"How's It Goin'", Bryan Adams?"Wenn einem ein Lied einfällt, hat man Magie geschaffen"

Es soll eigentlich nur ein Song werden, doch dann schreibt Bryan Adams mit "How's It Goin'" ein ganzes Album über sein Heimatland Kanada. Im Interview mit ntv.de verrät er, welchen Landsmann er zutiefst bewundert, warum Songwriting immer noch magisch für ihn ist - und wieso er sich seine Stimme nicht verbieten lassen will.
ntv.de: Was hat dich dazu inspiriert, ein Album über dein Heimatland Kanada zu schreiben?
Bryan Adams: Ich habe an einem Song für den Dokumentarfilm "Canada's Wild Eastern Edge" gearbeitet. Als dieser fertiggestellt war, wurde mir bewusst, dass ich noch eine ganze Reihe weiterer Ideen zu Kanada hatte. Diese habe ich dann in Musik umgewandelt. Der Canada Day stand vor der Tür und das führte beispielsweise zum Song "51st State".
Hast du bei der Arbeit an dem Album Neues über deine Heimat gelernt, was du vorher noch nicht wusstest?
Vieles weiß man natürlich. Zum Beispiel, was mit dem "Highway of Tears" passiert ist (Die "Landstraße der Tränen" ist ein 724 Kilometer langer Abschnitt des Highway 16 in der kanadischen Provinz British Columbia, der seit 1970 Schauplatz zahlreicher Morde und Vermisstenfälle ist, Anm. d. Red.) oder beim Goldrausch. Und man weiß ja, dass wir eine Eisenbahn gebaut haben und all diese Dinge. Aber ich wollte bei meinen Recherchen vor allem mehr über die Geografie des Landes erfahren und darüber, wo genau bestimmte Ereignisse stattgefunden haben.
Auf dem Album bewegst du dich ein wenig von der Rockmusik weg. Es hat mehr Country- oder Folk-Elemente. Ist das dem Thema Kanada geschuldet oder hattest du einfach Lust auf etwas Neues?
Wenn man nach Ost-Kanada reist und sich die dortige Musik anhört, hört man ihren Background heraus: Irland, England, Schottland und Wales. Genau so klingt die Musik dort. Das schlägt sich dann auf dem Album in Songs wie "When Canada Joined Newfoundland" nieder, wo viel mit den Füßen gestampft wird und Mandolinen zu hören sind. Das ist einfach wunderschön und passt meiner Meinung nach hervorragend zu den Liedern und zum Geist des Albums.
Was ist bei dir zuerst da? Die Musik oder die Texte?
Zuerst die Texte. Der Großteil von "How's It Goin'" entstand lustigerweise in Afrika. Ich saß dort in Hotels und schrieb und schrieb, ging zum Abendessen raus oder trat bei meiner Show auf, kehrte dann direkt zurück und machte mich wieder ans Schreiben. Und weil ich keine Ablenkungen hatte, entstanden sie so schnell. Es war ziemlich cool, ganz allein in meinen Hotels zu sein und einfach nur an Kanada zu denken.
Du hast "The Ballad of Terry Fox" über einen kanadischen Nationalhelden geschrieben. Terry Fox war ein kanadischer Sportler, der mit 18 Jahren durch Knochenkrebs sein rechtes Bein verlor. Trotzdem begann er 1980 seinen "Marathon of Hope", bei dem er mit einer Beinprothese quer durch Kanada laufen und dabei Spenden sammeln wollte. Nach 143 Tagen und 5373 Kilometern musste er aufhören, weil der Krebs seine Lunge befallen hatte. Er starb mit nur 22 Jahren. Wie wird man einem so besonderen Menschen beim Schreiben gerecht?
Ich glaube, man muss einfach sein Bestes geben. Es ist eine tolle Geschichte, und ich wollte, dass der Song einen gewissen Hymnencharakter hat, dass man mitsingen kann. Er brauchte eine starke Melodie. Aber die Geschichte, die der Song erzählt, sollte auch faktisch richtig sein.
