Wirtschaft

Der Knall ist programmiertVW hängt die Latte für Manager-Boni tiefer - ein fatales Signal

03.11.2026, 19:05 Uhr
imageEin Kommetar von Diana Dittmer
00:00 / 05:40
628812112
Düstere Zeiten für Volkswagen: Es geht um mehr als ein paar Prozentpunkte in einer Vergütungsformel. Es geht um Glaubwürdigkeit. (Foto: picture alliance/dpa)

Während Volkswagen von seiner Belegschaft weitere Opfer verlangt, soll der Aufsichtsrat die Hürden für Managerboni deutlich gesenkt haben. Ausgerechnet die Rendite, die als viel zu niedrig galt, soll nun doch für den vollen Bonus reichen. Das ist ein gefährliches Spiel vor einem harten Tarifkonflikt. 

Für die Beschäftigten bei Volkswagen ist es ein Schlag ins Gesicht: Während die Belegschaft um ihre Zukunft bangt, hat die Konzernspitze offenbar die eigenen Bonusmaßstäbe gesenkt. Eine operative Umsatzrendite von 3,8 Prozent, die VW-Finanzchef Arno Antlitz im Sommer noch als viel zu niedrig bezeichnete, soll in diesem Jahr angeblich für den vollen Bonus reichen.

Ein Vergleich mit dem Vorjahr verdeutlicht die Dimension: Damals hätten 3,8 Prozent Rendite lediglich für die Hälfte der entsprechenden Bonuskomponente ausgereicht. Für die volle Ausschüttung waren hingegen 5,8 Prozent erforderlich. Nun soll dieselbe Rendite genügen, die das Management zuvor als unzureichend für "kraftvolle Zukunftsinvestitionen" bezeichnet hatte. Das ist frech.

Zwar hängt die gesamte variable Vergütung von weiteren Kennzahlen ab. Doch schon diese Anpassung wirft Fragen auf. Wer seine Ziele verfehlt, sollte nicht einfach die Latte tiefer legen. Beim Fußball verschiebt man auch nicht das Tor, wenn der Ball das Ziel verfehlt. Das Frisieren von egal welchen Boni-Vorgaben steht im krassen Widerspruch zu den verordneten Sparmaßnahmen und -appellen. Genau solche Tricksereien sind nicht nur frech. Sie könnten sich auf den letzten Metern des Jahres - mit schwierigen Tarifgesprächen vor dem Bug - auch als fatal für die Konzernleitung erweisen.

Volkswagen hatte einen eigenen finanziellen Beitrag des Managements zum Sparprogramm angekündigt. Rund 4000 Führungskräfte in Deutschland sollen über mehrere Jahre hinweg acht Prozent ihres Jahresgehalts opfern, hauptsächlich durch geringere Boni. So lautete die Zusage. Wenn jetzt die Erfolgshürden für die variable Vergütung sinken, bekommt dieser Verzicht einen schalen Beigeschmack. Die Belegschaft soll sich einschränken, während das Management offenbar die Maßstäbe für sich selbst der Krise anpasst. Das passt nicht zusammen - und könnte sich gleich in mehrfacher Hinsicht rächen. 

Der Umgang mit dem elektrischen Hoffnungsträger ID. Golf zeigt, wie groß die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit inzwischen ist. Erst vergangene Woche erklärte VW-Markenchef Thomas Schäfer, der Konzern könne sich die Entwicklungsarbeiten für das Modell "gerade schlicht nicht leisten". Die Vorarbeiten werden vorläufig ausgesetzt, gestrichen ist das Projekt jedoch nicht. Trotzdem ist die Botschaft unmissverständlich: Bei der Zukunft des wichtigsten VW-Modells muss gespart werden. Gerade in einer Phase, in der Rekord-Spritpreise und staatliche Anreize die Nachfrage nach Stromern antreiben, zieht Europas größter Autobauer bei der eigenen E-Ikone den Stecker. Dass die Messlatte für die Bonusziele der Führung gleichzeitig niedriger gehängt wird, muss man den Beschäftigten erst einmal erklären. 

Dabei geht es nicht nur um ein paar Prozentpunkte in einer Vergütungsformel. Es geht um nicht weniger als die Glaubwürdigkeit einer Führung, die von ihren Mitarbeitern schmerzhafte Zugeständnisse verlangt. Volkswagen steckt in der Krise. Der Konzern muss seine Kosten senken, seine Modellpalette neu aufstellen und gegenüber chinesischen Wettbewerbern wieder an Tempo gewinnen. Das verlangt auch von den Beschäftigten erhebliche Opfer. Aber wer diesen Kurs durchsetzen will, muss selbst glaubwürdig vorangehen. Ein Management, das seine eigenen Erfolgsmaßstäbe der schlechten Geschäftslage anpasst, sendet die gegenteilige Botschaft. Ein Zukunftsplan ist es auch nicht.

Die volle Sprengkraft der offenbar geschönten Boni entfaltet sich mit Blick auf die anstehende Tarifrunde. Volkswagen hat zahlreiche Haustarifverträge zum Jahresende gekündigt. Betroffen sind unter anderem Regelungen zu Entgelt, Arbeitszeit und Zusatzleistungen. Die Beschäftigungssicherung bis Ende 2030 bleibt zwar ausdrücklich bestehen. Doch für die Beschäftigten stehen dennoch erhebliche Einschnitte zur Debatte. Die IG Metall verlangt die Rücknahme der Kündigungen und fünf Prozent mehr Entgelt. In drei Wochen beginnen die Verhandlungen. 

Sollte sich bestätigen, dass die Bonus-Latte für Manager tatsächlich niedriger gehängt wurde, würde es der Gewerkschaft ein kaum wirkungsvolleres Argument liefern. Die Friedenspflicht endet am 31. Dezember. Ab dem 1. Januar sind Streiks möglich. Volkswagen steuert ohnehin auf eine schwierige Tarifauseinandersetzung zu. Bis zu 50.000 weitere Jobs sind in Gefahr. Für den Vorstand dürfte es noch schwerer werden, der Belegschaft Zugeständnisse abzuverlangen. Wer von anderen Verzicht fordert, muss sich an den eigenen Maßstäben messen lassen. Bei Volkswagen scheint diese Regel jedoch außer Kraft gesetzt zu sein. 

Quelle: ntv.de

BonuszahlungenIG MetallVolkswagenManagergehälterTarifverhandlungen