Panorama

Sowjetisches Frauen-RegimentBei Dunkelheit raubten die "Nachthexen" den Deutschen den Schlaf

08.10.2026, 16:09 Uhr
imageVon Gernot Kramper
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"Nachthexen" bei einer Besprechung. Aufnahme digital koloriert. (Foto: IMAGO/ITAR-TASS)

Mehr als 23.000 Einsätze fliegen die Frauen des sowjetischen 588. Nachtbomber-Regiments im Zweiten Weltkrieg. Ihre Waffe ist weniger die Bombenlast als die Zermürbung. Den Namen, unter dem sie berühmt werden, geben ihnen die Deutschen.

In den 1920er- und 1930er-Jahren eroberten auch Frauen zunehmend das Cockpit. Sie ließen sich zu Pilotinnen ausbilden, stellten Rekorde auf und machten mit ihren Flügen auf sich aufmerksam. Als der Zweite Weltkrieg begann, wollten viele von ihnen ihre Fähigkeiten auch für den Kriegseinsatz nutzen. Bei den West-Alliierten durften Frauen zwar Flugzeuge überführen oder Maschinen testen, Kampfeinsätze blieben ihnen jedoch verwehrt.

Damit gab sich die sowjetische Flugpionierin Marina Raskowa nicht zufrieden. Sie hatte in den 1930ern als Navigatorin mehrere Langstrecken-Weltrekorde aufgestellt. Nun wollte sie, dass auch Frauen kämpften. Das sowjetische Militär stand der Idee zunächst ablehnend gegenüber. Aber es gelang Raskowa, Fürsprecher bei Stalin zu gewinnen. Mit dem Befehl Nr. 0099 vom 8. Oktober 1941 ordnete Stalin an, drei Fraueneinheiten aufzustellen: das 586. Jagd-Regiment, das 587. Bomber-Regiment und das 588. Nachtbomber-Regiment.

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Flugpionierin Marina Raskowa (r.) vor einem Langstreckenflug im September 1938 in Moskau. Aufnahme digital koloriert. (Foto: picture alliance / Alexei Mezhuyev, Boris Fishman/T)

Das 588. erhielt das älteste Flugzeugmuster der drei Regimenter. Dennoch wurden die "Nachthexen" die wohl berühmteste Fraueneinheit. Denn bei Dunkelheit griffen sie Stellungen der Wehrmacht mit Doppeldeckern an. Die Deutschen wussten schnell, dass in den Flugzeugen, die Bomben auf sie warfen, Frauen saßen. Von ihnen stammt auch der Name "Nachthexen", den die Sowjets übernahmen. Eine häufig überlieferte Erklärung für den Namen ist das zischende Geräusch der Maschinen, als wenn ein Besen über den Himmel streichen würde. Denn im Endanflug drosselten die Pilotinnen die Motoren und glitten nahezu lautlos zum Ziel.

Geringe Geschwindigkeit der Po-2 hatte Vorteile

Bei der Aufstellung der Frauen-Einheiten dürften auch propagandistische Erwägungen eine Rolle gespielt haben. Allerdings fehlten kampfstarke Flugzeuge. Den Frauen des 588. wurden nur alte zweisitzige Polikarpow Po-2 zugeteilt, die bis 1944 noch U-2 hießen. Die Maschinen waren Relikte aus der Zwischenkriegszeit. Doppeldecker, bei denen ein Holzrahmen mit Stoff überzogen wurde. Dazu waren sie langsam. Die Po-2 wurde 1928 auch nicht als schnittiges Kampfflugzeug gebaut, sondern als Schulflugzeug entwickelt und später für Landwirtschaft, Transport und andere Aufgaben eingesetzt.

Im Krieg wurde aus der Po-2 ein Nachtbomber für Angriffe auf Waffenlager, Nachschubdepots und Truppenunterkünfte in rückwärtigen Gebieten. Je nach Schätzung wurden 20.000 bis 33.000 Po-2 gebaut, bevor die Produktion Anfang der 1950er-Jahre eingestellt wurde. Die Nachteile des altertümlichen Brummers sollten aber zu einem Vorteil werden. Die Po-2 war einfach zu warten und zuverlässig unter verschiedenen Bedingungen. Das 588. Regiment operierte meist nachts, die Maschinen flogen in geringer Höhe. Zu Beginn ihrer Einsätze standen der deutschen Luftwaffe an der Ostfront noch keine speziell dafür vorgesehenen Nachtjäger zur Verfügung. Mit Tagesjägern wie der Messerschmitt Bf 109 nachts zu starten und zu landen war gefährlich.

Die ungewöhnlich geringe Geschwindigkeit der Po-2 wurde für deutsche Jagdpiloten zum Problem. Sie mussten ihre schnellen Jäger stark abbremsen, um die sowjetische Maschine im Schussfeld zu halten. Der Angreifer hatte pro Anflug nur einen kurzen Moment zum Schießen. Wich die sehr wendige U-2 im richtigen Moment aus, geriet der deutsche Jäger aus der Schussposition und musste erneut ansetzen.

