Kein politisches Interesse?Bericht: Hinter dem AfD-Leak stecken US-Hacker

Mitte Oktober werden Hunderttausende interne Mails und Zehntausende Dokumente der AfD veröffentlicht. Es ist der wohl größte Datenklau der deutschen Parteiengeschichte. Lange ist unklar, wer hinter dem Angriff steckt. Nun gibt es offenbar eine Spur.
Nach dem Hackerangriff, bei dem Hunderttausende sensible parteiinterne Daten der AfD ins Netz gelangten, führt die Spur laut Medienberichten ins Ausland. Gemeinsame Recherchen haben laut "Spiegel" und ZDF ergeben, dass die mutmaßlichen Hacker in den USA sitzen. Die Reporter konnten demnach einen der offenbar Beteiligten ausfindig machen. Sein Name: Oleksij L., ein Programmierer, der sich mit maschinellem Lernen, einer Form der Künstlichen Intelligenz beschäftigt. Die AfD sei wegen lascher IT-Sicherheit "zu einem verlockenden Ziel" geworden, begründet L. den Datenklau gegenüber "ZDF frontal".
L. gehöre zu einer ominösen Onlineszene namens "Com", heißt es in dem Bericht. Neben ihm soll eine weitere Person für den Hack verantwortlich sein: eine Frau Mitte 30, die ebenfalls in den USA lebt. Sie sagt von sich selbst, sie habe wegen "Cyber-Terrorismus" bereits im Gefängnis gesessen. Die Frage, ob sie am AfD-Leak beteiligt war, beantwortete sie den Reportern nicht.
Bei dem massiven Cyberangriff wurden rund 421.000 E-Mails und mehr als 50.000 interne Dokumente der teils als gesichert rechtsextremistisch eingestuften AfD gestohlen, aus dem Zeitraum März 2013 bis September 2026. Die Angreifer verschafften sich über eine schlecht gesicherte WordPress-Website Anfang September Zugang zum Mailserver. Die Parteispitze spielte den Vorfall herunter. Unabhängige Experten widersprachen und bestätigten die Echtheit der Daten.
So deuten Mails auf eine mögliche Lüge von Parteichefin Alice Weidel in der Spendenaffäre von 2017 hin. Außerdem dokumentieren die Daten interne Parteikonflikte, Mitgliederlisten einzelner Landesverbände, Ausweiskopien und Kontoauszüge. Sogar sogenannte Feindeslisten sind zu sehen, ebenso Belege für Russland-Kontakte der Parteimitglieder.
Der Mann hinter "Versistance"
Veröffentlicht wurde der riesige Datensatz über X von dem Account "Versistance", der wohl anonym wirken sollte. Doch online finden sich reichlich Spuren, die ihn mit L. in Verbindung bringen, wie das ZDF schreibt. So nutze auch L. den Spitznamen und betreibe unter diesem eine interaktive Website. Beide würden sich dafür interessieren, die Wirkung von Drogen auf den Körper per App zu dokumentieren, und an genau dieser App, deren Quellcode öffentlich einsehbar ist, hätten L. und "Versistance" gemeinsam gearbeitet.
Eine weitere Spur führt laut den Berichten in die Zeit vor der Veröffentlichung. Demzufolge bewarb am 18. Oktober der Telegram-Kanal einer sogenannten "Com"-Szene die Leak-Seite mit einem Countdown-Screenshot: "Das Archiv öffnet in 01 Stunde 10 Minuten 17 Sekunden." Bei der "Com"-Szene handelt es sich um ein internationales Online-Netzwerk, das mit Cyberkriminalität und Gewalt in Verbindung gebracht wird. Laut den Recherchen von "Spiegel" und ZDF wurde der Telegram-Kanal von einem der Köpfe hinter dem Datenklau betrieben, mutmaßlich handelt es sich dabei um L.
Mit ebenjenem Kanal stehe auch eine Webseite der "Com"-Szene in Verbindung. Schaue man sich den Webserver genauer an, so das ZDF, zeige sich: Auf demselben Webserver läuft ein Lexikon über Drogen und ihre Wirkung. Dort sei ein Spendenaufruf verlinkt, der zu einem PayPal-Konto auf L.s Namen führt. Nach einer Anfrage von "ZDF frontal" war der Telegram-Kanal zeitweise nicht mehr abrufbar, der X-Account "Versistance" wurde abgeschaltet.
L. auf Anfrage: Hack hatte nichts mit Politik zu tun
"ZDF frontal" fragte L. an, er antwortete demnach unter dem Kürzel "Ver". Die AfD sei ein verlockendes Ziel gewesen, weil ihre IT-Sicherheit "so lasch und schwach" gewesen sei, wird er in dem Bericht zitiert. Mit Politik habe das zunächst nichts zu tun gehabt. Er verstehe den Schluss auf ein politisches Motiv, aber das sei "die einfache Geschichte, die die Leute hören wollen". Nach Angaben des ZDF finden sich in seinen Online-Auftritten aus der Zeit vor dem Leak keine Hinweise auf ein politisches Interesse.
Hinter dem Leak steht nach L.s Angaben ein Team aus zwei Personen: er selbst und eine Person, die er seinen "Team Leader" nennt. Wer das ist, lässt er offen. Weiteren Aufschluss sollen stundenlange Sprachchat-Aufnahmen geben, die "Spiegel" und ZDF im Netz gefunden haben und die mutmaßlich von L. selbst aufgenommen und verbreitet wurden.
Darin ist auch eine Frau Mitte 30 zu hören, die L. offenbar nahesteht und von spektakulären Hackerangriffen erzählt, die sie begangen haben will. Dem Account "Versistance" soll sie auf X gefolgt sein, bis er deaktiviert wurde. Einem Gespräch mit "ZDF frontal" habe die Frau zunächst zugesagt, sei dann aber nicht mehr erreichbar gewesen.
