"Besser, als tot zu sein"Sting geht weiter auf Entdeckungsreise

Mit The Police und Hits wie "Message In A Bottle" oder "Every Breath You Take" wird Sting einst berühmt. Doch auch als Solokünstler und sogar als Schauspieler begeistert er ein Massenpublikum. Nun wird er 75, hat aber noch Energie "wie mit 14".
Man sieht ihm sein Alter wahrlich nicht an, auch wenn die einst blonde Mähne einer dünneren Kurzhaarfrisur gewichen ist. Sting hatte schon immer etwas Jugendliches an sich. Wie fühlt es sich für ihn an, nun 75 zu werden? "Es fühlt sich besser an, als tot zu sein", scherzte der Brite kurz vor seinem Geburtstag. "Ich bin sehr stolz auf mein Alter. Ich fühle mich überhaupt nicht alt. Ich habe das Gefühl, noch genauso viel Energie zu haben wie mit 14."
Das beweist er dieses Jahr mal wieder. Nachdem ihn seine "Sting 3.0"-Tournee durch die USA und zahlreiche europäische Länder führte, ist er derzeit mit seinem Musical "The Last Ship" in London zu Gast. Auch an seinem Geburtstag an diesem Freitag steht er im Theatre Royal Drury Lane auf der Bühne. Mit "The Last Ship" trat er bereits in Amsterdam, Paris, Brisbane und New York auf.
Längere Pausen mag er nicht. "Das Konzept musst du mir erst einmal erklären. Ich verstehe das nicht wirklich", scherzte der einstige Police-Frontmann. Sein Beruf sei mitverantwortlich für die körperliche Fitness. "Ich glaube, Musik hält einen frisch. Musik besteht aus Schwingungen. Wenn man singt und spielt, schwingt der ganze Körper mit. Und ich glaube, im Einklang zu schwingen, ist sehr gesund."
Ausgebildeter Lehrer
Sting alias Gordon Matthew Thomas Sumner wurde 1951 in Wallsend bei Newcastle geboren. Der ausgebildete Lehrer wurde als Sänger, Bassist und Songwriter der Band The Police Ende der 70er-Jahre berühmt. Die Musik der Gruppe kombinierte Postpunk, New Wave, Rock, Pop und sogar Elemente von Reggae mit smarten Texten. Hits wie "Can't Stand Losing You", "So Lonely", "Message In A Bottle" oder "Every Breath You Take" sind heute Klassiker.
Nach fünf Alben und Tourneen rund um den Globus war Mitte der 80er-Jahre allerdings Schluss, wobei sich die Band nie offiziell auflöste. Eine erfolgreiche Reunion-Tour in den 2000ern bereute Sting im Nachhinein und sprach von einer "Nostalgie-Übung". Doch Sting ist kein Nostalgiker.
Wenn er heute die alten Hits spielt, dann verändert er jedes Mal etwas, so wie auf seiner "My Songs"-Tournee vor einigen Jahren - oder zuletzt bei einem Akustik-Konzert in Amsterdam, das als "The Night Watch: Live at the Rijksmuseum" veröffentlicht wurde.
"Mein Job ist es nicht, einfach etwas zu reproduzieren, das ich vor 40 Jahren aufgenommen habe, als wäre es ein Museumsstück. Ein Song ist etwas Lebendiges", erklärte er. "Meine Aufgabe ist es eigentlich, in jedem Song, den ich singe, immer wieder etwas Neues zu finden. Es ist eine Entdeckungsreise."
17-maliger Grammy-Gewinner
Sich neu zu erfinden, das liegt ihm. Schon sein erstes Soloalbum "The Dream Of The Blue Turtles" von 1985 war eine Abkehr vom Police-Sound. Statt Rock gab es eine Mischung aus seichtem Pop (wie die Single "If You Love Somebody Set Them Free"), Jazz und Reggae. Das düstere "Russians" handelte vom Kalten Krieg und dem damaligen Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion.
Musikalisch wechselte Sting im Laufe der Jahrzehnte mit Leichtigkeit zwischen den Stilrichtungen, experimentierte mit Weltmusik, Shantys und elektronischen Klängen. Obendrein hat der 17-malige Grammy-Gewinner, der 45-mal nominiert war, ein hervorragendes Gespür für gefühlvolle Songs. "Fields Of Gold", "Shape Of My Heart" oder "When We Dance" zählen zu seinen bekanntesten Balladen.
Auch im Kino mischt er gelegentlich mit. 1979 spielte er seine erste Filmrolle im Drama "Quadrophenia", das auf dem gleichnamigen The-Who-Album basiert. 1984 stand er für die Verfilmung des Science-Fiction-Epos "Dune - Der Wüstenplanet" von Regisseur David Lynch vor der Kamera - und glänzte im Wortsinne als diabolischer, rothaariger Feyd-Rautha Harkonnen - knapp bekleidet und mit eingeöltem, durchtrainiertem Körper.
Lieber Theater als Film
"Dune" fiel in eine turbulente Zeit für Sting. Nicht nur The Police gingen damals getrennte Wege. Auch seine erste Ehe mit Frances Tomelty, mit der er zwei Kinder hat, zerbrach. Grund war eine Affäre mit Tomeltys Freundin und Nachbarin Trudie Styler, über die die britische Boulevardpresse ausgiebig berichtete. Seit 1992 ist Sting mit der Produzentin und Schauspielerin Styler verheiratet. Das Paar hat vier Kinder.
Die Schauspielerei sei als Hauptberuf nie infrage gekommen. Er sei da "eher zufällig hineingerutscht", sagte er. "Ich habe nie eine Schauspielausbildung gemacht. Es gibt so viele Schauspieler auf der Welt, die händeringend nach Arbeit suchen. Denen möchte ich nicht im Weg stehen. Manchmal wird mir eine Rolle angeboten, die ganz speziell auf mich zugeschnitten ist - dann mache ich das. Ansonsten bin ich nicht wirklich auf der Suche nach Rollen."
Das Theater liegt ihm mehr am Herzen. "Ich liebe es, auf der Bühne in einem Stück zu spielen, weil man dort völlige Freiheit hat - eine Freiheit, die ein Filmschauspieler nicht hat", sagte Sting. Viel Zeit zum Feiern hat er übrigens nicht: Zwei Tage nach der letzten Vorstellung in London tritt er schon wieder in Vancouver auf.