"Wir bauen die Verkehrswende"Larissa Zeichardt sieht keinen Grund zu jammern, wenn alle anpacken
Interview: Sabine Oelmann 
Sie sieht natürlich, dass es momentan nicht einfach ist in Deutschland, aber Gejammer geht gar nicht. Larissa Zeichardt packt jeden Tag an. Was ihr Netzwerk, ihre Familie, der "She Succeeds Award" und das Segeln damit zu tun haben und warum sie ihren Ängsten eher folgt als ausweicht, erzählt sie ntv.de.
ntv.de: Können Sie bitte kurz skizzieren, warum Sie so optimistisch sind und was Ihre Firma macht?
Larissa Zeichardt: Gern. Wir arbeiten rund ums Gleis und in den Fahrzeugen für den Nah- und Fernverkehr. Und zwar mit beiden Händen am Strom: Wir bauen die Verkehrswende. Deswegen ist es gut, dass ich Elektroingenieurin bin (lacht). In einem Wort, LAT ist eine Elektro-Montagefirma. Unsere Kunden sind unter anderem die BVG oder die Deutsche Bahn, aber auch Siemens Mobility. Um das greifbarer zu machen: Wer in den Bus steigt und ein Videoüberwachungssystem sieht oder die Fahrgastanzeigen - die haben wir installiert. Und wer mit der Bahn fährt und sich fragt, warum fährt die denn noch nicht ganz autonom, kann sich sicher sein: Wir arbeiten gerade für Siemens Mobility mit daran, dass es in Zukunft geht. Optisch überwiegen in unserer Firma aber die Menschen in Orange, die an Wochenenden, Feiertagen und nachts arbeiten, damit die Züge fahren können.
Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie von den schrecklichen Zugunglücken in Spanien, von denen es dieses Jahr leider zwei gab, hören? Wie beruhigt man deutsche Bahnfahrer, dass so etwas bei uns nicht passiert?
Verkehrsunfälle sind immer schrecklich und ich kann nur mein Beileid bekunden. Wir haben definitiv eine Verantwortung unserer Infrastruktur gegenüber. Auch die Politik muss Ziele setzen, besonders was den Infrastrukturausbau angeht. Das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität ist das richtige Signal: Mit dem 500 Mrd. Euro Generationenprojekt bringt die Bundesregierung eine nie dagewesene Investitionsoffensive auf den Weg – für umfangreiche Investitionen in die Modernisierung und in die Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Damit sind die Weichen im wahrsten Sinne des Wortes schon mal gestellt. Ganz ehrlich? Uns fehlen manche Berufe, wie der Kabelzieher. Und unsere Infrastruktur? Ich würde mal sagen, in der Gesamtmobilität sind noch die wenigsten Unfälle am Gleis. Zugreisen sind laut Allianz pro Schiene 52-mal sicherer als Autofahrten. Mit allem, was wir bewegen, sind Unfälle, wenn man die Infrastruktur nicht pflegt, aber der Effekt. Wir sind schon weit gekommen mit prädiktiver Wartung, und wir sind sehr gut darin, Innovationen aufs Gleis zu bringen. Wir haben in Deutschland ein Eisenbahnbundesamt, also ein ganzes Amt, das sich darum kümmert, dass die Arbeit, aber auch die Nutzung unserer Infrastruktur, sicher ist.
Unsere Infrastruktur ist also sicherer als in Spanien?
Ich liebe ja das Präventive. Ich bin sehr engagiert im öffentlichen Nahverkehr mit der Videoüberwachung. Keiner hört es gern, wegen Datenschutz. Ich finde nur, wenn jemand ein Messer trägt, dann sollten wir das wissen. Und wenn jemand Gleise sabotiert, ebenfalls. Deswegen mag ich Technik, die präventiv funktioniert.
Sie haben mal gesagt, Unsicherheit ist eine Chance.
Ich glaube, dass Agilität und Unsicherheit ganz eng miteinander verwandt sind. Unsicherheit macht was mit uns. Sie ist unbequem. Bequem ist es, auf der Couch zu liegen. Aber auf der Couch haben wir noch nicht die Welt entdeckt. Mir hat mal ein Startup-Unternehmer gesagt: "Follow the fear." Dahin zu schauen, wo die Angst herkommt, bringt eigentlich immer neue Lösungen. Auch wenn es Kraft kostet. Aber man darf nicht verwechseln: Dauerhafte Unsicherheit ist ungesund. Gerade mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen muss man aufpassen. Denn wo ist der schmale Grat zwischen "neue Sachen ausprobieren" und Überforderung? Ich glaube, Unsicherheit und Neues bieten Riesenchancen, weil wir wach sind und unser Gehirn voll mitarbeitet. Aber ich sehe auch, dass Pausen dazugehören.
Können Sie gut Nein sagen?
