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Kleine Ausstellungs-SensationZum 80. Geburtstag reitet Lucky Luke in Berlin ein

04.10.2026, 08:50 Uhr MarkusVon Markus Lippold
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Lucky Luke im Berliner Museum für Kommunikation - das passt: Eine Zeichnung für das "Lucky Luke Magazin" von 1974. (Foto: Museumsstiftung Post und Telekommunikation)

Niemand ist treffsicherer und hilfsbereiter: Lucky Luke ist ein Held wie aus dem Bilderbuch. War er aber nicht immer, wie eine Ausstellung in Berlin beweist: Er raufte, trank und rauchte. Bis Zeichner Morris seinen eigenen Stil fand. Dieser wird anhand bemerkenswerter Originalseiten sichtbar.

Ganz so schnell wie seine berühmteste Figur war Morris nicht. Aber er zeichnete schnell, der Schöpfer von Lucky Luke, dem Cowboy, der schneller schießt als sein Schatten. Sonst hätte er wohl kaum so viele Comicbände vorlegen können. Morris' Bilder haben klare Perspektiven, schwungvolle Linien und kommen ohne Schraffuren aus. Minimalismus und Präzision kombinierte der Belgier zu einem ganz eigenen Stil, mit dem er und sein Westernheld weltberühmt wurden.

"Morris kam vom Trickfilm und dieser lebt von Ökonomie", erklärt Flix den Stil seines 2001 gestorbenen Kollegen. "Und er wollte wohl pünktlich Feierabend machen", fügt er lachend an. Der deutsche Comiczeichner und Autor Flix hat in diesem Jahr zusammen mit Reinhard Kleist selbst einen Lucky-Luke-Band vorgelegt. Und er ist einer der beiden Kuratoren einer Lucky-Luke-Ausstellung im Berliner Museum für Kommunikation, die noch bis zum 28. März zu sehen ist.

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Früher Luke: Originalseite aus "Die Goldmine von Dick Digger" von 1949, eine Leihgabe der Familie Morris. (Foto: Museumsstiftung Post und Telekommunikation)

In der Schau sind erstmals in Deutschland etwa 80 Comicseiten und Coverzeichnungen von Morris zu sehen. Es ist ein kleines Wunder, hat aber einen Grund: Morris verkaufte seine Zeichnungen zeitlebens nicht, um die Geschichten nicht zu zerpflücken. Zwar kamen nach seinem Tod einzelne Zeichnungen unter den Hammer, doch ein Großteil der Originale ist weiter im Besitz der Familie. Und die zeigte sich offen, die Ausstellung in Berlin zu bestücken.

Von der ersten Seite bis zu letzten Arbeiten

Die Kuratoren Flix und Dietrich Wolf Fenner vom Museum für Kommunikation konnten geradezu aus dem Vollen schöpfen: Sie zeigen die allererste "Lucky Luke"-Seite und eine der letzten von Morris' Arbeiten. Originale aus den besten und bekanntesten Alben sind zu sehen, darunter besonders prägnante Szenen vom Cowboy und seinem Pferd Jolly Jumper, von Hund Rantanplan, den vielen Banditen und all den so schrulligen wie liebenswerten Nebenfiguren. "Morris hat sein Handwerk beherrscht", stellt Flix klar.

Zu verdanken hat das Museum die Großzügigkeit der Morris-Familie auch seiner Ausstellung über "Asterix"-Schöpfer Albert Uderzo im vergangenen Jahr - die bei Uderzos Tochter einen bleibenden Eindruck hinterließ. Bereits damals waren viele Originale erstmals in Deutschland zu sehen. Wer die alte Ausstellung noch im Kopf hat, wird nun Unterschiede bemerken: Uderzo legte geradezu makellose Seiten vor. Morris dagegen änderte, korrigierte, fügte mit Klebestreifen überarbeitete Bilder hinzu. Seine Originale dokumentieren einen Arbeitsprozess - für Fans ist es ein tiefer Einblick. Und dem Museum gelingt mit der Ausstellung bereits der zweite Coup, es ist eine kleine Sensation in Comic-Deutschland.

Das Museum für Kommunikation ist ohnehin ein idealer Standort. Denn "Lucky Luke" handelte stets auch vom Einzug der Moderne im Wilden Westen. Postkutsche und Eisenbahn, Telegrafie und frühe Telefone, Zeitungen und Fotografie begegnen dem Cowboy in vielen Abenteuern. Neben den Zeichnungen präsentiert die Schau deshalb passende technische Geräte, Karten und Utensilien aus der Sammlung der Museumsstiftung Post und Telekommunikation. Sogar ein Telegrafenmast wurde aufgebaut, neben einem Holzzaun, wie er auf der Rückseite jedes Bandes zu sehen ist.

