Politik

Keine klare Mehrheit in IsraelNetanjahu will Regierung bilden - Eisenkot aber auch

28.10.2026, 07:30 Uhr
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Weder Netanjahu noch Eisenkot geht als klarer Sieger aus der Wahl in Israel hervor - die Regierungsbildung könnte nun schwierig werden. (Foto: picture alliance/dpa/AP | Oded Balilty)

Israel hat gewählt - doch ein klarer Sieger steht noch nicht fest. Ministerpräsident Netanjahu verweist darauf, dass seine Partei die meisten Stimmen hat. Sein Herausforderer Eisenkot sieht in dem Ergebnis hingegen den Wunsch nach einem Wandel.

Nach der Parlamentswahl in Israel haben beide Blöcke die Regierungsbildung für sich beansprucht. Sowohl Ministerpräsident Benjamin Netanjahu als auch der wichtigste Oppositionspolitiker Gadi Eisenkot kündigten an, eine neue Regierung bilden zu wollen. Allerdings verfehlten beide Blöcke die dafür erforderliche Mehrheit von 61 Sitzen.

Jüngsten Angaben der israelischen Wahlkommission zufolge kommen Netanjahus Likud-Partei und ihre Verbündeten nach Auszählung von 51,8 Prozent der Stimmzettel auf 55 der 120 Sitze im Parlament. Das Oppositionsbündnis unter Gadi Eisenkot kommt demnach auf 49 Sitze, die Listen der arabischen Israelis auf 16. Damit verzeichneten letztere deutliche Zugewinne - sie könnten nun zum Königsmacher werden.

Nach Angaben der Wahlbehörden lag die Wahlbeteiligung bei der ersten Parlamentswahl in Israel seit dem Hamas-Überfall von 2023 bei fast 78 Prozent - der höchste Wert seit 1999. Rund 7,3 Millionen Menschen waren wahlberechtigt, darunter zwei Millionen arabische Israelis. Zehntausende Israelis reisten Schätzungen zufolge eigens aus dem Ausland an.

Netanjahu strebt neue Rechts-Regierung an

Die Abstimmung ist eine Richtungswahl in dem stark gespaltenen Land. Wichtigste Themen bei der Wahl waren die Aufarbeitung des Hamas-Überfalls vom 7. Oktober 2023, radikale Siedler und Gewalt im Westjordanland sowie der Wehrdienst für ultraorthodoxe Juden.

Netanjahu ist der am längsten amtierende Regierungschef Israels. Mit seiner derzeitigen Koalition aus rechtsextremen und ultrareligiösen Parteien hat er das Land deutlich nach rechts gerückt. Vor seinen Anhängern in Jerusalem zeigte sich der 77-Jährige zuversichtlich, auch künftig die Regierung anzuführen. Zwar erklärte sich Netanjahu nicht ausdrücklich zum Wahlsieger, verwies aber auf das Abschneiden des Likud als stärkste Einzelpartei. "Wir müssen eine starke Regierung des rechten Lagers bilden", sagte er.

Zudem sprach er sich gegen jede "Regierung mit der Unterstützung der israelischen Araber" aus, deren Parteien bei der Wahl massive Zugewinne erzielt hatten. Kein Regierungschef dürfe "auf die Unterstützung israelischer Araber angewiesen" sein, sagte Netanjahu. "Eine Regierung, die von arabischen Parteien gestützt wird, kommt nicht infrage." Netanjahu verwies zudem auf seine enge Verbundenheit mit US-Präsident Donald Trump. "Israel hat gemeinsam mit unserem Partner, Präsident Trump, die einmalige Gelegenheit, die existenzielle Bedrohung durch den Iran für immer zu beseitigen", sagte er.

Auch Eisenkot will Regierung bilden

Derweil richtete Eisenkot in Tel Aviv eine indirekte Warnung an Netanjahu. "Netanjahu, wage es bloß nicht, die Sicherheit Israels für deine politischen Zwecke zu missbrauchen", sagte der Mitte-Rechts-Kandidat in einer Rede vor seinen Anhängern in Tel Aviv. Beobachter vermuten, dass Netanjahu einen Krieg nutzen könnte, um die Bildung einer Einheitsregierung voranzutreiben. Eisenkot bezeichnete Netanjahu jedoch als "geschäftsführenden Ministerpräsidenten, der weder über ein Mandat noch über das Vertrauen des Volkes verfügt".

"Das Volk hat sich gegen eine Fortsetzung der Amtszeit Netanjahus ausgesprochen", sagte er und fügte hinzu: "Eine integre Führungspersönlichkeit würde dieses Misstrauensvotum des Volkes akzeptieren und noch heute ihren Rückzug aus dem politischen Leben ankündigen." Die Menschen in Israel hätten sich für "den Wandel entschieden". Er selbst werde nun versuchen, "zügig" eine neue Regierung zu bilden.

Allerdings zeichnet sich eine schwierige Regierungsbildung ab. Eine entscheidende Rolle dürfte den Parteien der arabisch-israelischen Staatsbürger zukommen. Sowohl die Vereinigte Liste als auch Raam schnitten deutlich besser ab als erwartet. Zusammen kommen die beiden überwiegend arabischen Listen laut Nachwahlbefragungen auf 17 bis 18 Sitzen - so viele wie noch nie. In einigen arabisch-israelischen Gemeinden lag die Wahlbeteiligung nahezu bei 100 Prozent. Eine Unterstützung durch die arabischen Parteien könnte der Opposition den Weg an die Macht ebnen. Allerdings hat Eisenkot bislang nicht öffentlich erklärt, dass er mit ihnen zusammenarbeiten würde.

Raam-Chef Mansur Abbas sprach von einer "schweren Niederlage" für das rechte Lager. Auch zeigte er sich offen für eine Zusammenarbeit mit Eisenkot. Experten zufolge könnten arabische Abgeordnete etwa eine Minderheitsregierung stützen, ohne dabei Teil einer Koalition zu werden. Sollte dies nicht gelingen, könnten in Israel Neuwahlen anstehen. Einen solchen Schritt lehnte Eisenkot jedoch ab. "Bei einer Wahl mit einer derart hohen Beteiligung wäre es ein Fehler, eine weitere Wahl anzustreben", sagte er.

Unterdessen warnte der rechtsextreme Hardliner Itamar Ben Gvir Netanjahu vor einer Einheitsregierung mit Eisenkot. Dies wäre ein "fataler Fehler", sagte der Sicherheitsminister, dessen Partei Otzma Jehudit laut Nachwahlbefragungen weniger Stimmen erhielt als erwartet und in einem solchen Szenario womöglich außen vor bliebe.

Laut dem Politologen Gideon Rahat von der Hebräischen Universität Jerusalem ist es Ben Gvir zwar gelungen, Wähler zu mobilisieren - allerdings arabische Israelis. Er fügte jedoch hinzu: "Selbst wenn Netanjahu verloren hat, bedeutet das noch lange nicht, dass Eisenkot gewonnen hat."

Quelle: ntv.de, nbr/AFP/dpa

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