"Das wird ein knappes Rennen"Fabrik auf dem Mond soll nächste menschliche Zivilisationsstufe zünden

Atomreaktoren und der Abbau des ultrakostbaren Isotops Helium-3 auf dem Mond sollen die Menschheit aufs nächste Level heben. Washington liefert sich mit Peking einen neuen Wettlauf ins All - getrieben von Tech-Milliardären wie Elon Musk, die Science Fiction mit aller Macht in Wirklichkeit verwandeln wollen.
Jared Icaacman hat große Pläne. "2028 ist unser Zieljahr", sagte der NASA-Chef Anfang Oktober über die nächsten Schritte der Menschheit auf dem Mond: "Die Chinesen streben eine bemannte Landung im Jahr 2029 an. Das wird ein knappes Rennen, aber es ist erst der Anfang." Die USA, China und Russland liefern sich einen neuen Wettlauf ins All. Der Erdtrabant ist dabei das erste Etappenziel, aber keinesfalls das letzte.
Am Südpol des Mondes wollen die USA bis 2032 eine permanente Basis errichten und "nie wieder" aufgeben, meint Isaacman. Dafür müsse man "den Umstieg auf Kernenergie vorantreiben" und dann "den nächsten großen Sprung zum Mars wagen". Der US-Atomreaktor soll seine Reise zur Mondbasis im Jahr 2030 antreten, schreibt die "New York Times". Peking und Moskau haben ähnliche Pläne. Dem Bericht zufolge wollen sie bis 2036 in geheimer Partnerschaft ebenfalls eine Station mit Atomenergieversorgung auf dem Mond errichten. Deshalb hat NASA-Chef Isaacman seine Zeitpläne beschleunigt.
Anders als beim Wettlauf zu den Sternen im Kalten Krieg mischen dieses Mal mehr als nur Staaten mit. Tech-Milliardäre wie Elon Musk und Jeff Bezos sind dabei unverzichtbare Akteure. Sie und viele andere sehen ein goldenes Zeitalter im All heraufziehen, möchten finanziell profitieren, wenn die Menschheit die nächste Zivilisationsstufe erreicht. Ein Schritt dahin soll eine Pilotraffinerie sein, die das ultrakostbare Isotop Helium-3 auf dem Mond abbaut. Manche wollen sich zugleich ihre Lebensträume erfüllen und die Fiktionen ihrer Kindheit in Wirklichkeit verwandeln.
Trumps Weg ins All führt über die Tech-Milliardäre
Der Schlüssel dazu ist ein Atomreaktor auf dem Erdtrabanten. Wer ihn zuerst in Betrieb nimmt, kann seine Mondbasis unabhängig vom Sonnenlicht rund um die Uhr mit Strom versorgen - und so den Zugang zu den restlichen Ressourcen des Erdtrabanten möglicherweise monopolisieren. Zu gefrorenem Wasser etwa, um Astronauten am Leben zu erhalten und daraus Treibstoff für weitere Flüge in die Tiefe des Weltraums zu synthetisieren. Die NASA testet bereits die Technologie dafür. Aber der Weg dorthin führt zwingend über die Tech-Milliardäre.
Schon im September 2024 wandelte der heutige NASA-Chef Isaacman dank Elon Musk als erster Privatmann der Erde im Weltraum - er hatte Musks Unternehmen SpaceX für den Trip in die Erdumlaufbahn bezahlt. Ein Jahr später wurde Isaacson auf Geheiß von US-Präsident Donald Trump zum neuen Kopf der NASA. Und auch seine Pläne für die Mondbasis kann Isaacman nur mithilfe von Musks SpaceX und Jeff Bezos' Konkurrenzunternehmen Blue Origin umsetzen. Sie sollen die Landefahrzeuge für die historische Mission bauen, in mehreren Testläufen einsatzbereit machen und zum Mond schießen.
Gehen die Pläne auf, wäre die Menschheit einen Schritt näher an Elon Musks Ziel, sie zur multiplanetaren Spezies zu machen. Dass sich all das nach Science Fiction anhört, ist kein Zufall: Mondbasis und extraterrestrische Rechenzentren, privatisierter Rohstoffrausch im All und Marsbesiedlung klingen wie erdachte Geschichten aus Comics, Büchern oder Filmen. Das sind sie auch. Manche der Tech-Milliardäre wollen in Realität verwandeln, was sie in ihrer Kindheit und Jugend gelesen und geschaut haben.
