Front am Fluss ScherebetsKiews Operation Vivaldi stellt die Weichen für den Winter
Von Lea Verstl
Die letzte Phase ihrer Operation Vivaldi hält die ukrainische Armee bislang geheim. Fest steht aber: Das weitere Vorgehen ist entscheidend für die Verteidigungslinien im Winter. Zentral ist das Erkennen russischer Schwächen an einem Fluss zwischen Donezk und Luhansk.
Der Name geht ins Ohr: Die Operation Vivaldi beschert der ukrainischen Armee in der Oblast Donezk Erfolge. Benannt ist sie nach den berühmten Violinkonzerten "Die vier Jahreszeiten" von Antonio Vivaldi. Wie Vivaldis Komposition besteht auch die ukrainische Operation aus vier Phasen - deren dritte nun abgeschlossen ist: Kiews Truppen gelang die Einnahme von Nove, ein wichtiger russischer Versorgungs- und Verteidigungsknoten in dem von Moskau gehaltenen Brückenkopf nördlich von Lyman.
Zudem konnten sie die Orte Ridkodub und Kateryniwka einnehmen sowie die Kontrolle über Karpiwka und Nowomychajliwka zurückerlangen. Moskaus Vorstoß nördlich von Lyman und auf Torske wurde so gestoppt; die russische Zangenbewegung gegen den Festungsgürtel zwischen Slowjansk, Kramatorsk und Kostjantyniwka aufgehalten. Das Ziel der vierten und letzten Vivaldi-Phase hält die ukrainische Armee noch geheim. Wie auch immer sie konkret ablaufen wird, eines ist bereits klar: Die Ukrainer stellen mit Vivaldi die Weichen für ihre Verteidigungslinien im nächsten Kriegswinter.
Die entscheidende Frontlinie könnte in den kommenden Monaten entlang des Flusses Scherebets verlaufen, einem Nebenfluss des Siwerskyj Donez im Grenzraum der Oblaste Donezk und Luhansk. Der Fluss könnte künftig zu einer natürlichen Barriere für russische Vorstöße sowie zu einer neuen Verteidigungslinie für die Ukraine werden. "Der Fluss Scherebets mit wenigen Brücken sowie Sumpf- und Auenlandschaften liegt nun im Rücken der russischen Truppen. Das erschwert Bewegungen und das Heranführen von Reserven", sagt der Militärexperte Gustav Gressel ntv.de. Die Handvoll Übergänge ließen sich durch Drohnen gut überwachen: Die Ukraine wisse, wo russische Reserven passieren müssen, um auf eine Überraschung zu reagieren, und könne sie dort angreifen. Geländehindernisse und Nadelöhre wie jene am Scherebets hätten es den Ukrainern bereits in der Vergangenheit erleichtert, eine rechtzeitige russische Reaktion zu erschweren.
Mobilisierung von 300.000 weiteren Russen befürchtet
"Zugleich ging es darum, für den Herbst verteidigungsgünstigere Linien zu gewinnen", fügt Gressel hinzu. Die ukrainische Regierung rechnet mit einer weiteren Teilmobilmachung des Kremls. Russland könne bis zu 300.000 weitere Soldaten für den Krieg einziehen, sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj. Das Institute for the Study of War (ISW) hält eine schrittweise oder verdeckte Mobilisierung für möglich. Der Kreml weist entsprechende Pläne jedoch ausdrücklich zurück.
Allerdings stockte Wladimir Putin die Armee erst Ende September erneut auf. Bereits zum vierten Mal in diesem Jahr unterschrieb der russische Machthaber ein Dekret, das Tausende an die Front in der Ukraine zwingt. Wie das staatliche Medium Tass berichtet, beruft der russische Machthaber 15.500 neue Soldaten in den Dienst. Demnach misst die Armee damit derzeit 1.550.000 aktive Soldaten.
Dem gegenüber steht die Ukraine, die etwa ein Viertel der Einwohnerstärke Russlands und somit ein Personalproblem an der Front hat. Das schränkt die Möglichkeiten der Armee ein. Selenskyj hatte die Stärke der ukrainischen Streitkräfte zuletzt mit rund 880.000 angegeben - unabhängig überprüfen lässt sich das nicht.
Russische Truppen am Fluss Scherebets abgekämpft
Den personellen Nachteil versucht Kiew durch taktisch kluges Vorgehen an der Front auszugleichen. Der Fokus bei Vivaldi liegt deshalb auch auf der Aufstellung der Verteidigungslinien im Herbst und Winter, falls Russland mit frischem Personal eine neue Offensive startet. "Wenn die Ukraine den Flusslauf erreicht hat, verfügt sie bereits über eine deutlich günstigere Verteidigungsstellung und hat damit ein wesentliches Ziel der Operation erreicht", sagt Gressel. Dieser Umstand entscheidet aber nicht allein darüber, wo in den nächsten Monaten die heftigsten Kämpfe toben werden.
