Wirtschaft

Der Markt sorgt nicht vor Leere Speicher sind ein Wirtschaftsrisiko

02.11.2026, 18:01 Uhr
imageEin Kommentar von Max Borowski
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Je weniger die Gasspeicher gefüllt sind, desto größer ist die Gefahr hoher Preissprünge. (Foto: picture alliance/dpa)

Gasspeicher? Werden die überhaupt noch gebraucht? Wirtschaftsministerium und Bundesnetzagentur spielen die Bedeutung der niedrigen Füllstände zu Beginn der Heizsaison herunter. Zwar droht kein physischer Gasmangel. Das heißt aber nicht, dass die Lage unter Kontrolle ist.

Die gute Nachricht vorweg: Nach menschlichem Ermessen wird in Deutschland niemand in seiner Wohnung frieren müssen, weil in den kommenden Wintermonaten das Gas ausgeht. Die seit Wochen von den zuständigen Behörden und Regierungsvertretern gebetsmühlenartig wiederholte Phrase, die Versorgungssicherheit mit Erdgas sei nicht gefährdet, obwohl sich in den deutschen Gasspeichern deutlich weniger Gas befindet als zum Stichtag 1. November gesetzlich vorgeschrieben, ist grundsätzlich richtig. Die damit indirekt vermittelte Botschaft, man habe die Lage trotz der aktuellen Energiekrise voll im Griff und die niedrigen Gasspeicherstände seien letztlich egal, ist allerdings falsch.  

Zwischen der Gewissheit, dass die Heizungen voraussichtlich weiterlaufen, und einer wirtschaftlich verkraftbaren Gasversorgung liegt ein erheblicher Unterschied. Das Risiko, dass es zu extremen Preissteigungen kommt, die Unternehmen und Verbraucher extrem belasten und den jüngsten, zaghaften Aufschwung abwürgen könnten, ist real.  

Bei kritischen Nachfragen zur Gasversorgung verweisen Wirtschaftsministerium und die zuständige Bundesnetzagentur unter anderem auf die geplante nationale Gasreserve. Die existiert allerdings noch nicht und soll auch in Zukunft nur eine kurzfristige physische Mangellage verhindern. Ein Instrument, um Preisspitzen abzufedern, ist sie – im Gegensatz zu gut gefüllten Speichern - nicht. Außerdem heißt es immer wieder, Deutschland habe inzwischen eigene Flüssiggasterminals, deren Kapazität bislang bei weitem nicht ausgelastet sei. Im Krisenfall könnte über diesen Weg tatsächlich kurzfristig zusätzliches Gas beschafft werden, allerdings zu völlig unabsehbaren Preisen.  

Die Strategie der Bundesregierung unterscheidet zwischen der Vorsorge für eine physische Mangellage, für die sie selbst unter anderem mit der künftigen Reserve Vorsorge betreiben will, und dem Preisrisiko, für das die Unternehmen der Gasbranche in der Verantwortung stünden. Diese Unterscheidung ist jedoch naiv. Stark steigende Energiepreise sind eine Gefahr für die gesamte Volkswirtschaft. Der Markt ist, ohne politisches Eingreifen, nicht gut darin, solchen Risiken vorzubeugen. Der Füllstand der Gasspeicher ist ein Indiz dafür, dass es aus Sicht der einzelnen Unternehmen offenbar nicht sinnvoll erscheint, sich für extreme Krisenszenarien abzusichern.

Lange galt die Argumentation als weitgehend unbestritten, dass staatliche Vorgaben wie die Zielmarken für die Speicherstände die Vorsorge der privaten Unternehmen sogar erschwerten. Dadurch würden die Preise genau dann in die Höhe getrieben, wenn die Unternehmen verpflichtet sind einzuspeichern. Das stimmt zwar, die Alternative, sich noch mehr als nötig auf die Versorgung durch den Weltmarkt in der Heizsaison zu verlassen, kann aber viel teurer werden. Viel zu spät hat die Bundesregierung selbst eingesehen, dass es ohne den Staat als aktiven Akteur nicht geht, und unter anderem den bundeseigenen Gashändler und Speicherbetreiber Sefe angewiesen, zusätzliche Mengen einzuspeichern. Die Folge: Der Gaspreis wurde nun noch stärker in die Höhe getrieben und droht, etwa bei einem extrem kalten Winter oder bei anderen zusätzlichen Krisen zu explodieren. 

Zuletzt ist der europäische Großhandelspreis auch dank der deutschen Last-Minute-Käufe auf über 100 Euro pro Megawattstunde geklettert. Im September lag er noch bei gut 70 Euro. Zum Vergleich: Vor dem Beginn des Iran-Kriegs kostete die Megawattstunde weniger als die Hälfte davon. Die Analysten der Investmentbank Morgan Stanley haben ihre Szenarien für den europäischen Gasmarkt gerade noch einmal verschärft: Sie halten es nun für möglich, dass der Preis im Laufe des Winters auf 150 Euro klettern könnte. Als Grund nennen die Experten die niedrigen Speicherstände.

 

Quelle: ntv.de

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