Von Kindheitscomics in die Wirklichkeit
Musk etwa will den Anstoß dafür geben, dass die Menschheit zu einer "Level-3-Zivilisation" auf der nach einem russischen Astronomen benannten Kardaschow-Skala wird: Level 1 nutzt sämtliche Energie auf dem Planeten, Level 2 seines Sterns und Level 3 der gesamten Galaxie. "Ich glaube, die Zukunft, die wohl jeder - oder zumindest die meisten Menschen - als die spannendste ansehen würde, ist eine, in der wir uns dort draußen zwischen den Sternen bewegen, in der wir nicht für immer auf einen einzigen Planeten beschränkt sind, sondern zu einer Spezies werden, die auf mehreren Planeten lebt", sagte Musk im Frühjahr 2026. "So wie in der besten Science-Fiction, die man je gelesen hat. Man denke an Star Trek oder Iain Banks oder Asimov oder Heinlein. Genau das wollen wir Wirklichkeit werden lassen." In Banks' Culture-Saga leben Menschen gemeinsam mit Robotern und KIs als Zivilisation über die Milchstraße verteilt.
Die Falcon-Raketen, mit denen Musk seine Starlink-Satelliten in den Orbit schießt, benannte er nach dem Milleniumfalken aus Star Wars. Sein Unternehmen SpaceX hatte er von der Foundation-Saga des Autors Isaac Asimov inspiriert und mit der Vorstellung gegründet, das Überleben der Menschheit zu sichern. Dafür will er den Mars kolonisieren und in eine grüne Landschaft verwandeln. Womöglich wurde ihm diese Vision sogar in die Wiege gelegt: Sein Vater Errol Musk behauptete, er habe seinen Sohn nach "Elon" benannt; dem fiktiven Herrscher einer menschlichen Kolonie auf dem roten Planeten. Der Name stammt aus der Science-Fiction-Erzählung "Marsprojekt". Autor des 1948 veröffentlichten Buches ist der Nazi-Raketenwissenschaftler und spätere NASA-Entwickler Wernher von Braun. An der Technologie für diese Zukunftsvision wird längst getüftelt.
In einem Büro in Seattle wird im April 2026 das Modell einer Atombatterie um den Konferenztisch gereicht. Konstante Energieversorgung in der lichtlosen Tiefsee, im All, auf dem Mond, fremden Planeten: Dies ist das Produkt des Startups Zeno Power. "Das sind heiße Steine in einer Kiste", sagt die Firmenvertreterin: "Das Rückgrat zur Kommerzialisierung des Weltalls und des Monds." Gering strahlender Atommüll als Batterie, der jahrzehntelang Strom und Wärme erzeugt. Radioisotop-Stromversorgungssysteme, als Vorstufe für einen echten Nuklear-Reaktor mit Kettenreaktion auf dem Mond.
Die Technik wird bereits von der NASA genutzt, aber Zeno Power stellt sie günstiger her. Bislang haben solarbetriebene Mondfahrzeuge zwei Wochen überlebt - so lange wie der Tag auf dem Erdtrabanten dauert. In der Nacht fällt die Temperatur auf bis zu minus 250 Grad Celsius, die Schaltkreise erfrieren unwiederbringlich. Die Batterien und Wärmezellen sollen zukünftig jegliche Technik und Menschen vor dem Kältetod bewahren.
Auf dem Mond schlummern 57 Billionen Dollar
Etwa 15 Minuten Autofahrt entfernt zeigen Ingenieure die Maschinen für den kommenden Rohstoffrausch im Weltraum. Das Startup Interlune, vom früheren Blue-Origin-Direktor Rob Meyerson mitgegründet, möchte mit eigens dafür gebauten Baggern und Erntemaschinen Helium-3 auf dem Mond abbauen und zurück zur Erde bringen. Ein Kilo des im Mondstaub im Überfluss vorhandenen Isotops wird derzeit mit etwa 20 Millionen Dollar bewertet. 3 Millionen Tonnen sollen dort lagern, die ohne Preisverfall 60 Billionen Dollar wert wären. Interlunes Pilotraffinerie auf dem Mond soll ab 2030 in Betrieb gehen.
