Wirtschaft

Wut der neuen Energieunternehmen"Die Pläne des Wirtschaftsministeriums sind ein Angriff auf privates Eigentum"

06.10.2026, 18:13 Uhr imageInterview: Christian Herrmann & Clara Pfeffer
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Die Energiepläne von Katherina Reiche sind auch in der eigenen Partei umstritten. (Foto: picture alliance/dpa)

Der Bundestag beschäftigt sich derzeit mit den Energiegesetzen von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Philipp Schröder warnt die Abgeordneten davor, sie unverändert durchzuwinken. Der Chef des Energieunternehmens 1Komma5Grad prophezeit im Interview wegen Regelungen wie der Wirkleistungsbegrenzung Auseinandersetzungen mit Hauseigentümern: private Solaranlagen sollen künftig maximal die Hälfte ihres erzeugten Stroms ins öffentliche Netz einspeisen dürfen. Die Vorgabe greift aber auch für Batteriespeicher, E-Autos und Wärmepumpen. "Das ist ein so billiger Versuch, Wettbewerb zu vermeiden", sagt Schröder im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" . Das gehe komplett an den Interessen des Ministeriums vorbei. Der Energieunternehmer macht die Netzbetreiber für die Regelung verantwortlich: Viele kleine tun ihm zufolge überfordert. Gleichzeitig versuche Europas größter, durch riesigen Netzausbau seine Rendite abzusichern - zulasten steigender Netzentgelte. "Ich krieg Herzrasen, wenn ich sehe, was wegen Eon kommt", sagt Schröder. Er ist überzeugt: Der volkswirtschaftliche Schaden wird immens.  

ntv.de: Sie kritisieren den Konkurrenten Eon. Was haben Sie gegen das Unternehmen?

Philipp Schröder: Gar nichts. Ich hatte sogar eine gute Beziehung zu Eon-Chef Birnbaum, weil es noch vor zwei Jahren so aussah, als wären wir bei der Energiewende relativ nah beieinander. Damals wollten wir beide, dass mehr Strom durch die Netze fließt, damit die Netzentgelte für alle günstiger werden. Seitdem haben sich ein paar Sachen verändert. Viele Innovationsgedanken, die Eon vor sich herträgt, dienen eigentlich dazu, die Monopolsituation im Netz abzusichern. Diese Absicherung geht zulasten eines klügeren, besseren, effizienteren Systems. Das treibt mich um. 

Was genau hat sich verändert? 

Als die Ampel sich Ende 2024, Anfang 2025 dem Ende näherte, war auch die Eon-Vision: Wir bauen ein so attraktives Energiesystem, dass alles elektrifiziert wird. Strom sollte so günstig sein, dass E-Mobilität und elektrisches Heizen ein Selbstläufer werden. Ein Elektrostaat. Zwei Jahre später arbeiten Einzelakteure daran, dieses System zu verhindern. Für mich sind es Eon und RWE. Tatsächlich schwören sie uns inzwischen gemeinsam mit der Bundeswirtschaftsministerin offen auf steigende Stromkosten ein, weil sie mit öffentlichen Geldern Gaskraftwerke finanzieren und die Netze massiv ausbauen wollen. 

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Philipp Schröder ist Mitgründer und Geschäftsführer von 1Komma5Grad. Das Energieunternehmen bietet Solaranlagen, Stromspeicher, Wärmepumpen und Wallboxen fürs E-Auto an und steuert mit seiner Software Erzeugung, Speicherung und Verbrauch. (Foto: picture alliance/dpa)

Aber die entsprechende Vorgaben werden doch nicht von Eon oder RWE gemacht. Auch Katherina Reiche kann Gesetze wie die EEG-Novelle und das Netzpaket als Ministerin nur in den Bundestag einbringen. Dann entscheiden die Abgeordneten. 

Viele Bundestagsabgeordnete haben die Dynamik auf der Netzseite nicht auf dem Schirm. Es gibt einerseits den VKU. Das ist der Verband kommunaler Unternehmen. 

Das sind die Stadtwerke, häufig gleichzeitig auch die Netzbetreiber?