Was bedeutet Terry Fox dir persönlich?
Terry Fox und ich kommen beide aus Vancouver. Wir haben ähnliche Erfahrungen in unserer Jugend gemacht. Und ich finde, er ist einer der besten Athleten der Welt, wenn nicht der Beste. Er ist jeden Tag auf nur einem Bein einen Marathon gelaufen! Es ist schon schwer, jemanden zu finden, der in Bestform ist, der das leisten könnte. Er musste seinen "Marathon of Hope" zwar nach der Hälfte abbrechen, aber du kannst jeden Kanadier fragen: Er hat es geschafft!
Ein Song auf dem Album ist das bereits erwähnte Lied "51st State". Du hast ihn am Canada Day veröffentlicht und er kann als Antwort auf Donald Trumps Annexionsdrohungen verstanden werden. Würdest du sagen, dass "How's It Goin'" dein bislang politischstes Album ist?
Ich selbst habe das nicht so definiert. Ich rege mich auf dem Album über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen auf. Wenn du das politisch nennen willst, dann okay.
Hattest du keine Sorge, durch den Song amerikanische Fans zu vergrätzen?
Das Interessante ist, dass wir diesen Song letzten Sommer in St. Louis live gespielt haben und Standing Ovations dafür bekommen haben. Wie auch an jedem Abend danach. Es mag meine subjektive Sicht sein, aber ich habe den Eindruck, dass nicht alle mit der aktuellen US-Regierung einverstanden sind. (lacht)
Wie stehst du zur Debatte darüber, ob sich Künstler politisch äußern sollten oder nicht?
Ich habe eine Plattform und werde sie nutzen. Ich habe mich beispielsweise für die Umwelt eingesetzt oder Amnesty International angeschlossen. Ich habe an der "Conspiracy of Hope"-Tour teilgenommen (Benefizkonzerte für Menschenrechte, die im Juni 1986 in den USA zum 25-jährige Bestehen von Amnesty International stattfanden, Anm. d. Red.). Das war politisch, aber es ging um Menschen. Es ging darum, ein paar Leute freizubekommen, die sich offen gegen die Politik der Regierung ausgesprochen hatten und deswegen im Gefängnis saßen - darunter waren Dichter, Schriftsteller und Journalisten. Das Recht, seine Meinung zu sagen, ist wichtig. Und jeder weiß, dass ich ohnehin gegen Krieg bin. Es ist nichts Falsches daran, seine Meinung zu sagen. Künstler sollten ihre Stimme erheben.
Du bist schon lange erfolgreich im Musikbusiness unterwegs. Wie viel bedeutet dir die Meinung deiner Fans, gerade wenn du etwas Neues ausprobierst, wie jetzt mit dem aktuellen Album?
Es wird immer Leute geben, die sich wünschen, dass du es anders machst. Aber ich kenne keinen Künstler, der auf der Stelle tritt und immer und immer wieder dasselbe macht. Ich glaube, der einzige Weg sich weiterzuentwickeln, besteht darin, sich ständig neuen Herausforderungen zu stellen - insbesondere was die Texte angeht -, und das müssen wir auch tun, denn die Leute interessieren sich heute viel mehr für die Texte von Songs als jemals zuvor.
Viele deiner Musikkolleginnen und -kollegen treten heute nur noch mit ihren alten Hits auf 80er-Jahre-Partys aus. Was inspiriert dich, immer noch neue Musik zu schreiben?
Ich gehöre nicht zu den Menschen, die zurückblicken. Ich lebe im Hier und Jetzt und freue mich auf morgen. Und es ist sehr interessant, etwas zu erschaffen. Das ist es, was mich überhaupt erst in die Welt der Musik gebracht hat. Etwas aus dem Nichts zu erschaffen, ist das Aufregendste, was man überhaupt tun kann - es ist Magie. Und jedes Mal, wenn einem ein Lied einfällt, hat man gerade ein kleines Stück Magie für sich selbst geschaffen.
Mit Bryan Adams sprach Claudia Spitzkowski.
