjetische Waffe, die im Kursker Bogen ihr Debüt gab. Die Schturmowik warf Hunderte kleiner Hohlladungsbomben ab, die das dünne Dach eines Panzers durchschlagen konnten. Dazu kam eine Taktik, die die Einheiten bis zum Sommer 1943 perfektioniert hatten: der "Kreis des Todes". Die Il-2 kreisten im Verbund über dem Ziel und stießen immer wieder hinab, während sich die Bordschützen gegenseitig Deckung gaben. Wer einen der Schlachtflieger von hinten angriff, geriet ins Feuer des nächsten.
Nach sowjetischen Angaben wurden in Einzelfällen sechs Panzer mit einem Anflug ausgeschaltet - die Abschussmeldungen beider Seiten waren allerdings notorisch übertrieben. Die deutschen Panzerverbände sollen daraufhin ihre Taktik geändert haben und sich auf dem Marsch und in Bereitstellungen weiter auseinandergezogen haben.
Die deutsche Führung und ihre Aufklärung hatten die Fähigkeiten der UdSSR auch im Flugzeugbau massiv unterschätzt. Unter dem deutschen Ansturm im Sommer 1941 musste die sowjetische Rüstungsindustrie überstürzt in den Osten des Landes verlagert werden. Die Il-2-Werke zogen von Woronesch und Moskau nach Kuibyschew an der Wolga, und die Produktion brach ein. Ende 1941 telegrafierte Stalin den Direktoren, sie hätten das Land und die Rote Armee im Stich gelassen. Die Rote Armee brauche die Il-2 jetzt "wie die Luft, wie das Brot". Es sei seine letzte Warnung.
Als die unter unsäglichen Strapazen und mit großen Opfern verlegten Werke wieder produzierten, stellten die sowjetische Rüstungsindustrie 1942 und 1943 mehr Flugzeuge her als die deutsche. 1943 lieferten sie knapp 2900 Maschinen im Monat aus, etwa jede dritte davon war eine Schturmowik. Möglich machte diese Stückzahl auch die Bauweise. Weil Aluminium knapp war, fertigten die Werke den hinteren Rumpf und die Außenflügel des "Betonflugzeugs" aus Holz.
Dieser Text erschien in einer längeren Version zuerst bei stern.de.

