Terror am 7. Oktober 2023Rachel Golberg-Polin erinnert an ihren Sohn mit "When We See Us Again"
Von Sabine Oelmann
Am 7. Oktober 2023 gehört Hersh Goldberg-Polin zu den über 200 Geiseln, die vom Nova-Musikfestival und anderen Orten Israels verschleppt werden. Seine Eltern versuchen alles, ihn freizubekommen. Vergebens. Seine Mutter verarbeitet den Schmerz um den sinnlosen Tod ihres Sohnes in einem lesenswerten Buch.
Jeder weiß, wo er war und was er gemacht hat an dem Tag des 7. Oktober 2023, als die Hamas bei einem Angriff auf Israel mehr als 1200 Menschen getötet und mehr als 200 Geiseln in den Gaza-Streifen verschleppt hat. Einer davon war der 23-jährige Hersh Polin-Goldberg. Seine Mutter Rachel beschreibt in ihrem Buch "When We See Us Again" (Wenn wir uns wiedersehen) ihre Gefühle in der Zeit seiner Gefangenschaft und in der Zeit danach, als klar war, dass ihr Sohn diese nicht überlebt hatte: "Nicht nur Hersh war gestorben, ein Teil von uns ging mit ihm. Wir begruben auch einen Teil von uns selbst."
Wie Rachel Goldberg-Polin den Tag der Beerdigung übersteht, an dem Hersh in die Erde Jerusalems hinabgelassen wird, gehört zu den eindringlichsten Kapiteln dieses Buches. "Ich liebe dich, mein süßer Junge, du bist zu Hause", raunt sie ihm auf dem Weg zu seiner letzten Ruhestände Hunderte Male zu, und unter dem Tuch zeichnet sich der misshandelte, magere Körper ihres Sohnes ab: "Ich hatte ihn fast ein Jahr lang nicht gesehen. Jetzt war er nahe genug, dass ich in hätte berühren können. Aber ich berührte ihn nicht. Vielleicht hätte ich ihn berühren sollen."
Die Zweifel dieser Mutter - hätte, könnte, sollte - sind überlebensgroß und formen sich zu einem stets anwesenden "Warum". Nichts ist mehr zu ändern, nichts ist zu begradigen, es ist kaum möglich, sich mit dem abzufinden, was ihrem Sohn passiert ist. Und doch versucht sie es, versucht, das "Warum" mit Leben zu füllen.
Goldberg-Polin lässt uns teilhaben an dem Leben ihres Sohnes, an ihrem Leben, dem ihrer Familie. Sie erinnert sich, sie hält durch, sie leidet und sie liebt. Das alles wird überdeutlich in der unaufgeregten, fast neutralen Sprache, in der sie schreibt. Und doch hat jedes Wort Sprengkraft, steckt überall Gefühl, schafft sie es, dass man dieses Buch trotz des harten Inhalts verschlingt. "Jetzt, da mein Herz in unzählige, kleine Scherben zersplittert ist, begreife ich, dass es leichter zu teilen ist als damals, als es noch ein robustes, starkes Herz war. Nehmen Sie sich eine Scherbe. Aber Vorsicht, sie ist scharf", warnt sie ihre Leser. Zwischendurch keimt immer wieder Hoffnung auf, auch wenn man weiß, dass es nicht gut enden wird. Goldberg-Polin allerdings schafft es, anderen Mut zu machen.
Selbst, wenn sie schreibt, dass sie nicht weiterweiß, dass sie nicht mehr kann, spürt man ihre Kraft. Wie sie tickt, wird im Nachwort ihres Mannes Jon Polin deutlich: ""Hersh, weißt du noch, als du vier Jahre alt warst und Mama dir die Geburt eines Kindes ausführlich und doch leicht verständlich erklärt hat? Inzwischen weiß die ganze Welt, was wir (...) über Mamas magische "Drei-K"-Gabe wussten: Komplexe Konzepte klar darzustellen." Sein Vater endet, nach vielen Liebesbekundungen und der Einsicht, dass er sich nicht so gut ausdrücken kann wie seine Frau, mit den Worten: "Hersh, ich liebe dich noch immer jede einzelne Sekunde, und ich werde dich immer lieben. Möge dein Andenken eine Revolution sein ... für alle Zeiten!"
Seine unglaublich starken Eltern schaffen es, dass Hershs Andenken lebendig bleibt. Hersh, ein junger Mann, der kurz bevor er zu einem Musikfestival aufgebrochen ist, 23 Jahre jung wurde, der das Leben vor sich hatte; ein vielversprechender, geliebter, liebender Sohn, Bruder, Freund, Enkel.
In einem Tunnel wird er misshandelt, eine Hand war ihm bereits von einer Granate abgerissen worden, wochenlang harrt er in Dunkelheit und Angst aus, um am Ende mit Kopfschüssen hingerichtet zu werden. Und weiterhin die Frage nach dem "Warum". Man wird keine Antwort finden, nicht mit normalen menschlichen Maßstäben. Und ja, Israel hat nach dem Angriff der Hamas am 7. 10. 2023 einen beispiellos brutalen Gegenangriff gestartet mit nicht nachzuvollziehenden Maßnahmen und Mitteln. Niemand, der einigermaßen bei Verstand ist, wird die Aktion der Hamas gutheißen können, und niemand wird die Aktionen Israels verteidigen können, bei denen unzählige Unschuldige ihr Leben lassen mussten und noch immer müssen. Es ist eine Situation, die anhält. Sie hat die Welt gespalten, in pro und kontra Israel, noch mehr als je zuvor, in pro Palästina und kontra Palästina, als würde das die Menschheit weiterbringen.
Die Situation wirkt ausweglos - und gerade deswegen ist es so wichtig, ein Buch wie das von Rachel Goldberg-Polin zu lesen, denn sie kann es: Weiterleben. Hoffnung haben. Hoffnung, dass der Tod ihres Sohnes nicht vollkommen umsonst war, Hoffnung, dass ihre beiden Töchter, Hershs Schwestern, den Verlust ihres Bruders verkraften und trotzdem ihr Leben leben. "Ich versuche noch immer klar zu erkennen, was mein Warum ist", sagt Rachel Goldberg-Polin. "Aber mir ist klar, dass mein Warum noch nicht beendet ist." Ehemalige Geiseln berichteten, Hersh habe in der Gefangenschaft ein Zitat des Holocaust-Überlebenden Viktor Frankl wiederholt, und das hilft seinen Eltern vielleicht bei ihrer Frage nach dem Warum: "Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie."
Goldberg-Polin habe vor allem die Wahrheit erzählen wollen - und die sei "sehr hässlich". Zur Wahrheit gehört auch, dass sie den Trubel, der in der Zeit von Hershs Gefangenschaft und dann nach seinem Tod herrschte, schonungslos offen beschreibt: Oft fühlte sie sich überfordert, wie in einem Tunnel, alle zerrten an ihr, sie sollte trösten, dabei brauchte sie doch den meisten Trost. Manchmal war es wie in einem schlechten Film, schreibt sie.
Gleichzeitig habe sie in den Monaten nach dem Tod ihres Sohnes aber auch viel Mitgefühl erlebt. Andere Betroffene hätten ihr eigene Geschichten von Verlust erzählt: "Sie versuchen nicht, mich zu trösten. Sie sagen: Lass mich neben dir stehen, und wir tragen das gemeinsam." So geht es den Lesenden des Buches (besser nicht zur Nachtlektüre) auch, man möchte den Schmerz der Familie Goldberg-Polin mittragen, damit sie es leichter haben, und sei es auch nur für kurze Zeit.
