Außergewöhnliches PhänomenFrau trägt jahrelang totes Baby mit Kalkschicht in sich
Von Jana Zeh
Eine Frau klagt mehrere Jahre über Bauchschmerzen, bis sie es nicht mehr aushält und in die Notaufnahme eines Krankenhauses geht. Was die Ärzte dann entdecken, wurde in der Medizingeschichte der letzten vierhundert Jahre nur selten dokumentiert.
Ärzte in Somaliland haben im Bauch einer Frau einen verkalkten Embryo entdeckt. Die Komplikation, die mit einer Bauchhöhlenschwangerschaft einhergeht, wird in der medizinischen Fachsprache Lithopädion genannt. Sie ist äußerst selten, schreiben die Mediziner in ihrem Fallbericht, der im "International Medical Case Reports Journal" veröffentlicht wurde. Wegen des schleichenden Verlaufs und der unspezifischen Symptome werde die Diagnose häufig erst spät gestellt, heißt es dort.
Was war passiert? Eine Frau kommt mit unerklärbaren Schmerzen und einem zunehmenden Schweregefühl im Unterbauch ins Krankenhaus in der Hauptstadt von Somaliland, einer autonomen Region innerhalb Somalias. Sie macht auf die Ärzte der Notaufnahme einen chronisch kranken Eindruck. Die Frau berichtet von dumpfen Schmerzen, die sie seit drei Jahren quälen und von einer Verschlimmerung während der letzten Monate.
Die 42-Jährige, die bereits drei Kinder geboren hat, berichtet außerdem von einer Schwangerschaft, die drei Jahre zurückliege. Sie hatte damals zwar den wachsenden Bauch und Kindesbewegungen wahrgenommen, allerdings endeten diese plötzlich. Ihr Bauch ging schließlich allmählich wieder zurück. Während der Schwangerschaft hatte die Frau, die einer sozial schwachen Familie angehört, weder ärztliche Hilfe noch Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch genommen. Aus diesem Grund gibt es keinerlei medizinische Aufzeichnungen dazu.
Computertomografie lässt Knochenstrukturen erkennen
Bei der körperlichen Untersuchung der Frau spüren die behandelnden Ärzte eine harte Geschwulst im Bauch, die sich bis zum Bauchnabel ertasten und kaum bewegen lässt. Ein Schwangerschaftstest ist negativ. Die folgende Ultraschalluntersuchung lässt eine Masse im Bauch der Frau erkennen, die Gebärmutter allerdings ist leer. Daraufhin wird eine Computertomografie durchgeführt und ein 3D-Modell erstellt.
Bei der Auswertung der Bilder erkennen die Ärzte deutlich die Skelettstrukturen eines Fötus, darunter Schädel, Wirbelsäule, Rippen, Arm- und Beinknochen. Die verkalkte Masse misst 13 mal 18 Zentimeter. Die Mediziner kommen zu dem Schluss, dass die Frau ein Lithopädion, umgangssprachlich auch Steinkind genannt, in sich trägt. Der Begriff setzt sich aus den altgriechischen Wörtern "lithos" (Stein) und "paidion" (Kindchen) zusammen.
Befruchtete Eizelle nistet sich falsch ein
Solche Steinbabys können entstehen, wenn sich eine befruchtete Eizelle nicht in der Gebärmutter, sondern in der Bauchhöhle einnistet. Dort reichen die Bedingungen normalerweise nicht aus, damit sich ein Embryo gut entwickeln kann. Er stirbt deshalb in einem frühen Stadium.
In seltenen Fällen jedoch nistet sich die befruchtete Eizelle in der Nähe von Blutgefäßen ein, wird durch diese versorgt und kann sich so weiter zu einem Embryo entwickeln. Das ist offenbar auch bei der Patientin passiert. Der Fötus, der später starb, war jedoch schon so groß, dass er nicht mehr auf natürliche Weise vom Körper der Frau abgebaut werden konnte. Er wurde vielmehr vom Immunsystem als Fremdkörper erkannt und deshalb nach und nach mit einer Kalziumschicht überzogen. Eine solche Hülle soll den Körper vor Infektionen und Vergiftungen durch den abgestorbenen Fötus schützen. Gleichzeitig trocknet sie das Gewebe aus und der Fötus mumifiziert.
Die Ärzte in dem afrikanischen Krankenhaus operieren und entfernen mit einem Bauchschnitt das Steinbaby aus dem Körper der Frau. Sie kann Tage später und in einem guten Zustand die Klinik verlassen. Auch bei den Nachuntersuchungen sechs Monate später ist sie in einem guten Zustand und ihr Bauch schmerzfrei.
Der Fall der Frau ist auch für die Mediziner außergewöhnlich. Insgesamt sind bisher in den letzten 400 Jahren der Medizingeschichte nur 340 dieser Fälle dokumentiert. Die meisten davon betrafen Frauen in den Wechseljahren.