Telefonat über Ukraine-Frieden"Geschichtslehrer" Putin stößt Nordeuropäer vor den Kopf

"Man müsse nur mal mit Putin reden", heißt es von einigen Kritikern des Ukraine-Kriegs. Norwegen und Finnland unternehmen einen solchen Versuch. Aber statt über schweigende Waffen zu sprechen, müssen sich Stubb und Støre eine Lehrstunde in Geschichte am Telefon anhören.
Das Gespräch des norwegischen Regierungschefs und des finnischen Präsidenten mit dem russischen Präsidenten sorgte für Kritik - nun werden Details daraus bekannt. 90 Minuten sprachen Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre und Finnlands Staatsoberhaupt Alexander Stubb am Dienstag mit Wladimir Putin - und damit eine Stunde länger als ursprünglich geplant, berichtet die "Financial Times" (FT).
Die beiden Nordeuropäer wollten in dem Telefonat eigentlich ausloten, welche Chancen auf Friedensgespräche in der Ukraine bestehen. Was sie dem Bericht zufolge bekamen, war aber etwas anderes. Demnach erteilte Putin ihnen eine Lehrstunde über die mittelalterliche Geschichte des Slawentums. Stubb und Støre unterbrachen seine Ausführungen bewusst nicht, teilten drei mit dem Gespräch vertraute Personen der FT mit. Sie wollten demnach klären, wie ernst es dem russischen Präsidenten mit einem Dialog mit Europa über ein Kriegsende tatsächlich ist, hieß es.
Doch statt zentrale Fragen zu einer möglichen Beendigung des seit Februar 2022 wütenden Krieges zu klären, erging sich Putin dem Bericht zufolge in einer langen Tirade über die "ursprünglichen Gründe für den Konflikt". Diese und ähnliche historische Exkurse hat Putin bereits mehrfach unternommen. Unter anderem kurz vor der russischen Vollinvasion vor gut viereinhalb Jahren. Aber auch bei seinem Treffen mit US-Präsident Donald Trump im August soll er ausschweifend über mittelalterliche slawische Herrscher gesprochen haben.
Putin fantasiert über genetische Erkenntnisse
Erst vor wenigen Tagen soll sich Putin auf "neueste genetische Forschungsergebnisse" berufen haben, die aus seiner Sicht belegten, dass es sich bei Russen und Ukrainern um ein Volk handele. Dieses Argument war in den vergangenen Jahren mehrfach aus der russischen Führung zu hören. Es soll belegen, dass die Ukraine zu Russland gehört und die Invasion der Kreml-Armee quasi diese wissenschaftlichen "Fakten" einfach nur in die Realität überführe, sprich: dass sich Russland die Ukraine einverleiben dürfe.
Das Gespräch von Stubb und Støre war das erste zwischen Putin und europäischen Staats- und Regierungschefs, seit die EU im Sommer Beratungen über die Ernennung eines Art Ukraine-Beauftragten aufnahm. Dieser soll sich um eine Beendigung des Krieges bemühen, nachdem europäische Positionen durch den US-Präsidenten zuletzt immer stärker an den Rand gedrängt wurden.
Trump drängt EU-Politik an den Rand
Trump hatte seit Beginn seiner zweiten Präsidentschaft im Alleingang versucht, den Krieg in der Ukraine zu beenden, was ihm bisher misslang. Dabei schlug er sich fast ausnahmslos auf die Seite Russlands und drängte die Ukraine immer wieder zu Zugeständnissen an den Angreifer. Zuletzt forderte er, das ukrainische Volk möge einen neuen Präsidenten wählen. Europäische Vertreter spielen in Gesprächen eine immer kleinere Rolle. Zuletzt kündigte Trump an, mit Russland und China über ein Kriegsende sprechen zu wollen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat gefordert, dass sein Land mit am Verhandlungstisch sitzen müsse. Ob es zu diesen Gesprächen aber überhaupt je kommt, ist offen.
Als der amerikanische Sonderbeauftragte Steve Witkoff bei seinem Besuch in St. Petersburg kürzlich erklärte, an einem endgültigen Abkommen müssten die Europäer mitwirken können, kamen vom russischen Außenminister Sergej Lawrow abschätzige Reaktionen. Vor afrikanischen Journalisten sagte er laut FT später, die Europäer würden lediglich versuchen, sich in den Verhandlungsprozess einzumischen. Der Krieg werde "weitergehen, wahrscheinlich eskalieren", so der Außenminister.
Auf die Kritik anderer europäischer Staats- und Regierungschefs am Vorstoß Norwegens und Finnlands erklärte Stubb, dass sie Nachbarländer Russlands seien. "Der Ausgang dieses Krieges wird direkte Auswirkungen auf unsere Sicherheit und die Sicherheit Europas insgesamt haben", ergänzte er. Um Krieg zu beenden, seien direkte Gespräche notwendig. Ob dabei die Wiederholung bereits bekannter, historischer Ausführungen zum Slawentum helfen, muss bezweifelt werden.