Genau. Die machen gute Lobbyarbeit. Das sind kommunale Betriebe, die sagen: Wir haben Monopole, aber wir sind wichtig für die Kommunen. Diese Position ist bei Union und SPD gut platziert. Daneben steht Eon. 

Eon fungiert in vielen Regionen ebenfalls als Netzbetreiber?

Eon hat verschiedene Verteilnetzbetreiber aufgekauft. Alles Monopolisten. Die heißen Bayernwerk oder Westnetz - dort war Frau Reiche die Vorständin. Alle zusammen machen Eon zum größten Netzbetreiber Europas mit unglaublich hohen Erträgen. 80 Prozent der Gewinne kommen aus dem Netzbetrieb. Was ist das Geschäftsmodell? Eon verlegt Kupfer. Dieses Kupfer wird über Netzentgelte vergütet. Das ist eine staatlich definierte Abgabe wie die GEZ - mit einem Unterschied: Die Abgabe wird höher, desto mehr Kupfer ich verlege. Eon hat also ein intrinsisches Motiv, das Netz immer größer zu bauen, egal ob das intelligent ist oder nicht.

Eon baut Stromnetze, die wir eigentlich nicht benötigen?

Das möchte ich nicht unterstellen. Seriös kann man sagen: Eon hat ein Interesse daran, möglichst viel Kupfer zu verlegen. Dafür erhalten sie eine gesetzlich abgesicherte Rendite, die wir alle zahlen müssen - ob wir wollen oder nicht. Dieses Geschäftsmodell möchte Eon schützen. Daraus entstehen Folgeprobleme, um die sich die Netzbetreiber nicht oder nicht ausreichend kümmern. Wir haben keine Smart Meter. Auf Druck von Eon haben wir keine dynamischen Netzentgelte. Die Steuerbarkeit von Wärmepumpen oder Wallboxen kommt verspätet. Es fehlen Prozesse, um Erneuerbare intelligent zu integrieren.

Wo finde ich das "Klima-Labor"?

Dieses Interview können Sie sich anhören: Sie finden "Das Klima-Labor von ntv" auf ntv.de und überall, wo es Podcasts gibt: RTL+, Amazon Music, Apple Podcasts, Spotify, RSS-Feed.

Sie haben eine Frage an uns? Schreiben Sie E-Mail an klimalabor@ntv.de.

Und Sie sind überrascht, dass Eon seine Eigeninteressen verteidigt? 

Es gibt auch für Netzbetreiber eine zweite Tür, die sie wählen können. Die erste Tür ist: Wir machen weiter wie bisher und verlegen immer mehr Kupfer. Das ist zwar teuer, aber die Netzbetreiber haben keinen Wettbewerb. Es steigen einfach die Netzentgelte. Das sorgt für das bekannte Akzeptanzproblem. 

Strom wird teurer. 

Richtig. Allein Eon möchte in den nächsten Jahren knapp 50 Milliarden Euro investieren. Das geht, ganz ohne Risiko: In einigen Regionen sehen wir schon jetzt unglaublich hohe Netzentgelte von 20 Cent je Kilowattstunde. Das ist langfristig nicht über ein reines Abgabensystem finanzierbar. Das wird der Staat subventionieren müssen. Dann wird die Strategie auch für Eon zum Risiko. Plötzlich muss die Rendite jedes Jahr im Bundeshaushalt freigegeben werden. Deshalb hatte ich gehofft, dass Tür eins für Eon langfristig zu gefährlich ist. 

Wie sieht Tür zwei aus? 

Das ist der Elektrostaat. Das System ist intelligent vernetzt. Das Netz hat mehr Durchsatz und ist  volkswirtschaftlich leistungsfähiger. Es muss auch nichts gedrosselt werden, weil wir in Zukunft viel mehr Strom benötigen werden: Wir haben einen Hochlauf der Elektromobilität, bei Wärmepumpen und auch bei Rechenzentren. In diesem System können Netzbetreiber trotzdem viel Geld verdienen, weil die Netzentgelte auf die Kilowattstunde umgelegt werden: Je mehr Strom durchs Netz fließt, desto mehr Geld erhalten sie. Aber dafür tun wir nichts. Das erinnert mich an die Glasfaserdebatte. Damals hat sich die Telekom politisch durchgesetzt. Statt Glasfaser gab es ebenfalls mehr Kupfer. Das hieß dann ISDN. Die Profite waren gesichert und Deutschland hat das schnelle Internet um Jahrzehnte verpasst. 