Helium-3 soll für den nächsten technologischen Sprung nötig sein; für einen kommerziellen Atomfusionsreaktor sowie Quantencomputer. In greifbare Nähe gerückt wird der Abbau laut Experten durch die wiederverwendbaren Raketen von Musks SpaceX. Interlune testet die Raffination bereits in seinem Labor in Seattle. "Der nächste große Hebel zur Senkung der Kosten für Weltraummissionen ist die Selbstversorgung", meint Meyerson. "Man begibt sich ins All und baut dort Dinge aus Materialien, die man vor Ort beschafft hat." Helium-3 soll der Anfang dafür sein, "das industrielle Rückgrat der Weltraumwirtschaft", so Interlune. Angeblich liegen schon verbindliche Bestellungen für 500 Millionen Dollar vor.
Damit ihnen bei ihren Anstrengungen für diese Zukunft niemand hereinredet, wehren sich die Tech-Milliardäre aus dem Silicon Valley mit aller wirtschaftlichen Macht gegen Regulierung. Der Staat und die US-Bevölkerung sollen sie nicht bremsen. Sie sind sogenannte Akzelerationisten, Verfechter des bedingungslosen technologischen Fortschritts, und negative Folgen für die breite Masse dabei nur Nebensache - eine potenziell totalitäre Ideologie. OpenAI-Chef Sam Altman etwa sagte Anfang Oktober, für den Fortschritt mit KI solle "die Welt ein paar schlechte Dinge akzeptieren".
Aus Fiktion werden Fakten
Mit jedem erfolgreichen Schritt in ihre Zukunft geben die Tech-Milliardäre dem britischen Vordenker Nick Land recht, der in den 1990er Jahren seine These von der "Hyperstition" formulierte und den ideologischen Unterbau für die diktatorischen Träume im Silicon Valley lieferte: Je präsenter eine kulturelle Idee sei, desto wahrscheinlicher werde ihre Entwicklung. Man muss seine Vorstellungen - wie von der Besiedlung des Mars mit einem Herrscher namens Elon - folglich nur genug verbreiten, dann werden sie eines Tages zur Wirklichkeit.
Palantirs Mitgründer Alex Karp etwa fragte im vergangenen Jahr in seinem Buch "The Technological Republic" provokativ: "Wo sind, kurz gesagt, die fliegenden Autos? Wo sind die Kraftfelder, Traktorstrahlen, Teleportierungskapseln, Antigravitationsschlitten, Tricorder, Unsterblichkeitsmedikamente, Kolonien auf dem Mars und all die anderen technologischen Wunder, von denen jedes Kind, das in der Mitte bis zum Ende des 20. Jahrhunderts aufgewachsen ist, angenommen hat, dass es sie inzwischen geben würde?"
Auch der einflussreiche Investor Peter Thiel ist Anhänger der Idee, Fiktionen in Fakten zu verwandeln. "Mein Grundmodell ist: Wir sollten zurück in die späten 1960er und 1950er gehen, uns alle Science-Fiction-Bücher der damaligen Zeit anschauen und uns auf all die Dinge konzentrieren, die nicht eingetroffen sind. Und dann gezielt versuchen, sie Wirklichkeit werden zu lassen", sagte er vor einigen Jahren.
Für Elon Musk ist die Erde schlicht ein Sprungbrett ins All. Im Februar 2018 schoss er mit einer seiner Raketen einen Tesla in den Weltraum. Hinter dem Steuer sitzt eine Puppe im Raumanzug, auf dem Beifahrersitz ein Datenträger mit Asimovs "Foundation" aus den frühen 1950er Jahren. "Foundation-Saga und das nullte Gesetz der Robotik sind grundlegend für die Gründung von SpaceX", twitterte Musk wenige Monate, nachdem er den Tesla auf seine Reise geschickt hatte. Der könnte nun für Millionen Jahre durch das Sonnensystem fliegen. Auf einem Orbit, der immer wieder am Mars vorbeiführt.
