Kumpeleien mit Trump-Regierung Wahlverlierer Bolsonaro flieht vor Justiz - in die Arme seiner Verbündeten?
Von Lukas Märkle
Der brasilianische Präsidentschaftskandidat Flávio Bolsonaro flieht kurz nach seiner Wahlniederlage aus seiner Heimat. Die Justiz ermittelt gleich wegen mehrerer Vorwürfe gegen den rechten Politiker. Eine Übersicht zum aufsehenerregenden Fall.
Wo befindet sich Flávio Bolsonaro?
Flávio Bolsonaro ist in den USA. Nach stundenlanger Unklarheit landet der brasilianische Präsidentschaftskandidat auf einem Privatflughafen nördlich von Miami. Am Dienstagabend hatten US-Medien unter Berufung auf anonyme Insider bereits berichtet, der Geflohene befinde sich in den USA. Diese Berichte waren jedoch unzutreffend.
Bolsonaro war am Dienstag "mit gültigen Reisedokumenten und ohne rechtliche Hindernisse" nach Argentinien eingereist, wie die örtlichen Behörden mitteilten. Laut argentinischen Angaben soll er über den Grenzübergang an der Tancredo-Neves-Brücke ins Land gekommen sein. Diese verbindet die brasilianische Stadt Foz do Iguaçu und die argentinische Stadt Puerto Iguazú. Von Argentinien aus soll er anschließend am Dienstagabend mit einem Privatflug nach Guayaquil in Ecuador geflogen sein.
Der Oberste Gerichtshof Brasiliens hatte seine Reisepässe für ungültig erklärt und ihm eine Ausreise untersagt. Neben seinem regulären Reisepass besitzt er einen Diplomatenpass als brasilianischer Senator. Allerdings besitzt Bolsonaro seit 2023 auch die italienische Staatsbürgerschaft und könnte einen Reisepass des europäischen Landes verwendet haben. Eine Bestätigung hierfür gibt es jedoch nicht.
Was wird Flávio Bolsonaro in Brasilien vorgeworfen?
Der Oberste Gerichtshof Brasiliens ermittelt gegen Flávio Bolsonaro zu zwei Sachverhalten. Bolsonaro wird Geldwäsche und Korruption vorgeworfen. Einer der Vorwürfe gegen Bolsonaro steht im Zusammenhang mit mutmaßlich illegalen Online-Wettplattformen.
Ein weiterer betrifft die Produktion eines Films über seinen im Hausarrest sitzenden Vater Jair Bolsonaro. Für dieses Projekt sollen Gelder von einer Bank geflossen sein, die im vergangenen Jahr in einen Betrugsskandal in Milliardenhöhe verwickelt war. Die Justiz vermutet, dass Teile der Filmfinanzierung abgezweigt worden sein könnten. Diese könnten demnach an den jüngeren Bruder Eduardo Bolsonaro geflossen sein, der sich in den USA aufhält.
Flávio Bolsonaro bestreitet jegliches Fehlverhalten. Derzeit hat er aufgrund seines Sitzes im brasilianischen Senat noch parlamentarische Immunität. Seine Amtszeit läuft allerdings im Februar aus.
Warum durfte Flávio Bolsonaro trotz Ermittlungen als Präsident kandidieren?
Die laufenden Ermittlungen standen Flávio Bolsonaros Präsidentschaftskandidatur nicht entgegen. Ein Ermittlungsverfahren allein führt in Brasilien nicht zum Verlust der Wählbarkeit. In den aktuellen Verfahren lag gegen ihn keine Verurteilung vor, die ihn von der Wahl ausgeschlossen hätte. Flávio Bolsonaro und seine Unterstützer stellten das Vorgehen der Justiz als politisch motiviert dar.
Welche Verbindungen gibt es zwischen Trump und der Bolsonaro-Familie?
Die Familie Bolsonaro und Donald Trump teilen rechte politische Ansichten; beide Seiten inszenieren sich zudem als Gegner der politischen Eliten. Jair Bolsonaro suchte während der gleichzeitigen Regierungszeit mit Donald Trump in den Jahren 2019 und 2020 dezidiert die Nähe zu Washington. Trump sprach sich zudem 2022 für die Wiederwahl Jair Bolsonaros in Brasilien aus. Jair Bolsonaro verlor die Wahl jedoch gegen Lula da Silva.
Nach der Wahlniederlage stürmten am 8. Januar 2023 Anhänger Bolsonaros den Kongress, den Präsidentenpalast und das Oberste Gericht in der Hauptstadt Brasília. Sie behaupteten, die Wahl sei manipuliert worden.
Noch vor dem Ende seiner Amtszeit und dem Sturm auf die Institutionen in der Hauptstadt war Jair Bolsonaro allerdings nach Florida geflogen. Der brasilianische Rechtsaußen hielt sich für drei Monate in Florida auf, bevor er in seine Heimat zurückkehrte. Der heute 71-Jährige wurde wegen der Beteiligung an einem versuchten Staatsstreich zu einer Haftstrafe von mehr als 27 Jahren verurteilt. Diese sitzt er aus gesundheitlichen Gründen derzeit im Hausarrest ab.
