Füllstand nicht erreichtWinter-Poker auf dem Gasmarkt setzt Europa unter Preisdruck

Mit einem verfehlten Füllstandsziel geht Deutschland in die kalte Jahreszeit. Im globalen Bieterwettbewerb um LNG gerät das Land unter Druck. Als zentraler Handelsplatz beeinflusst das deutsche Defizit auch andere Länder in Europa.
Deutschlands Gasspeicher gehen laut Daten der Preisberichterstattungsagentur Argus Media mit Rekordtiefständen in den Winter. Mit Stand vom 25. Oktober lagen die Vorräte in den Speichern bei nur 152 Terawattstunden (TWh). Zum Vergleich: Der Durchschnitt der vergangenen drei Jahre betrug 228 TWh. Da die Regierung aus Sicht von Marktteilnehmern zu spät und zu wenig eingegriffen hat, wird Deutschland außerdem sein Füllstandsziel von 70 Prozent bis zum 1. November verfehlen – derzeit liegt dieser bei 61 Prozent.
Vor allem stockende LNG-Lieferungen, geringere Importmengen sowie das Bestreben europäischer Partner und Anbieter, ihr Gas bevorzugt in eigene Speicher oder auf profitablere Märkte zu leiten, haben laut Alejandro Moreano, Leiter der Abteilung für deutsche Gaspreisgestaltung bei Argus Media, zum deutlichen Verfehlen der Zielmarke geführt. Mit Belgien und den Niederlanden hätten gleich zwei zentrale Partner ihre Exporte nach Deutschland drastisch gedrosselt. "Auch aus Norwegen floss weniger Gas, da es für die Förderunternehmen wirtschaftlich lukrativer war, den niederländischen Markt zu bedienen." Da die niederländischen Speicher zu Sommerbeginn leerer waren als die deutschen, zog das Land gezielt möglichst viel Gas an. Rein wirtschaftliche Anreize für die Einspeicherung gab es laut Moreano zwar nicht, doch das staatliche Unternehmen EBN trieb die Befüllung konsequent voran.
Normalerweise kaufen Großhändler im Sommer Erdgas günstig ein. Sie speichern es und verkaufen es im Winter mit Gewinn weiter. Die Preise sind infolge des Iran-Kriegs jedoch sehr hoch, sodass eine Einspeicherung wirtschaftlich unattraktiv war. Die Folge: Die Speicher sind deutlich geringer gefüllt als sonst zu dieser Jahreszeit.
Die Betreiber der Speicheranlagen warnen davor, dass der aktuelle Füllstand nicht ausreiche, um einen möglicherweise kalten Winter ohne Versorgungsengpässe zu überstehen. Zwar deuten aktuelle Wettermodelle auf einen milden Winter hin. Ein unerwarteter Kälteeinbruch könnte den Druck auf die Gasspeicher jedoch schlagartig erhöhen.
"Insbesondere bei sinkenden Temperaturen wird Deutschland im Winter so viel Gas wie möglich beschaffen müssen", sagt Moreano. Er verweist darauf, dass das Land inzwischen zu einem zentralen Versorgungs- und Transitknotenpunkt für Italien und Osteuropa geworden ist. Ob im Ernstfall ein Verteilungskonflikt innerhalb der EU droht, entscheidet laut Moreano primär der Markt.
"Am Ende werden vor allem Preisunterschiede darüber entscheiden, wohin das Gas im Winter fließt." Liegen die Preise in Italien oder Osteuropa hoch genug über den deutschen Notierungen, um die Transport- und Pipelinegebühren zu decken, werden die Unternehmen den Rohstoff dorthin leiten. Er gibt auch zu bedenken: Preise reagieren dynamisch auf Angebot und Nachfrage. "Und es ist unwahrscheinlich, dass Deutschland bei besorgniserregend niedrigen Speicherständen große Mengen exportieren wird."
Komplizierter sei die Lage beim LNG-Einkauf. Weil die deutschen Terminals teurer sind als jene in den Niederlanden oder Belgien, gerät Deutschland laut Moreano im globalen Bieterwettbewerb schnell ins Hintertreffen. "Trotz dieser Wettbewerbsnachteile ist Europa durch den massiven Ausbau der LNG-Importkapazitäten seit 2022 und einen spürbaren Nachfragerückgang heute jedoch insgesamt deutlich besser aufgestellt, um globale Marktschocks abzufedern."
Auch die Expertin für den europäischen Gasmarkt, Isabel Valverde Sala, geht nicht davon aus, dass Europa in diesem Winter auf ein Versorgungsproblem zusteuert. Der Kampf um Lieferungen mit asiatischen Käufern drohe aber die Gasrechnung der Verbraucher kräftig nach oben zu treiben. Wie stark der Markt unter Druck steht, zeigt der europäische Referenzpreis: Der Terminkontrakt TTF an der niederländischen Energiebörse kletterte erstmals seit 2022 kurzzeitig über die Marke von 100 Euro pro Megawattstunde.
