Kohlestrom ohne AusstiegsplanTürken machen vor Weltklimagipfel mobil gegen "Grube der Hölle"

Am Montag beginnt in Antalya die 31. Weltklimakonferenz. Die Türkei möchte sich mit einer Kampagne zum Ausbau erneuerbarer Energien von ihrer besten Seite zeigen. Doch Kohle macht noch immer den größten Anteil an der Stromerzeugung aus - mehr als in jedem anderen europäischen Land.
"Wir nennen sie Grube der Hölle", sagt Bürgermeisterin Nejla Isik beim Anblick des Braunkohletagebaus, der ihr Dorf Ikizköy im Westen der Türkei zu verschlingen droht. Die 48-Jährige setzt sich seit Jahren gegen Bergbauprojekte in der Provinz Mugla ein, zusammen mit ihrer Tochter und zahlreichen weiteren Bewohnern, deren Dörfer in Gefahr sind.
Ihr Gegner ist der Energiekonzern YK Enerji, der den Braunkohletagebau ausweiten will, um die Stromproduktion in zwei Kraftwerken aufrechtzuerhalten. Anwohner haben deshalb Klagen gegen das Unternehmen eingereicht- und auch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan, der im Januar die Enteignung von 679 Grundstücken zugunsten des Tagebaus angeordnet hatte.
Kein Zeitplan für Kohleausstieg
Auf der am Montag in Antalya beginnenden 31. Weltklimakonferenz (COP31) will sich die Türkei dagegen mit einer Kampagne zum Ausbau erneuerbarer Energien von ihrer besten Seite zeigen. Energieminister Alparslan Bayraktar stellte Ende der Woche den neuen Nationalen Energieplan vor, der bis 2040 eine Elektrifizierungsrate von 36 Prozent vorsieht. Dafür sollen gleichzeitig der Ausbau erneuerbarer Energien sowie auch neue Investitionen in Öl und Gas vorangetrieben werden. Einen Zeitplan für den Ausstieg aus der Kohle enthält der Plan jedoch nicht.
Zwar wächst die Stromerzeugung durch Solar- und Windkraft, und im vergangenen Jahr kamen 43 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Außerdem steht das erste türkische Atomkraftwerk in Akkuyu kurz vor der Inbetriebnahme. Doch Kohle macht noch immer den größten Anteil an der Stromerzeugung aus. Laut dem Thinktank Ember wird ein Drittel des Stroms durch Kohle erzeugt - mehr als in jedem anderen europäischen Land.
Widerstand gegen die Tagebaue ist in der Türkei riskant. Nejla Isiks Tochter Esra wurde Ende März festgenommen, als sie gegen die geplanten Enteignungen demonstrierte. Damals warfen die Behörden ihr vor, Beamte "an der Ausübung ihrer Pflichten" gehindert zu haben. "Ich habe 42 Tage im Gefängnis verbracht", sagt die 26-Jährige. Die Festnahme habe ihrem Kampf "eine neue Dimension verliehen".
Die beiden Frauen sind nicht die Einzigen, die den Tagebau verhindern wollen. Die Bewohner bedrohter Dörfer kommen regelmäßig zusammen, um sich zu beraten. Unter ihnen ist auch die 56-jährige Aytac Yakar. Sie musste schon einmal ihr Heimatdorf verlassen und soll jetzt erneut umgesiedelt werden.
"Sehe ich aus wie ein Zugvogel?" fragt sie wütend. "Wenn es sein muss, übergieße ich mich in meinem eigenen Haus mit Benzin und zünde mich an. Aber ich werde es nicht verlassen!"
Zur Klimakonferenz nach Antalya fahren und an den Protesten teilnehmen wollen die Frauen aber nicht. "Wir wissen doch, dass man uns nicht zuhören wird, während mein Dorf hier abgebaggert wird", sagt Nejla Isik. Auf die Enteignungen angesprochen, sagt Energieminister Bayraktar, die Regierung müsse die Investitionen der Energiekonzerne schützen. Schließlich hätten sie eine 49-jährige Lizenz erhalten. Ansonsten könnten die Unternehmen Schadenersatz verlangen.
Offizieller "Klimapartner" der COP31
YK Enerji wiederum gibt an, die Stromproduktion aufrechterhalten zu müssen. "Dafür müssen wir Zugang zu neuen Lagerstätten erhalten", sagt Geschäftsführer Ahmet Eyidogan. Bei der Erweiterung des Tagebaus würden Moscheen, Schulen und Friedhöfe verschont. Privatleute erhielten "alternative" Flächen. Der Konzern unterstütze das Ziel der CO2-Neutralität. Er gehört zwei Holding-Gesellschaften, die offizielle "Klimapartner" der COP31 sind.
Die EU erklärte derweil, sie unterstütze die vom türkischen COP-Vorsitz vorangetriebene Initiative zur Elektrifizierung, wonach bis 2035 der Stromanteil am Endenergieverbrauch weltweit 35 Prozent betragen soll - gegenüber derzeit etwa 20 Prozent.
Europa plädiert dabei für eine klare Verbindung zwischen Elektrifizierung und "sauberem" Strom aus erneuerbaren Energien oder Kernkraft. Zugleich ist sich Brüssel bewusst, dass es angesichts des Widerstands von Produzenten fossiler Brennstoffe schwierig sein wird, den Begriff "sauber" in die Abschlusserklärung der COP31 aufzunehmen.