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Das 588. Nachtbomber-Regiment wurde mit alten Po-2-Maschinen ausgerüstet. (Foto: Universal Images Group via Getty)

Über Monate wurden die Frauen des 588. Nachtbomber-Regiments unter der Leitung von Marina Raskowa ausgebildet, dann ging es an den Feind. Zu den ersten Freiwilligen gehörte die damals 19-jährige Nadeschda Popowa. Sie flog 852 Einsätze und wurde als Heldin der Sowjetunion ausgezeichnet. Popowa erinnerte sich: "Wenn der Wind stark war, warf er das Flugzeug um. Im Winter, wenn man hinausschaute, um das Ziel besser zu sehen, bekam man Erfrierungen, unsere Füße froren in den Stiefeln ein, aber wir flogen weiter."

"Die Mädchen, die ihren Gefühlen nachgaben, wurden abgeschossen"

Nachts zeichnete sich die kleine Po-2 vor dem Himmel nur schwer ab. Die alten Flugzeuge besaßen weder Abwehrbewaffnung noch moderne Funk- oder Zieltechnik. Navigiert wurde mit Karten, Kompass und Stoppuhr. Zusätzlich orientierten sich die Besatzungen an markanten Geländepunkten wie Flüssen, Wäldern und Gewässern, die man in der Dunkelheit noch ausmachen konnte. In der Regel flogen die Maschinen einzeln im Abstand weniger Minuten an. Mitunter kamen sie auch zu dritt: Zwei der Flugzeuge versuchten, die Suchscheinwerfer auf sich zu ziehen, und brachen dann den Anflug ab. Das dritte Flugzeug suchte die Lücke, um seine Bomben abzuwerfen.

"Man musste sich auf das Ziel konzentrieren und überlegen, wie man es treffen konnte", so Popowa. "Es gab keine Zeit, um Emotionen nachzugeben. Die Mädchen, die ihren Gefühlen nachgaben, wurden abgeschossen. Sie verbrannten bei lebendigem Leib in ihrem Flugzeug, weil wir keine Fallschirme mitnahmen."

Gegenüber den deutschen Jägern konnte die geringe Geschwindigkeit von kaum 150 Kilometern pro Stunde ein Vorteil sein, gegenüber Suchscheinwerfern und Flak war sie es nicht. Nur durch das Abtauchen in Bodennähe konnten die Frauen dem Wirkungsbereich einer Batterie entkommen. Ein gefährliches Manöver bei Nacht.

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Nadeschda Popowa (stehend) mit Kameradinnen 1943. (Foto: IMAGO/SNA)

Bis 1944 hatten die Frauen keine Fallschirme dabei. Das sparte Gewicht für die geringe Bombenlast von höchstens 350 Kilogramm, und bei der niedrigen Flughöhe hätten Fallschirme ohnehin kaum genützt. Je nach Variante konnte die Po-2 mehrere Bomben unter den Tragflächen mitführen. Kleinere Bomben warf die Navigatorin von ihrem Sitz aus ab. Wegen der geringen Last flogen die Frauen mehrere Einsätze pro Nacht, oft acht und mehr.

Raskowa erhielt ein Staatsbegräbnis

Die Schäden, die ein einzelner Angriff anrichtete, waren gering. Für ein Flächenbombardement reichte die Last nicht. Und letztlich wurden die Bomben zwar aus kurzer Höhe, aber ohne moderne Zielgeräte abgeworfen. In der Summe kam dennoch einiges zusammen: Bis Kriegsende flog das Regiment mehr als 23.000 Einsätze und warf über 3000 Tonnen Bomben ab. Vor allem aber belasteten die ständigen Nachtangriffe die Moral der deutschen Truppen.

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Nadeschda Popowa überlebte den Krieg und war noch knapp zwei Jahrzehnte als Fluglehrerin tätig. Als alte Frau sagte sie: "Nachts schaue ich manchmal in den dunklen Himmel, schließe die Augen und stelle mir vor, wie ich als Mädchen am Steuer meines Bombers sitze, und denke: 'Nadja, wie um alles in der Welt hast du das gemacht?'"

Die Gründerin der Regimenter, Marina Raskowa, stürzte am 4. Januar 1943 in einem Schneesturm ab, als sie Maschinen zu einem Flugplatz bei Stalingrad führte. Die gesamte Besatzung kam ums Leben. Raskowa erhielt ein Staatsbegräbnis und wurde an der Kremlmauer beigesetzt. Es war das erste sowjetische Staatsbegräbnis des Krieges. 

Dieser Text erschien in einer längeren Version zuerst bei stern.de.

Quelle: ntv.de

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