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Baden-Württemberg41 Jahre ungelöst - 70-Jähriger wegen Mordes vor Gericht

06.10.2026, 17:35 Uhr
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1985 wird die nackte Leiche einer Frau gefunden. Jetzt muss ein 70-Jähriger wegen Mordes vor Gericht. Was er zu den Vorwürfen sagt.

Ulm (dpa/lsw) - Helmut Kohl ist Bundeskanzler, die Berliner Mauer steht noch, und im Radio läuft "I Want to Break Free". Es ist 1985. Ein Jahr, das heute weit weg scheint - und doch mitten in einem Mordprozess am Landgericht Ulm steht. Dort muss sich ein 70-Jähriger wegen eines grausamen Verbrechens verantworten, das Jahrzehnte zurückliegt.

Vor mehr als 41 Jahren werden Ermittler bei Deggingen im Landkreis Göppingen auf einen Fall gestoßen, der sie über Jahrzehnte beschäftigen wird. An einem Waldweg wird die Leiche einer 31 Jahre alten Frau gefunden. Die Beine sind mit einem Büstenhalter zusammengebunden, der Körper weist schwere Verletzungen auf. Wer die Frau getötet hat und was genau geschehen ist, bleibt zunächst im Dunkeln.

Anklage: Frau mit massiver Gewalt getötet

Ihr Gesicht ist teilweise skelettiert und durch Tiere in Mitleidenschaft gezogen. Die Verletzungen sprechen für massive Gewalteinwirkung. Möglicherweise wurde die Frau sogar von einem Fahrzeug teils überrollt. Die Anklage sprach zu Prozessbeginn von massiver Gewalt und einem absoluten Tötungswillen, dem die 31-Jährige zum Opfer gefallen ist.

Die damaligen Ermittler sichern Spuren, befragen Menschen aus dem Umfeld der Toten und versuchen, ihre letzten Stunden zu rekonstruieren. Eine erste wichtige Spur ist ein Schlüssel, den sie bei der Leiche finden. Er führt zu einem Schließfach am Bahnhof in Göppingen. Die dort entdeckten Unterlagen helfen schließlich dabei, die Frau zu identifizieren.

Sie ist 31 Jahre alt, arbeitet vor ihrem Tod als Küchenhilfe und hat keinen festen Wohnsitz. Häufig hält sie sich rund um den Göppinger Bahnhof auf. In einer Kneipe lernt sie den späteren Angeklagten kennen. Er ist damals 29 Jahre alt, Zeitungszusteller, verheiratet und Vater einer Tochter. Er und seine Frau erwarten ihr zweites Kind.

Angeklagter widerspricht den Vorwürfen

Nach seiner Darstellung vor Gericht begegnen sich die beiden einige Male und haben einmal Sex. Die Frau sei ihm als sexuell offen beschrieben worden. Schließlich habe er sie in seinem Auto mitgenommen. Ob der Sex im Fahrzeug oder außerhalb stattgefunden hat, könne er nicht mehr genau sagen. Danach hätten sich ihre Wege getrennt.

Der Angeklagte war schon im 22. März 1985 von der Polizei befragt worden. Damals soll er angegeben haben, die Frau schon aus den 1970er-Jahren zu kennen. Heute sagt er dagegen, er habe sie erst 1984 kennengelernt. Er könne sich nicht mehr an viel erinnern, aber er wisse: "Es war nur Sex, nichts anderes." Eine Beziehung habe er mit der Frau nicht gehabt.

Nach ihrem Tod wird der Deutsche erstmals im März 1985 von der Polizei vernommen und wieder laufengelassen. Die weiteren Ermittlungen verlaufen im Sand, der Fall wird nach und nach zum Cold Case.

2022 kommt wieder Bewegung rein. Dem Angeklagten wurde von der Polizei zu Hause eine Speichelprobe entnommen. Rund drei Jahre später durchsuchen Polizisten sein Haus in Schwendi (Landkreis Biberach) und sichern Beweismittel. Im April dieses Jahres wird der Mann schließlich festgenommen.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten Mord vor. Nach ihrer Darstellung soll er die Frau im Februar 1985 zu dem Waldweg gebracht und vergewaltigt haben. Anschließend soll er sie gewürgt und mit einem Stein gegen ihren Schädel geschlagen haben. Auch könne nicht ausgeschlossen werden, dass er mit einem Auto über ihren Körper gefahren sei. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Mord dazu diente, die vorangegangene Sexualstraftat zu verdecken.

Durch alte DNA-Spur überführt?

Die Auswertung beschlagnahmter Beweismittel, eine Neubewertung alter Spuren, ein rechtsmedizinisches Gutachten und DNA-Abgleiche erhärteten laut Staatsanwaltschaft den Tatverdacht. Eine alte DNA-Spur soll dabei eine zentrale Rolle gespielt haben. Am ersten Verhandlungstag gab es aber keine Details dazu.

Warum ein solcher Fall nach vier Jahrzehnten überhaupt noch einmal Fahrt aufnehmen kann, lässt sich auch mit den enormen Fortschritten der Forensik erklären. "Unsere technischen Möglichkeiten der DNA-Analyse sind weitaus besser als vor 40 Jahren", sagt Professor Sebastian Kunz vom Universitätsklinikum Ulm, der auch als gerichtsmedizinischer Gutachter an dem Prozess beteiligt ist. Heute könne man "bereits mit kleinsten Mengen ein potenzielles Täterprofil erstellen".

Unter bestimmten Voraussetzungen können aus DNA inzwischen sogar bestimmte äußerliche Merkmale abgeleitet werden. Es sei möglich, "gewisse phänotypische Merkmale zu rekonstruieren", sagt Kunz - beispielsweise Augen-, Haar- und Hautfarbe.

Lösung von Cold Cases sehr aufwendig

Doch eine DNA-Spur allein bringe die Ermittler noch nicht zum Täter. "Man braucht einen entsprechenden Abgleich mit einer Vergleichsspur", erklärt Kunz. Auch die Aufarbeitung selbst sei aufwendig. "Man darf nicht vergessen, dass die Aufarbeitung alter Mordfälle einen hohen Personalaufwand mit sich bringt", sagt der Rechtsmediziner. Es dauere, "bis alte Fälle aufgearbeitet werden und DNA-Analysen beauftragt werden".

Hinzu kommt, dass ein Cold Case anders funktioniere als ein aktuelles Tötungsdelikt. "Polizeiliche Ermittlungsverfahren und rechtsmedizinische Nachbegutachtung von Cold Cases sind immer komplex", sagt Kunz. Einer der Gründe sei, "dass man ja nicht direkt beteiligt war, sondern quasi nur indirekt begutachtet".

Für den Prozess wurden sechs Tage angesetzt. Ein Urteil könnte am 11. November fallen.

Quelle: dpa

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