Großangriff im WestjordanlandRadikale Siedler durchkreuzen Rückkehr-Aktion der israelischen Armee

Seit zwei Monaten halten extremistische Siedler das Haus einer Familie im Westjordanland besetzt. Ein Gericht ordnet ihre Rückkehr an. Israelische Sicherheitskräfte begleiten die Palästinenser zurück in ihr Dorf - und treffen dort auf heftigen Widerstand. Die Lage eskaliert.
Mehr als hundert israelische Siedler haben ein Dorf im besetzten Westjordanland attackiert. Bei dem Angriff auf das Dorf Dschalud im Zentrum des Palästinensergebiets zwischen Nablus und Ramallah wurden nach Angaben der israelischen Armee drei israelische Polizisten verletzt und zwei Häuser in Brand gesetzt. Die Polizei teilte mit, sie habe einen Verdächtigen verhaftet und zwei Minderjährige zum Verhör mitgenommen.
Die Siedler attackierten das Dorf, als die israelische Armee versuchte, eine palästinensische Familie zurück zu ihrem Haus in Dschalud zu bringen, aus dem sie vor zwei Monaten von radikalen Israelis vertrieben worden war. Mehr als 100 Siedler hätten versucht, die Rückkehr der Familie zu verhindern, erklärte die Armee. Die Angreifer hätten die Zufahrtsstraßen blockiert, Reifen angezündet, Steine geworfen sowie Häuser und Fahrzeuge von Palästinensern in Brand gesetzt.
Die palästinensische Familie konnte letztlich nicht in das Dorf zurückkehren. Mahmud al-Tubasi, ein Mitglied der Familie, sagte der Nachrichtenagentur AFP, seine Familie sei vor mehr als zwei Monaten aus ihrem Zuhause vertrieben worden. Seitdem hätten Siedler das Haus besetzt gehalten. Das Anwesen steht auf einer Anhöhe rund 700 Meter östlich des Ortskerns von Dschalud.
Das Dorf selbst liegt rund 18 Kilometer südlich von Nablus. Ortschaft und Umgebung befinden sich innerhalb der sogenannten Zone B im Westjordanland. Das Gebiet steht demnach - wie im Oslo-Abkommen von 1995 vereinbart - unter palästinensischer Selbstverwaltung, wird jedoch vom israelischen Militär kontrolliert. Von Nablus aus dauert die Fahrt mit dem Auto nach Dschalud mehr als eine Stunde: Auf dem Weg müssen Palästinenser mehrere israelische Kontrollpunkte passieren und große Umwege in Kauf nehmen, weil das Gebiet von mehreren Korridoren unter israelischer Verwaltung durchzogen ist.
Mit den gewalttätigen Übergriffen verstoßen die radikalen Siedler nicht nur gegen internationale Vereinbarungen, sondern auch gegen geltendes israelisches Recht: Ein israelisches Gericht hatte Anfang September angeordnet, dass die israelischen Sicherheitsbehörden im Westjordanland die Rückkehr der Familie in ihr Haus sicherstellen müssen.
Die geplante Rückkehr unter dem Schutz der israelischen Streitkräfte stieß auf unerwartet starken Widerstand: Das israelische Militär war auf das Ausmaß der Ausschreitungen offenbar unzureichend vorbereitet. Er sei am Dienstag mit seiner Frau und seinem Sohn mit dem Auto zurück nach Dschalud gefahren, in Begleitung von zwei Armee-Fahrzeugen, berichtete al-Tubasi. Bei ihrer Ankunft seien sie von den Siedlern angegriffen worden. Die Soldaten hätten die Angreifer mit Pfefferspray zurückgedrängt.
Die Angreifer setzten schließlich das Haus der palästinensischen Familie in Brand. Aktuelle Aufnahmen aus Dschalud bestätigen die Angaben: An den fraglichen Gebäuden sind deutliche Brandschäden erkennbar. Die Höhe des Sachschadens ist noch unklar.
Israel hält das Westjordanland seit dem Sechstagekrieg 1967 besetzt. In der Region leben rund drei Millionen Palästinenser und mehr als 500.000 israelische Siedler. Die Siedlungen sind nach dem Völkerrecht illegal.
"In keiner Weise zu rechtfertigen"
Unter Regierungschef Benjamin Netanjahu hat Israel den Siedlungsbau im Westjordanland stark vorangetrieben. Den Angriff auf Dschalud verurteilte Netanjahu jedoch ausdrücklich. Er sprach von einer "kleinen Gruppe von Randalierern", die "großen Schaden" angerichtet und die israelische Armee behindert hätten. Präsident Isaac Herzog erklärte, die Gewalt sei in "keiner Weise zu rechtfertigen".
Beobachter sehen dagegen eine Mitschuld der israelischen Behörden und der Armee. Israelische Soldaten verhindern Angriffe auf Palästinenser und ihr Eigentum nicht konsequent genug und greifen teilweise sogar aufseiten der Siedler ein. Die israelische Expertin Tammy Caner vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS) spricht von einer "tiefgreifenden strukturellen Veränderung der Kontrolle und Verwaltung Israels" im besetzten Westjordanland. Es handele sich um eine gezielte Politik, die im letzten Schritt eine Annexion des gesamten Gebiets anstrebe.
Die rechtsreligiöse Regierungskoalition unter Netanjahu setze de facto die Pläne des rechtsextremen Finanzministers Bezalel Smotrich um. Smotrich wolle im gesamten Westjordanland israelische Souveränität erreichen und damit die Bestrebungen der Palästinenser nach staatlicher Unabhängigkeit begraben. All dies werde mit Sicherheitserwägungen begründet.
Seit dem Großangriff der islamistischen Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem dadurch ausgelösten Krieg im Gazastreifen hat auch die Gewalt im Westjordanland stark zugenommen. Nach einer AFP-Zählung auf Grundlage palästinensischer Behördenangaben wurden seither mehr als 1100 Palästinenser von israelischen Soldaten oder Siedlern getötet, neben bewaffneten Kämpfern auch Zivilisten. Nach israelischen Angaben wurden im selben Zeitraum fast 50 Israelis getötet.


