Politik

Was geschah Hubert Aiwanger?Die Rekonstruktion eines plötzlichen Todesfalls

05.11.2026, 14:52 Uhr
imageVon Julius Betschka, Nico Fried, Paul Krauß, Veit Medick, Jan Rosenkranz, Christof Lang und Samina Faizi
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Der "Neue Fritz" in der Berliner Friedrichstraße. Hier starb Hubert Aiwanger. (Foto: picture alliance / Anadolu)

Es soll der große Tag seiner Partei werden: Hubert Aiwanger ist in Berlin, um das Büro der Freien Wähler in der Hauptstadt zu eröffnen. Doch zur großen Feier erscheint er nicht. Was ist geschehen? Eine Rekonstruktion der Ereignisse.

Es ist Mittwochnachmittag, als Parteifreunde von Hubert Aiwanger realisieren: Da stimmt etwas nicht. In einem italienischen Restaurant im Berliner Regierungsviertel wollen die Freien Wähler die Eröffnung ihres Hauptstadtbüros feiern. Alles, was in der Partei Rang und Namen hat, ist da. 70 Gäste. Nur einer fehlt - ausgerechnet die Hauptperson. Hubert Aiwanger, der Vorsitzende. Er soll die Rede halten.

Er fühle sich unwohl, hatte Aiwanger am Morgen seinen Vertrauten berichtet, wolle sich kurz ausruhen, damit er zur Feier wieder fit sei. Aber er kommt nicht. Seit Stunden reagiert der Chef nicht mehr auf Nachrichten. Der bayerische Digitalminister springt spontan ein, hält eine Rede, die zuversichtlich klingen soll. "Wir brauchen im Bundestag nicht noch eine Dagegen-Partei, sondern eine positive Kraft, die Zukunft gestalten möchte", sagt er. Eigentlich will man mit dem Büro in der Hauptstadt jetzt bundespolitisch angreifen.

Doch im Restaurant sind viele in Gedanken woanders: bei Aiwanger. Kollegen, die wie der Parteichef im Hotel "Neuer Fritz" in Berlin-Mitte einquartiert sind, eilen in die Unterkunft, klopfen an die Zimmertür des Vorsitzenden. Keine Reaktion.

Sie lassen die Tür öffnen. Was Aiwangers Kollegen sehen, erschüttert sie: Der Chef ist tot. Offenbar so erkennbar, dass sie nicht einmal mehr die Feuerwehr rufen, wie in solchen Fällen üblich.

Auszeiten, Waldspaziergänge, alkoholfreies Bier

Die schreckliche Nachricht erreicht die Partei, verbreitet sich wie eine Welle in der Hauptstadt. Seither steht die Politik unter Schock, in Bayern, aber auch weit darüber hinaus. Aiwanger war einer der schillerndsten, umstrittensten Politiker des Landes. Ein bayerischer Freigeist mit perfektem Gespür für die Schmerzpunkte in der politischen Debatte und die Stimmung in den Bierzelten seiner Heimat. Niemand hat mit seinem Tod gerechnet. Aiwanger war erst 55 Jahre alt. Es ist das erste Mal seit Franz Josef Strauß, dass ein bayerischer Regierungspolitiker während seiner Amtszeit verstirbt.

Was passierte in den letzten Stunden?

Klar ist: Nichts deutete auf ernsthafte gesundheitliche Probleme hin, lebensbedrohliche gar. Aiwanger galt allgemein als fit, schlank, kleines Bäuchlein, mehr nicht. Er kommt vom Bauernhof, hat im Wald gearbeitet, gejagt. Auch als Politiker wirkte er in sich ruhend, nur selten gestresst, berichten Vertraute. Er arbeitete viel, aber er nahm sich auch Auszeiten, tankte bei langen Waldspaziergängen auf, trank nur Apfelschorle, Bier allenfalls alkoholfrei. Warum stirbt so einer, einfach so?

Montagmorgen, Schwandorf in der Oberpfalz. Um zehn Uhr fährt Aiwanger im Dienstwagen beim Bildungszentrum Charlottenhof vor. Die örtliche Handwerkskammer hat den Wirtschaftsminister geladen, es geht um künstliche Intelligenz im Handwerk. Auf einem Foto sieht man, wie sich Aiwanger im grauen Trachtenjanker, bewaffnet mit einem Akkuschrauber, daran macht, eine schmale Holzlatte auf ein Gestell zu schrauben.

Dienstagvormittag: sein letzter Tweet

Am Ende des offiziellen Teils steht Aiwanger noch kurz mit seinem Parteifreund Martin Scharf aus Neunburg zusammen. Der Minister und der Landtagsabgeordnete halten Small Talk. Er habe ganz normal gewirkt, "nichts war auffällig und seine Rede war souverän wie immer", erinnert sich Scharf in der "Mittelbayerischen Zeitung". Ob es ihm gut gehe, habe Scharf ihn gefragt. "Ja, fralle", habe Aiwanger geantwortet, bayerisch für "freilich".

Alles gut also?

Am Dienstag reist Aiwanger nach Unterfranken, in Niedernberg am linken Mainufer trifft sich der Vorstand des Zentralverbands der Oberflächentechnik zur Tagung - und der Wirtschaftsminister ist dabei. Es sind Galvanisierer, Oberflächenbeschichter, die "dafür sorgen, dass Autos nicht verrosten", wie Aiwanger in einem kurzen Video erklärt, das er danach auf LinkedIn und X postet. Traditioneller Mittelstand, der sich wegen hoher Energiekosten und fesselnder Bürokratie um die eigene Wettbewerbsfähigkeit sorgt - klassische Themen für Aiwanger.

