Wirtschaft

Gegenwind von US-DemokratenDieser Crash markiert das Ende der blinden KI-Euphorie

06.11.2026, 16:22 Uhr IMG_4708Von Juliane Kipper
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In New York hatte der Technologie-Auswahlindex Nasdaq 100 am Donnerstag mit minus 6,4 Prozent den stärksten Tagesverlust seit dem Corona-Crash im März 2020 verzeichnet. (Foto: picture alliance / newscom)

Bei den führenden KI-Unternehmen weicht die bisherige Euphorie einer spürbaren Ernüchterung. Der weltweite Kursrutsch markiert jedoch kein Ende des Booms, sondern viel mehr einen Umschwung. Analyst Lipkow betont dazu: Der KI-Zyklus wächst aus seinen Kinderschuhen.

Die Sorge vor Restriktionen für KI-Rechenzentren nach dem Wahlerfolg der Demokraten in den USA hat an den Börsen weltweit eine globale Verkaufswelle ausgelöst. Von New York über Seoul bis Frankfurt brachen vor allem Aktien aus der Chipbranche ein. Laut dem Chef-Marktanalysten von CMC Marktes ist der jüngste Einbruch jedoch kein Anzeichen dafür, dass das KI-Thema an den Börsen vorbei ist. "Es ist vielmehr ein Signal dafür, dass die Marktteilnehmer beginnen, zwischen KI-Umsatz, KI-Gewinn und KI-Kapitalrendite zu unterscheiden. Der KI-Zyklus wächst aus seinen Kinderschuhen", sagt Andreas Lipkow ntv.de.

In New York hatte der Technologie-Auswahlindex Nasdaq 100 am Donnerstag mit minus 6,4 Prozent den stärksten Tagesverlust seit dem Corona-Crash im März 2020 verzeichnet. Für den Halbleiterindex SOX ging es sogar um mehr als 12 Prozent abwärts. Einzelwerte wie Nvidia (-9,3 %) oder Speicherhersteller wie Seagate und Sandisk brachen um bis zu 22 Prozent ein. Der Ausverkauf schwappte direkt nach Asien und Europa über: Der südkoreanische Leitindex brach um mehr als acht Prozent ein, und in Deutschland fiel der Dax bereits eine Viertelstunde nach Eröffnung wieder unter die Marke von 26.000 Punkten.

KI-Experte Theo Pham bezeichnet diese Entwicklungen im Gespräch mit ntv dennoch als eine "Überreaktion". Er gibt zu bedenken, man müsse immer zwischen Fakten und Stimmung unterscheiden. Hinsichtlich der reinen KI-Nachfrage hätten in den letzten Monaten praktisch alle Konzerne und Zulieferer Rekordergebnisse präsentiert. "Gleichzeitig schwebt aber kontinuierlich die Angst vor einer KI-Blase über dem Markt. Jede Nachricht, die auch nur ansatzweise nach KI-Regulierung klingt, wird daher sofort negativ aufgenommen."

Auslöser der aktuellen Nervosität ist vor allem die US-Politik. Nach dem Erdrutschsieg der US-Demokraten müssen sich die Tech-Konzerne auf mehr Gegenwind bei ihren riesigen Infrastrukturprojekten einstellen. Demokraten stehen den Chancen von KI skeptischer gegenüber als die Republikaner, die sich traditionell für den Abbau staatlicher Vorgaben starkmachen. Zudem stehen neue Rechenzentren vor Ort zunehmend wegen ihres immensen Strom- und Wasserbedarfs, möglicher Energiepreissteigerungen für Anwohner sowie Lärm- und Luftverschmutzung in der Kritik. "Die demokratische Mehrheit im US-Kongress und in den wichtigen Bundesstaaten erhöht den politischen Druck auf energie- und wasserintensive Rechenzentren enorm", sagt Lipkow.