Dasselbe passiert jetzt im Stromsystem? 

Das ist mein Vorwurf. Das ist kurzsichtig. Auch aus Aktionärssicht von Eon. Ich kriege Herzrasen, wenn ich sehe, was kommt. Der volkswirtschaftliche Schaden ist schon jetzt enorm. Rechenzentren, Gewerbeparks und Erneuerbare können nicht ans Netz angeschlossen werden. Wir haben erhöhte Stromkosten, die nichts mit dem Strom an sich zu tun haben. 

Aber das ist doch das genaue Gegenteil von dem, was Katherina Reiche plant. Sie hat zuletzt im Bundestag wieder betont: Frühere Regierungen haben die Kosten des Gesamtsystems aus dem Blick verloren. Diese sind zulasten der Bürger und Unternehmen explodiert. Sie möchte es besser machen. Sie ist gegen Staatshilfen und gegen Subventionen. Das sieht man auch beim Tankrabatt und bei den Gasspeichern.

Bei den Gaskraftwerken verteilt sie auch Subventionen an RWE. Das ist Framing. Alle wissen, dass die Stromkosten gestiegen sind. Es geht darum, politisch den schwarzen Peter zu verteilen. Es war ein Fehler, in der Energiekrise Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen. Aber jetzt wird der Spieß umgedreht. Plötzlich ist die Solaranlage an allem Schuld. Das ist Nonsens. Das Problem sind die dummen Netze. Deshalb verschenken wir Strom kostenfrei ins Ausland. Aber anstatt dieses Problem anzugehen, wird überschüssiger Strom zum Problem karikiert, während die Netzkosten weiter steigen. 

Hat das neue System die Erwartungen bisher wirklich erfüllt? Der E-Auto-Hochlauf passiert langsamer als geplant. Grüner Wasserstoff funktioniert gar nicht. Warum sollte sich jemand verändern wollen und wertvolle Assets wie die Stromnetze aufgeben, auch wenn sie "dumm" sind? 

Man muss unterscheiden zwischen sachlicher Diskussion und Kulturkampf. Die Netze sind ein Asset. Richtig. Aber wie funktionieren sie in Deutschland? Jedes Haus hat eine Netzanschlussleistung. Diese Netzanschlussleistung trägt der Verteilnetzbetreiber ein. Diese Zahl ist die absolute Maximalleistung, die zur Verfügung gestellt werden könnte! Wie oft wird diese Leistung abgerufen? Wenige Minuten am Tag.

Die Netze sind gar nicht ausgelastet? 

Genau! Es gibt in Deutschland zig Millionen Netzanschlusspunkte. Die Netzbetreiber sagen für jeden einzelnen davon, dass die Nennleistung jederzeit verfügbar sein muss. Jeder Netzanschlusspunkt ist überdimensioniert. Das ist auch okay. Aber dann lasst uns doch die Auslastung durch intelligente Steuerung optimieren und diese Assets so nutzen, dass ohne Netzausbau mehr Strom transportiert werden kann. So machen es die Amerikaner: Die haben ein ganz altes Netz. Auch dort sind Verteilnetzbetreiber Monopolisten. Aber sie haben die Netzanschlussleistung handelbar gemacht. 

Das heißt? 

Angenommen, man baut an einem Netzknotenpunkt ein Rechenzentrum mit einem Gigawatt Rechenleistung. Das ist ungefähr der Stromverbrauch von einer Million Menschen. Wir können versuchen, so viel Kupfer aufzugießen, bis dieser Strom durchs Netz passt. Alternativ können wir das vorhandene Netz intelligent steuern und Unternehmen und Haushalte fragen: Wärt ihr bereit, eure Netzanschlussleistung zu reduzieren? Um 10 Prozent? 50? Vielleicht sogar dauerhaft? Dann könnte der Netzbetreiber diese Leistung anders zuweisen. In den USA zahlen die Betreiber der Rechenzentren 180.000 Dollar im Jahr, wenn jemand bereit ist, seine Netzanschlussleistung um ein Megawatt zu reduzieren. Was machen wir? Die Verteilnetzbetreiber sagen: Das können wir nicht. Das ist die offizielle Position des VKU. Wir machen Planwirtschaft. 