Zunächst müssen sich die Ukrainer laut Gressel die Frage stellen, ob sie russische Schwächen erkennen, die sie für weitere Vorstöße ausnutzen können. Das hängt davon ab, wie schwach die russischen Verbände auf der anderen Seite des Flusses sind. Ein Teil der dort eingesetzten russischen Truppen ist abgekämpft und unter Sollstärke. Das 1. Garde-Motorschützenregiment wäre eigentlich ein Eliteverband, ist aber stark verschlissen und offenbar nicht voll besetzt. Einige ukrainische Brigaden haben jedoch ebenfalls Probleme beim Personal und der Ausrüstung. "Wenn Russland seine Verteidigung hinter dem Fluss Scherebets reorganisiert und ein weiteres Nachstoßen für die Ukrainer hohe Verluste verursachen würde, muss Kiew abwägen: Wollen wir wirklich weiter vorstoßen - oder setzen wir unsere offensivfähigen Kräfte an einem anderen Frontabschnitt ein?", so Gressel.
Bislang jedenfalls nutzten Kiews Truppen die Schwächen der Russen optimal aus, sagt Oberst Markus Reisner ntv.de: "Mit der Operation Vivaldi haben die Ukrainer nun gezeigt, dass es trotz des gläsernen Gefechtsfelds und der Todeszone möglich ist, nachhaltig in die gegnerischen Linien einzubrechen."
Mit dem dritten Armeekorps haben Kiews Truppen dafür laut Reisner einen Eliteverband mit mehreren Elite-Drohneneinheiten eingesetzt. Durch den Einsatz von Aufklärungsdrohnen ließ sich zunächst ein exaktes Lagebild erstellen. Anschließend haben die Ukrainer mit vielen Drohnen, die unterschiedlichste Zwecke erfüllen, auf ein Gebiet von 400 Quadratmetern eingewirkt.
Ukrainischer General lobt "Täuschungsmanöver"
Hinzu kam der Einsatz zweier Typen von Bodenrobotern. "Einer war mit Sprengstoff beladen, wurde beispielsweise an Brücken oder neben Stützpunkten abgesetzt und hat im Kamikaze-Einsatz die Brücke oder den Stützpunkt gesprengt, ein Pontongerät oder ähnliches explodieren lassen", so Reisner. Der zweite Typ war ihm zufolge mit Maschinengewehren ausgestattet. Diese Art von Bodenroboter haben die Ukrainer an günstigen Stellen platziert, von denen aus sie das umliegende Gelände beherrschen konnten. Entlang der russischen Nachschubrouten konnten die Roboter die Soldaten überraschend unter Feuer nehmen.
Für die Angriffe habe man sowjetische Schützenpanzerwagen vom Typ BTR 60 genutzt, die man in unbemannte KamikazeSysteme umgebaut habe, ließ das dritte Armeekorps wissen. Andere ukrainische Einheiten posteten Videos von Robotern, die mit Granatwerfern ausgestattet wurden. Neben dem technischen Know how war laut dem ukrainischen General Andrij Bilezkyj auch ein breit angelegtes "Täuschungsmöver" entscheidend für den Erfolg von Vivaldi. "Dadurch war der Gegner überzeugt, dass die Hauptrichtung unseres Angriffs die Richtung Sandri Houlova, Zelena, Dolina sei. Das zwang ihn, seine Reserven sinnlos bei Gegenangriffen in diesem Gebiet aufzureiben. Tatsächlich verschlief der Gegner den Hauptangriff, der auf die Einnahme von Nove gerichtet war", sagt Bilezkyj in einem Youtube-Video.
Lernt Russland jetzt aus Vivaldi und bereitet einen ähnlichen Einsatz vor? Daran glaubt Gressel nicht. "Die Russen versuchen seit Längerem, ukrainische Taktiken zu imitieren. Ihr Problem ist die niedrigere Qualität der Unteroffiziere und jungen Offiziere. Die verkürzte Ausbildung hat das nicht verbessert", sagt der Militärexperte. Ein weiteres Problem: Putin kann zwar mehr Kämpfer rekrutieren, schickt sie aber aufgrund der mangelnden Ausbildung als Kanonenfutter an die Front. Und wer innerhalb kurzer Zeit stirbt, kann keine Kampferfahrung an die Kameraden weitergeben. Die Ausbildung bleibe schlecht: "Der Lerneffekt auf der unteren Ebene ist deshalb geringer."
Dennoch lernten besonders russische Drohneneinheiten relativ schnell, da die Verluste dort geringer seien als bei Infanterie oder mechanisierten Kräften. Sie versuchten ständig, der ukrainischen Drohnen- und elektronischen Kampfführung etwas entgegenzusetzen und deren Vorteile auszugleichen. "Wie gut ihnen das über den Winter gelingt, ist schwer vorherzusagen", so Gressel.