Seit Beginn von Trumps zweiter Amtszeit betreiben seine Söhne bei der US-Regierung Lobbyarbeit für ein Eingreifen zugunsten ihres Vaters. Flávio Bolsonaros jüngerer Bruder Eduardo flog Anfang 2025 in die USA, wo er sich seither aufhält. Er setzte sich bei der Trump-Regierung dafür ein, Maßnahmen gegen die brasilianische Justiz zu ergreifen.
Damit hatte er Erfolg. Im Juli 2025 kündigte die Trump-Regierung Zölle von 50 Prozent auf zahlreiche brasilianische Waren an und verwies dabei auch auf die angebliche "Verfolgung" Jair Bolsonaros. Trump bezeichnete die Verfahren gegen Jair Bolsonaro damals unter anderem als "Hexenjagd". Hinzu kamen Visa-Entzüge für Richter und Sanktionen gegen den Richter Alexandre de Moraes, der eine zentrale Rolle in den Verfahren gegen Jair Bolsonaro spielte.
Eduardo Bolsonaro war zu diesem Zeitpunkt noch Kongressabgeordneter in seinem Heimatland. Dieses Mandat wurde ihm wegen seiner Abwesenheit entzogen. Eduardo Bolsonaro wurde in Abwesenheit wegen Nötigung im Zusammenhang mit dem Verfahren gegen seinen Vater zu vier Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt. Hintergrund waren seine Versuche, die Trump-Regierung zu einem Eingreifen in das Verfahren gegen seinen Vater zu bewegen. Inzwischen besitzt er eine Green Card und damit eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung für die USA.
Inwiefern versuchte sich die Trump-Regierung rund um die Wahl in Brasilien einzumischen?
Die Trump-Regierung hat die Kandidatur von Flávio Bolsonaro für das Präsidentenamt nicht offiziell unterstützt. Das Außenministerium unter Außenminister Marco Rubio hatte jedoch hinter den Kulissen daran gearbeitet, Bolsonaros Ansehen in Brasilien im Vorfeld der Wahl zu stärken, berichtet die "New York Times".
Das US-Außenministerium stufte in diesem Jahr die beiden größten Drogenbanden Brasiliens als terroristische Organisationen ein, nachdem sich Flávio Bolsonaro und sein Bruder Eduardo intensiv dafür eingesetzt hatten.
Im Sommer dieses Jahres wollte die US-Regierung zudem eine Delegation des Außenministeriums nach Brasilien entsenden. Dieser wurde jedoch von brasilianischer Seite ein Visum verweigert. Als Grund wurde eine mögliche Beeinflussung der Wahlen angeführt. Im Gegenzug entzog die US-Regierung einem brasilianischen Diplomaten in Washington das Visum.
Was wirft Bolsonaro dem Wahlsieger Lula vor?
Nachdem Bolsonaro die Wahlergebnisse zunächst abgelehnt hatte, räumte er am Montag seine Niederlage ein. Bolsonaro warf Lula jedoch vor, mit unlauteren Mitteln gewonnen zu haben. Er verwies auf eine Entscheidung des Präsidenten wenige Tage vor der Wahl, die Sozialhilfe zu erhöhen. Bolsonaro erklärte, er plane, Rechtsmittel einzulegen, um Lula den Wahlsieg abzuerkennen.
Welche Reaktionen gab es auf die Bolsonaro-Flucht?
Trump äußerte sich positiv zu einer Aufnahme Flávio Bolsonaros in die USA. "Nun, ich würde dem zustimmen. Ich halte sie für nette Leute", erklärte der Republikaner. "Die Wahl war sehr seltsam und ich fand sie schrecklich", sagte er. Am Montag hatte Trump bereits erklärt, der Urnengang in Brasilien sehe wie "eine weitere manipulierte Wahl" aus.
Der Wahlsieger Lula erklärte am Dienstag, dass Bolsonaros Flucht aus Brasilien "beschämend" sei und sein Gegner im Land hätte bleiben können, um sich vor Gericht gegen seine Ankläger zu verteidigen. "Leider ist das typisch für die Familie Bolsonaro. Brasilien ist ihre zweite Heimat; ihre erste Heimat sind die Vereinigten Staaten", sagte er.
Die Partei Bolsonaros in Brasilien wurde von dem Schritt ihres Präsidentschaftskandidaten überrascht. "Wir sind überrascht, denn gestern haben wir darüber gesprochen, dass Flávio angesichts der rund 60 Millionen Stimmen, die er erhalten hat, die Führungsrolle für die Opposition übernehmen muss", erklärte sein Wahlkampfmanager Rogério Marinho.