Nein (lacht), kann ich nicht. Aber ich habe eine Superpower namens Arabella, meine Schwester. Und wenn ich eine Frage nicht beantworten will, weil ich weiß, dass ich nicht nein sagen kann, schicke ich meine Schwester vor - sie sagt dann ganz freundlich Nein. Aber gelegentlich Ja zu sagen ist das Ding, das alles spannend macht. Ein bisschen Aufregung und Adrenalin bringt einen immer weiter.
Sind Sie ein Organisationstalent?
Nein, ich musste es mir selbst beibringen und ich wäre vollkommen aufgeschmissen, wenn ich nicht meine Assistentin hätte, die meine Zeit viel besser managt, als ich es je könnte. Ich nehme mein Zeitmanagement sehr ernst. Ich habe natürlich das große Glück, die Firma gemeinsam mit meiner Schwester zu führen. Und wir haben von Anfang an unser Tagesgeschäft auf viele Schultern verteilt, zum Beispiel auf die unserer Prokuristin, unserer Bereichsleiter und Geschäftsführer.
Sind Sie ein neugieriger Mensch?
Oh ja, (lacht), ich mache die Dinge, weil ich sie liebe. Und, passend zu meinem Beruf, bewege ich mich gern voran. Ich habe anfangs gemerkt, wenn ich nicht auf der Stelle mein Netzwerk aufbaue und mir sehr viele Sachen aneigne, also auch Kompetenzen zusätzlich nach der Übername der Firma meines Vaters, dann habe ich keine Chance. Und das sage ich, obwohl ich Elektroingenieurin bin und mich auskenne. Ich kannte damals nur niemanden in der Branche in Berlin.
Was war besonders hart am Anfang?
Das Bankenthema war knallhart. Mein Vater ist gestorben, nachts, Herzinfarkt, nicht mehr aufgestanden. Ich habe mir geschworen, in dieser Zeit der Nachfolge, wenn ich je da durchkomme, dann werde ich nochmal studieren. Und zwar Finance (lacht). Denn ich habe die Banker zuerst nicht verstanden. Dass ich jetzt im Aufsichtsrat einer Bank bin, ist fast ein bisschen lustig. Natürlich bin ich dort für andere Schwerpunkte verantwortlich, aber es zeigt, denke ich auch, dass ich mehr Kompetenz entwickelt habe. Wir lernen nie aus.
Ihre Schwester Arabelle Laternser hat Sie gefragt, ob Sie ihr helfen können nach dem Tod Ihres Vaters, sie war bereits im Betrieb ...
... und ich habe natürlich sofort ja gesagt. Sie ist die Innenministerin, ich die Außenministerin. Mein Vater wollte nie über seine Nachfolge reden, das war wohl patriarchentypisch für die damalige Zeit. Er hat uns da nicht rangelassen. Meine Schwester war aber im Unternehmen und hat durchgehalten. Sie hat sich einfach immer reingehangen. Ich kannte die Mitarbeiter auch schon, zum Glück. Aber wir hatten, und wir sind ja vier Schwestern, immer schon überlegt: Was wäre wenn? Was ist, wenn er umkippt? Was, wenn er einen Unfall hat? Wir haben einen Plan gemacht für den Fall der Fälle. Dass der so früh eintritt, war nicht abzusehen.
Er war 69 und wollte mindestens noch zehn Jahre arbeiten ...
Ja, er war ein krasser Unternehmer, durch und durch. In unserem Plan stand aber immer schon: Wenn was passiert, bin ich da. Die Aufgabenbereiche standen fest. Wir haben uns ganz klar vorher geeinigt, wer was macht, und Kommunikation gehörte zu mir. Dafür musste Arabelle Controlling übernehmen (lacht). Infrastruktur ist ihr Bereich und meiner die Fahrzeuge, Bus, Bahn, Tram, die Videoüberwachung, die KI.
Was haben Sie von Ihrem Vater übernommen?
Er war immer wissbegierig und bereit, möglichst viel umzusetzen. So bin ich auch, aber wir mussten ganz schön sehen, wie wir da reinwachsen. Bei uns gibt es keinen Sohn," nur" vier Töchter, und wir sind alle Gesellschafterinnen, bis heute. Ich glaube, dass es bei uns so gut funktioniert hat, liegt an unserem "Zettel", an dem wir uns festhalten konnten. Der hat uns nicht auf alles vorbereitet, aber er hat uns Halt gegeben in der ersten Zeit.
Was haben Sie anders gemacht?
Wir sind ziemlich schnell dazu übergegangen - und da führen Frauen vielleicht wirklich anders -, uns Expertinnen und Experten zu holen. Wir haben mit einer Familienpsychologin gearbeitet, Kirsten Baus, dringend zu empfehlen! Ihr haben wir zu verdanken, dass wir als Geschwister noch immer gerne zusammen sind, Spaß haben und trotzdem gemeinsam eine erfolgreiche Firma führen.
