HessenFachkräfte gesucht - Manche Firmen setzen auf Werkswohnungen

Wohnungsnot einerseits, Fachkräftemangel andererseits. Wer einen neuen Job anfängt, braucht oftmals auch eine Unterkunft. Manch hessisches Unternehmen setzt auf ein altbekanntes Konzept.
Frankfurt/Wiesbaden (dpa/lhe) - Wer für eine neue Stelle an einen anderen Ort ziehen muss, steht oft vor einem großen Problem: Es gibt kaum noch bezahlbaren Wohnraum, insbesondere in Städten und Ballungsgebieten wie dem Rhein-Main-Gebiet. Um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzulocken, bieten manche Arbeitgeber auch gleich eine passende Unterkunft an oder unterstützen bei der Suche. Schließlich können es sich Firmen kaum noch leisten, junge, talentierte Bewerber zu verlieren, weil die keine passende Wohnung finden.
Die Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH (FES) hat kürzlich im Stadtteil Höchst 48 Werkswohnungen fertiggestellt. Zwei Jahre nach dem Spatenstich sind nun die Mieterinnen und Mieter eingezogen. In den Komplex mit Photovoltaikanlage gibt es Ein- bis Fünf-Zimmer-Wohnungen. Damit werde auch und besonders an Familien gedacht, heißt es.
"Bezahlbarer Wohnraum ist knapp in Frankfurt", erklärte Oberbürgermeister Mike Josef. 36 der 48 Wohnungen seien geförderter Wohnraum, der in der Stadt dringend benötigt werde. Und: "Die FES geht hier mit gutem Beispiel voran und sorgt dafür, dass sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer das Wohnen in Frankfurt leisten können." Mehr Projekte wie diese würden ein Gewinn sein für die Mainmetropole.
Richtfest für 168 Klinik-Betriebswohnungen in Wiesbaden
In Hessen gibt es aber noch andere Beispiele: So wurde erst Ende September in Wiesbaden auf einem bisherigen Hubschrauberlandeplatz Richtfest gefeiert - und zwar für die 168 Wohnungen, die dort für Beschäftigte der Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken (Helios HSK) entstehen. Insgesamt werden nach Angaben der Stadt zehn Gebäude gebaut - in Holzhybridbauweise, mit begrünten Dächern und PV-Anlage. Zudem sind ein Quartiersplatz und ein Kinderspielplatz geplant. Die Fertigstellung ist demnach für September 2027 vorgesehen.
"Wir schaffen damit ein attraktives Angebot für unsere Mitarbeitenden und unterstützen die Gewinnung neuer Fachkräfte", erklärte damals Klinik-Geschäftsführer Thorsten Sleifir. Wiesbadens Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende sprach von einem "starken Signal". Bezahlbare Wohnungen seien rar in der Landeshauptstadt.
In Gießen baut Vitos eine Wohnanlage mit 38 Einheiten
Und im südhessischen Heppenheim hat der Klinikbetreiber Vitos vor einem Jahr eine Wohnanlage mit insgesamt 23 Einheiten für Mitarbeitende eröffnet. Hessenweit beschäftigt Vitos nach eigenen Angaben mehr als 12.000 Mitarbeitende und stellt beispielsweise auch in Riedstadt (Kreis Groß-Gerau) Wohnraum zur Verfügung.
Um für die Fachkräfte ein attraktiver Arbeitgeber zu sein, werde das Angebot ausgeweitet - vor allem dort, wo Wohnraum knapp sei, heißt es. Gerade wird etwa in Gießen ein Wohnheim mit 38 Einheiten gebaut, das zum Jahresende fertig werden soll.
Minister: Betriebswohnungen helfen, Fachkräfte zu gewinnen
Nach Angaben des Mieterbundes fehlen in Hessen derzeit Hunderttausende Wohnungen. Landeswirtschaftsminister Kaweh Mansoori begrüßt das Engagement von Unternehmen, sich stärker im Wohnungsbau zu engagieren. "Wer in Hessen arbeitet, muss sich in der Nähe seines Arbeitsplatzes auch eine Wohnung leisten können." Beschäftigte sollten nicht vor der Wahl stehen, entweder eine hohe Miete zu zahlen oder jeden Tag lange Wege zur Arbeit zurückzulegen. "Betriebswohnungen können diesen Druck lindern. Sie geben Beschäftigten mehr Sicherheit und helfen Unternehmen, Fachkräfte zu gewinnen und zu halten."
Neu ist das alles natürlich nicht. Im Gegenteil: Betriebswohnungen haben lange Tradition in Deutschland. Bereits während der Industrialisierung bauten große Unternehmen für ihre Mitarbeiter Unterkünfte. Nun scheint das altbekannte Konzept bei manchen Unternehmen wieder in den Fokus zu rücken.
Studie: Jedes fünfte Unternehmen hilft bei Wohnungssuche
Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln veröffentlichte vor einigen Monaten eine Studie, wonach gut ein Fünftel der Unternehmen (21 Prozent) seinen Beschäftigten bei der Wohnungssuche hilft, etwa organisatorisch oder finanziell. Fast jedes zehnte Unternehmen (9 Prozent) stellt Wohnraum zur Verfügung - direkt oder über Tochtergesellschaften.
Mehr als die Hälfte der befragten Betriebe berichten demnach von positiven Effekten auf das Gewinnen und Binden von Fachkräften. Auch für Auszubildende und dual Studierende zeigten sich Vorteile, wenn auch in geringerem Maß. Für die Studie wurden von Mitte Juli bis Ende August 2025 insgesamt 826 Unternehmen aller Branchen mit Ausnahme des öffentlichen Diensts befragt.
Keine flächendeckende Verbreitung in Deutschland in Sicht
Direkte Angebote wie Werkswohnungen bleiben aber die Ausnahme, so die Studie. Eine flächendeckende Verbreitung ist dem IW zufolge nicht in Sicht. Nur wenige Unternehmen planen demnach, in den kommenden fünf Jahren neue Angebote einzuführen. Als Hürden nennen sie unter anderem ungünstige Rahmenbedingungen auf dem Wohnungsmarkt, fehlende Kooperationspartner, rechtliche und steuerliche Unsicherheiten sowie hohen Verwaltungsaufwand.