Planwirtschaft? 

Ja. Es gibt keine Bepreisung. Es gibt keinen Wettbewerb. Es gibt kein Marktsystem. Wir haben regelmäßig überschüssigen und damit kostengünstigen Strom, aber fragen 40 Millionen deutsche Haushalte nicht, ob sie Lust hätten, diesen Strom abzunehmen. Jeder Heimspeicher, jede Wärmepumpe, jedes E-Auto, jeder Großspeicher sollten sagen können: Den will ich haben! Stattdessen schreiben wir Dinge wie die Wirkleistungsreduzierung in unsere Gesetze und verwehren unseren Assets künstlich den Marktzugang. Das ist Sabotage.

Wie wollen Sie die Politik überzeugen, dass Ihr Vorschlag der klügere ist? 

Irgendwann wird der Handlungsdruck so groß, dass man eingreifen muss. E-Autos drängen inzwischen massiv in den Markt. Klimaanlagen auch. Die Menschen wollen das, denn die Sommer werden heißer. Speziell ältere Menschen brauchen sie auch. Allein für Klimaanlagen wird in Europa so viel Strom benötigt wie für die Niederlande. Die Wärmepumpe ist die beliebteste Heizung. Nicht nur im Neubau, sondern überall. Europaweit. Das hat nichts mit politischen Einstellungen, Zielen oder dem Klimawandel zu tun. Das ist die Realität. 

Die EEG-Novelle und das Netzpaket befinden sich aber bereits zur Abstimmung im Bundestag. Die sollen bald beschlossen werden. 

Ich bin sehr optimistisch, dass wir einige Abgeordnete der Union und der SPD zum Nachdenken angeregt haben. Auch, weil man sich nicht gleichzeitig darüber beschweren kann, dass wir in der ersten Energiekrise die Atomkraftwerke abgeschaltet haben und jetzt haben wir eine zweite und man möchte per Gesetz dauerhaft private und gewerbliche Flexibilitäten abklemmen? Auf dem Dach, in der Garage und im Keller?

Das ist die Wirkleistungsbegrenzung.

Die wird rausfliegen, und zwar krachend. Die Automobilindustrie ist dagegen. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft ist dagegen. Selbst Eon hat für die Regelung kein plausibles Argument. Das ist ein so billiger Versuch, Wettbewerb zu vermeiden. Das geht komplett gegen die Interessen des Ministeriums: Das soll Wettbewerb schaffen, nicht in Eigentümerrechte eingreifen! Das macht die Union, nachdem sie den "Heizhammer" von Robert Habeck genau deshalb durch den Senf gezogen hat? Ich bin gespannt, welche Abgeordneten in einer namentlichen Abstimmung bereit sind, die Auseinandersetzung mit Hauseigentümern zu riskieren. 

Die besitzen die Solaranlagen.

Ja. In dem Bereich wird Tür zwei gestärkt werden. Bei Netzentgelten bin ich nicht so optimistisch. Die Verteilnetzbetreiber werden einfach sagen, dass ihr IT-System das nicht kann. Griechenland, Rumänien, Ungarn, Italien schaffen das. Wir leider nicht. Damit werden wir uns weiter herumärgern müssen. Ansonsten kann die Einspeisevergütung für kleine Solaranlagen wie von Frau Reiche geplant weg. Darauf freuen wir uns. Das ist auch der Kern der EEG-Novelle. Es wird endlich einen Marktplatz für unseren Strom geben. Wenn diese Direktvermarktung kommt und die Wirkleistungsbegrenzung rausfliegt, gibt es mehr Gewinner als Verlierer. 

Mit Philipp Schröder sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören. 

Klima-Labor von ntv

Was hilft wirklich gegen den Klimawandel? Funktioniert Klimaschutz auch ohne Jobabbau und wütende Bevölkerung? Das "Klima-Labor von ntv" ist der Podcast, in dem Clara Pfeffer und Christian Herrmann Ideen, Lösungen und Behauptungen der unterschiedlichsten Akteure auf Herz und Nieren prüfen.



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Quelle: ntv.de

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