Sind "nur Frauen" nicht auch schwierig?
Unbedingt! Es ist nachgewiesen, dass gemischte Teams innovativer sind. Tatsächlich lebt eine Firma von Perspektivwechseln. Vielleicht hat uns gerettet, dass wir nicht so hierarchisch sind. Das ist aber nichts Geschlechterspezifisches, meine Schwester und ich wollten einfach die Hierarchie abbauen und haben dadurch sehr viel mehr Expertise bekommen. Wer sich am besten auskennt, soll bei uns mitreden - das hat uns auf jeden Fall durch die erste Zeit gebracht.
Apropos mitreden - einen Podcast machen Sie auch.
Mein Podcast "Voll auf Kurs" ist auf sechs Folgen begrenzt und eine Art Werkzeug für mich. Ich wollte zwei Dinge erreichen: Zum einen bin ich jetzt seit elf Jahren in dieser Führungsrolle. Ich finde, und das hat der Gast meines letzten Podcasts, Jean-Remy von Matt, schön gesagt: "Innovation entsteht nicht, indem wir Schubladen öffnen, sondern indem wir neue Schubladen erfinden." Als Führungskraft ist es meine Aufgabe, wach zu bleiben. Deswegen musste ich mal wieder was Neues machen, mich rauswagen aus meiner Komfortzone. Deswegen befrage ich Menschen zu ihrem Lebenstraum. Meiner ist es, um die Welt zu segeln. Ich wollte auch nicht immer nur über Infrastruktur reden (lacht).
Und das zweite Learning?
Ich wollte außerdem wissen, wie ich die KI nutzen kann, um die Reichweite auf Social Media zu optimieren. Das finde ich super spannend.
Und?
Ja, ich kann die KI nutzen (lacht), ich habe ja auch Satellitentechnik studiert. Und ich bin jetzt im Tiefbau, das ist also eine recht große Bandbreite. Ich liebe in unserem Unternehmen, wie lösungsorientiert wir agieren, aber meine Impulse muss ich mir selbst suchen. Ich kann nicht erwarten, dass sie zu mir kommen. Mein Thema ist die Gleismobilität, aber das Thema ist auch schon sehr alt. Ich will wach bleiben. Und ich möchte in diesem Laufrad nicht einfach mitlaufen, sondern umbauen.
Es gibt ein paar Sachen, die kann man nicht mehr optimieren. Oder?
Doch, immer! Das Nachfolgethema ist so eine Sache, davon lassen sich viele erdrücken. Jean-Remy von Matt hat in meinem Podcast gesagt: "Irgendwann sind wir die Sklaven unserer Firma." Und es stimmt, es gibt diese Gefahr, dass wir einfach alles machen, so wie wir es immer schon gemacht haben. Besonders als Nachfolger, weil wir Angst haben, etwas zu ruinieren. Die ersten zwei Jahre hat mich diese Angst getrieben. Ich wollte sein wie mein Vater, und vielleicht auch in der Branche als Frau nicht besonders auffallen.
Das ist Ihnen zum Glück nicht gelungen ....
(lacht) Irgendwann habe ich auch gedacht: Jetzt stopp mal, das ist doch mein Leben. Wie stelle ich es an, dass ich Spaß habe bei der Arbeit und meinen eigenen Weg finde? Das war nicht einfach, denn ich will immer alles und am liebsten sofort, aber ich muss ja auch mit traditionellen Kunden umgehen können, um mit denen Innovationen voranzubringen. Ich neige dazu, manchmal übers Ziel hinauszuschießen (lacht), ich habe mich inzwischen aber besser im Griff. Ich glaube jedoch, dass die Mutigen belohnt werden. Und - ich möchte der Wirtschaft etwas zurückgeben.
2018 haben Sie und Ihre Schwester den "She Succeeds Award" gewonnen - was hat das mit Ihnen gemacht?
Der Preis hat meine Schwester und mich – aber auch unser Team, sehr motiviert. Er kam genau im richtigen Moment. Michèle Kreuter, eine der diesjährigen Preisträgerinnen des "She Succeeds Awards", hat es treffend formuliert: "Wir können in große Fußstapfen treten, aber wir dürfen nicht darin stehen bleiben." Das sehen wir genauso.
Wenn man Ihnen zuhört, dann hat man nicht das Gefühl, dass Deutschland in einer Krise ist ...
Wir sind doch die Besten im Aufstehen. Und da zitiere ich gerne und immer wieder Verena Pausder: "Krisenzeiten sind Unternehmerzeiten". Wir können uns verstecken, wie wir wollen - am Ende heißt es anpacken, Ärmel hochkrempeln, dann kriegen wir es auch hin. Und vielleicht sind wir momentan in einem Jammertal, aber ich will nicht zum Jammerland gehören. Wir haben alle Grundvoraussetzungen, es besser zu machen.