Dieser politische und ökologische Druck trifft die Branche an einem empfindlichen Punkt, da Rechenzentren das Rückgrat der KI-Infrastruktur sind. Sollten die Investitionen in diesen Sektor gebremst werden, hätte das erhebliche Folgen für die Chiphersteller. Der Chip-Konzern Arm hat bereits davor gewarnt, dass die Stromverfügbarkeit zu einer kritischen Begrenzung des Rechenzentrumsausbaus wird. Laut Lipkow begrenzen derzeit auch weniger die reinen Finanzmittel als vielmehr die benötigten Ressourcen eine weitere Expansion.

Entscheidend für die Zukunft sei jedoch, ob die Investitionen in Rechenzentren dauerhaft die Kapitalkosten übertreffen. Nur dann handle es sich um einen nachhaltigen, rationalen Boom. Lipkow warnt vor den Alternativen: "Wenn dagegen immer neue Kapazitäten finanziert werden müssen, um den bisherigen Umsatz lediglich halten zu können, entsteht ein klassischer Überinvestitionszyklus -Zyklus." Genau an dieser Schwelle stehe der Markt aktuell.

Starke Kapitalflüsse, hohe Umsatzprognosen

Die Verunsicherung beschränkt sich dabei nicht nur auf den Tech-Sektor, sondern erfasst zunehmend breitere Marktsegmente. Die größten Ansteckungsrisiken sieht Lipkow bei Banken, Versorgern, Immobilien und Hochzinsanleihen. "Besonders gefährdet sind Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf hohen zukünftigen Auslastungsraten von Rechenzentren basiert und die sich dafür hoch verschuldet haben." Profitieren könnten hingegen Energieversorger und Betreiber mit bereits vorhandener Strominfrastruktur, wenn der Bedarf an abgesicherten Rechenzentren weiter steigt.

Trotz der Turbulenzen halten Experten Vergleiche mit dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 für unangebracht. "Meiner Ansicht nach gibt es da keine Parallelen. Die meisten KI-Unternehmen wie Nvidia sind extrem profitabel und verzeichnen hervorragende Margen", sagt Pham. Auch Lipkow verweist auf starke Kapitalflüsse und weiterhin hohe Umsatzprognosen. Das bedeute aber nicht, dass es keine Dotcom-ähnliche Bereinigung an den Aktienmärkten geben könne. Der entscheidende Unterschied zwischen künftigen Gewinnern und Verlierern werde in den Bilanzen stehen. "Unternehmen mit hoher Verschuldung und noch nicht gesichertem Kapitalfluss sind wesentlich gefährdeter als Unternehmen, die KI-Investitionen aus dem eigenen Cashflow finanzieren können", so Lipkow.

Worauf Anleger vor diesem Hintergrund achten sollten, ist Pham zufolge die hohe Volatilität im Markt. Selbst bei Aktien mit exzellenten Fundamentaldaten könne es kurzfristig zu zweistelligen Verlusten kommen. Ein Risiko entstehe für Anleger vor allem dann, wenn sie nicht langfristig denken. "Dann können kurzfristige Kursverluste zu massiven Einbußen führen – selbst wenn die Aktie langfristig extrem gut performt."

Für Privatanleger ist der Kursrutsch besonders spürbar, da Welt-Indizes wie der MSCI World stark technologielastig geworden sind. Schwergewichte wie Apple, Nvidia und Microsoft machten zuletzt über 20 bis 25 Prozent eines Standard-ETFs aus. Wer jedoch langfristig für die Altersvorsorge spart, sollte laut Experten Ruhe bewahren. Korrekturen von 10 bis 20 Prozent sind an den Märkten normal – bei laufenden Sparplänen ermöglichen sie sogar den Zukauf günstigerer Anteile. Dennoch betont Lipkow, dass die Phase des blinden Investierens vorbei sei: "Nicht überall, wo KI draufsteht, ist auch eine erfolgreiche und zukunftsträchtige Investitionschance enthalten."

Quelle: ntv.de, mit dpa