Mobilmachung löst "Panik" ausPutin schickt schon wieder Tausende in den Tod
Von Tobias Hauser
Auf beiden Seiten sterben in der Ukraine täglich Menschen. Kiew und Moskau schicken immer neue Soldaten an die Front. Putin stockt nun bereits zum wiederholten Male in diesem Jahr die russische Armee auf. In der Ukraine laufen derweil weiter brutale Zwangsrekrutierungen.
Bereits zum vierten Mal in diesem Jahr hat Wladimir Putin ein Dekret unterschrieben, das Tausende an die Frontlinie seines brutalen Krieges in der Ukraine zwingt. Wie das staatliche Medium Tass berichtet, beruft der russische Machthaber 15.500 neue Soldaten in den Dienst. Demnach misst die Armee damit derzeit 1.550.000 aktive Soldaten.
Der Ukraine zufolge rekrutiert Russland immer mehr auch mit anderen Methoden als Mobilmachungen in der eigenen Bevölkerung. "Sie wollen mehr Ausländer anwerben", sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Demnach plane Putin die großen Städte des Landes bei seiner Mobilisierung außen vor lassen, um den Widerstand in der Bevölkerung gering zu halten.
Außerdem sind laut Selenskyj auch etwa 8000 nordkoreanische Soldaten derzeit in Russland stationiert. Ihnen sollen sich bald weitere 10.000 anschließen. Laut dem ukrainischen "I Want to Live"-Projekt wurden unter Kriegsgefangenen in der Ukraine mindestens 55 Staatsangehörigkeiten registriert. Die meisten stammen aus ärmeren Ländern und werden mit falschen Versprechungen gelockt. "Russlands Armee füllt ihre Reihen mit ausländischen Staatsangehörigen auf, die in wirtschaftlicher Not sind, und verheizt sie als Kanonenfutter im Angriffskrieg gegen die Ukraine", fasste Julia Duchrow von Amnesty International einen Bericht der NGO zusammen.
Die neue Mobilisierung kommt vor dem Hintergrund steigender russischer Verluste in der Ukraine. Der Ukraine zufolge hat Russland seit Beginn der Invasion bereits mehr als 1,5 Millionen Soldaten verloren, die entweder verletzt oder getötet wurden. Zuletzt stiegen die täglichen Verluste an. Nur im Winter 2024 war der 4-Wochen-Schnitt höher als zurzeit.
Panik in Russland
Im Grunde habe Russland bereits eine größer angelegte Mobilisierung begonnen, schrieb Selenskyj auf X. Der ukrainische Geheimdienst berichtete im August, dass Moskau noch in diesem Jahr 300.000 Menschen für den Fronteinsatz einziehen wolle. Im nächsten Jahr sollen es demnach nochmal so viele werden. Putin bezeichnete diese Gerüchte als "völligen Unsinn". Bisher zog der russische Machthaber im laufenden Jahr rund 50.000 neue Soldaten ein.
Russland hatte zuletzt 2022 eine "Teilmobilmachung" von Reservisten angeordnet. Die damalige Anordnung bezog sich laut Kreml auf rund 300.000 von den insgesamt rund 140 Millionen Russen. Sie führte dazu, dass zahlreiche Männer im wehrpflichtigen Alter Russland verließen.
In der russischen Bevölkerung lösen die Anzeichen einer neuen größeren Mobilisierungswelle Medienberichten zufolge erneut Panik aus. Laut der "Deutschen Welle" befürchten die Menschen in Russland, zum Militärdienst einberufen zu werden. Damit würden sie auch die Möglichkeit verlieren, das Land zu verlassen.
Daher versuchen manche, die einen Einberufungsbescheid erhalten haben, so schnell wie möglich ins Ausland zu reisen, solange ihre Ausreisebeschränkungen noch nicht in Kraft getreten sind. Weiter schreibt der Sender von Berichten aus der russischen Region Penza, wo Männer gewaltsam zu Rekrutierungszentren gebracht und unter Druck gesetzt würden, Wehrdienstverträge zu unterzeichnen.
Auch in der Ukraine wird zwangsrekrutiert
Dem gegenüber steht die Ukraine, die weniger als ein Viertel der Einwohnerstärke Russlands hat. Das schränkt die Möglichkeiten der Armee ein. Seit dem russischen Einmarsch 2022 gilt die von Präsident Selenskyj verhängte Generalmobilmachung ununterbrochen. Männer zwischen 25 und 60 unterliegen der Wehrpflicht und dürfen das Land seitdem nicht verlassen. Auch in der Ukraine löst die Einberufung Angst in Teilen der Bevölkerung aus.
Wehrpflichtige Männer, die nicht kämpfen wollen und die Zwangsrekrutierung ablehnen, müssen sich vor den Beamten der Rekrutierungsbüros verstecken. Täglich tauchen Videos auf, in denen Männer auf der Straße überfallen und in Lieferwagen und Kleinbusse gezerrt werden, auch mit Waffengewalt. Umgangssprachlich hat sich dafür der Begriff "Busifizierung" etabliert. Männer, die die Registrierung beim Militär vermeiden, verlassen kaum noch das Haus. Medien berichten von Gewalt und Drohungen, mit denen unwillige Rekruten eingeschüchtert und an die Front gezwungen werden.
Zwangsrekrutierte werden in gefängnisartigen Einrichtungen festgehalten. Der Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments, Dmytro Lubinez, erzählt regelmäßig über Todesfälle im Rahmen von Zwangsrekrutierungen. Oft wird von Medien berichtet, dass vor allem ärmere Menschen betroffen sind, da nur wohlhabendere Ukrainer sich die Bestechungsgelder leisten können, die es braucht, um einen Freifahrtschein vom Kriegsdienst zu erwerben.
Es gibt keine aktuellen, offiziellen Zahlen zur Größe der ukrainischen Armee. Schätzungen gehen von Zahlen zwischen 700.000 und 900.000 Soldaten und Soldatinnen aus. Damit ist die russische Armee mit ihren rund eineinhalb Millionen aktiven Kämpfern zahlenmäßig überlegen. Experten gehen allerdings davon aus, dass die russischen Verluste deutlich höher sind als die ukrainischen. Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) schätzt das Verhältnis auf mindestens 2:1. Zuletzt sei das Verhältnis zugunsten der ukrainischen Streitkräfte sogar drastisch gestiegen, auf bis zu 8:1, wie die US-Kriegsexperten vorrechnen. Es sind Zahlen, die zeigen, warum Putin mobilisieren muss, wenn er seinen blutigen Krieg am Laufen halten will.