Anzeichen einer körperlichen Schwäche, Krankheit oder Unwohlsein? Jedenfalls nicht sichtbar.

Am späten Vormittag, um 11.33 Uhr, schickt Aiwanger, der Vieltwitterer, eine letzte Kurznachricht auf X an seine über 94.000 Follower. Es geht noch einmal um die Gen-Z-Proteste vom letzten Wochenende, genauer um die Krawalle danach. Aiwanger ärgert sich offenbar über ein Posting des "Hamburg Journals" vom NDR. In einem Video spricht ein Reporter von "erlebnisorientierten Jugendlichen". Wenn diese Lust darauf hätten, sich mit der Polizei auseinanderzusetzen, schreibt Aiwanger, müssten Polizei und Justiz "mit Rückendeckung der Politik dafür sorgen, dass ihnen diese Lust vergeht. Sonst ufert das immer mehr aus." Unter diesem letzten Post sammeln sich seit Mittwochabend Dutzende Beileidsbekundungen.

Am Dienstagabend fährt Aiwanger nach Berlin, politisch sein Sehnsuchtsort, auch wenn ihm ansonsten ungefähr alles an der Hauptstadt missfällt. Allem voran, dass sie eben nicht bayerisch ist. In Mitte checkt er im Hotel ein, das ausgerechnet "Neuer Fritz" heißt. Friedrichstraße, direkt an der Weidendammer Brücke über die Spree, unten am Ufer speist die Prominenz im feinen "Grill Royal", in der früheren DDR-Edelplatte, darüber befinden sich ein Spa, ein Italiener, normale Wohnungen und das kleine Hotel.

Plötzliches Unwohlsein

Hubert Aiwangers letzter Weg führt über einen granitgrauen Teppichboden, vorbei an einem großen Strauß Blumen in goldener Vase durch einen von mattem Licht erhellten, dunkelblauen Gang. Der letzte Staatsmann, den der niederbayerisch-bodenständige Chef der Freien Wähler zu Gesicht bekommt, ist der Preußenkönig Friedrich der Große. Bilder des alten Fritz, in bunten Farben aufgepoppt, hängen überall auf den Fluren des Hotels.

Der Weg, den Aiwanger nicht mehr ging, hätte ihn am nächsten Morgen zu einem Interview geführt und später zu jenem Empfang, auf dem er seine Rede halten sollte.

Der Mittwoch ist wichtig für die Partei. Die Eröffnung des Hauptstadtbüros soll zeigen, dass man in Berlin mitspielen will. Uns nimmt man hier nicht ernst - das war das Gefühl bei den Freien Wählern nach der letzten Bundestagswahl. Also sucht man sich eine feine Adresse. Französische Straße 12, mitten im Regierungsviertel. Alles ist hier in Laufdistanz. Der Bundestag, das Kanzleramt, Ministerien. Auch die Lasagneria "Il Punto", wo die Partei am Nachmittag feiern will.

Am Morgen klagt Aiwanger gegenüber Vertrauten plötzlich über Unwohlsein. Von einem Magen-Darm-Infekt ist in der Partei die Rede. Seine Leute sagen die morgendlichen Termine ab. Aber zur Feier, um 14.30 Uhr, wolle er kommen, versichert Aiwanger dem Vernehmen nach.

Hier stimmt etwas nicht

Auch Fabian Mehring ist in Berlin, der Digitalminister in Bayern. Er schickt Aiwanger eine SMS. Ob man vor der Feier gemeinsam lunchen wolle. Aiwanger reagiert nicht. Als der Chef nicht auftaucht und er auf dem Empfang für Aiwanger einspringen soll, schickt Mehring ihm abermals eine Nachricht mit Genesungswünschen. Er sei "quasi von einem Schnupfen" ausgegangen, schreibt er später auf Instagram. Was niemand in der Lasagneria ahnt: Aiwanger ist zu diesem Zeitpunkt womöglich schon tot.

Gegen 17 Uhr ist die Veranstaltung beendet. Aiwangers Leute versuchen weiter, den Parteichef zu erreichen, vergebens. Dann gehen manche zurück ins Hotel. Sie machen sich Sorgen: Hier stimmt etwas nicht. Sie klopfen an Aiwangers Zimmertür.

Um 19 Uhr treffen die Einsatzkräfte der Polizei im "Neuer Fritz" ein, Aiwanger liegt tot in seinem Bett, heißt es aus Ermittlerkreisen. Sein blaues Jackett hängt neben der Zimmertür auf einem Kleiderbügel. Die Beamten sichern Spuren. Ein Pfarrer wird der "Bild"-Zeitung zufolge gerufen. Markus Söder, der bayerische Ministerpräsident, wird am späten Abend von seinem Innenminister über den Tod informiert, kann die Nachricht kaum glauben.

Dann, mitten in der Nacht, wird Aiwangers Leiche in einem Wagen der Berliner Gerichtsmedizin abtransportiert.

Der Text ist zuerst bei stern.de erschienen.

Quelle: ntv.de

Hubert AiwangerBerlinTodesfälle