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Morris im Jahr 1964. (Foto: Family Morris-Herman Selleslags)

Dabei drehen sich nahezu alle Exponate um Morris' berühmteste Schöpfung Lucky Luke, die er 1946 - vor genau 80 Jahren - erfand und bis zu seinem Tod zeichnete. Nirgends lässt sich besser Morris' Stil und dessen Entwicklung nachvollziehen als an den gezeigten Originalen. Denn der frühe Lucky Luke unterscheidet sich grundlegend von den klassischen Abenteuern der späten 1950er Jahre, die Morris zusammen mit dem "Asterix"-Autor René Goscinny gestaltete. Der war es auch, der das Motto vom "Cowboy, der schneller schießt als sein Schatten" einführte.

Einmal tötete Lucky Luke

Morris, der bürgerlich Maurice De Bevere hieß, ist bis heute einer der bekanntesten franko-belgischen Comic-Künstler. Und doch stellt er eine Besonderheit dar, weil sein zurückhaltender und dynamischer Stil nicht nur vom Landsmann Hergé ("Tim und Struppi") geprägt ist, sondern auch von amerikanischen Trickfilmen und Zeichnungen aus dem "Mad"-Magazin. Das kommt nicht von ungefähr: Sechs Jahre lang bereiste Morris die USA - teils zusammen mit den Kollegen André Franquin und Jijé -, arbeitete, recherchierte und sammelte Material zum Wilden Westen, von dem er in den folgenden Jahrzehnten zehrte.

Diese Zeit prägte Morris nicht nur zeichnerisch, auch inhaltlich entwickelten sich seine "Lucky Luke"-Comics. Aus dem wilden, rauflustigen Cowboy, der auch mal für Ärger sorgt und dem Missgeschicke widerfahren, wird der "humanistische, souveräne Cowboy" (Flix), den Millionen Leserinnen und Leser lieben. Die Ausstellung stellt das in einer Reihe an Zeichnungen sehr gut nach. Sogar die anfänglichen Laster von Lucky Luke werden gezeigt: der Alkoholkonsum und das Rauchen, das Morris ihm irgendwann abgewöhnte.

Und die wilden Schießereien? Auch darauf geht die Ausstellung ein. In dem frühen Abenteuer "Die Gesetzlosen" tötet Lucky Luke die vier Dalton-Banditen, die tatsächlich existiert haben. Nicht nur wurde die letzte Seite, die einen Kopfschuss zeigt, zensiert. Auch bei der Leserschaft sorgte die Handlung für Aufregung - weil die Daltons als Figuren überaus interessant waren.

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Eine Originalseite aus "Die Gesetzlosen" von 1954, darin geht es um die originalen Daltons, nicht ihre fiktiven Vettern. (Foto: Museumsstiftung Post und Telekommunikation)

Morris war es eine Lehre - Flix spricht von "einer Art Katharsis" für die Reihe. Danach brachte Lucky Luke einerseits seine Gegenspieler nie wieder unter die Erde, sie werden stattdessen entwaffnet und der Justiz zugeführt. Andererseits ersannen Morris und Goscinny einen Trick: Statt der echten Daltons ließen sie deren erfundene Vettern auftreten - vom jähzornigen Joe bis zum trotteligen und verfressenen Avarell, die seitdem zu den liebsten Figuren der Reihe gehören.

Die Mythen aufs Korn genommen

Schurken gibt es freilich auch andere. Und zu fast jedem von ihnen zeigt die Ausstellung eine Originalseite, von Pat Poker über Jesse James bis Billy the Kid. Daneben werden auch die Frauenfiguren der Reihe hervorgehoben, die oft gleichberechtigte Charaktere waren - man denke nur an Calamity Jane und die Verlobte von Lucky Luke.

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Etwas mehr Platz verdient hätte allerdings die Dekonstruktion des Western-Mythos. Zwar zeigt die Ausstellung, dass Morris die Legenden des Wilden Westens immer wieder satirisch aufs Korn nahm. Doch eine kritischere Auseinandersetzung wäre gut gewesen. Immerhin geht die Schau kurz auf die stereotypen Darstellungen von Indigenen oder Mexikanern bei "Lucky Luke" ein. Erst in den 80er Jahren wich Morris davon ab.

Zudem gibt es einen Blick in die Gegenwart. Bereits seit 2004 führt der französische Zeichner Achdé das Erbe von Morris fort - auch er hat der Ausstellung mehrere Seiten zur Verfügung gestellt. Zuletzt legte er zusammen mit Autor Jul überaus überzeugende Alben vor, Anfang November erscheint der neue Band "Heiliger Lucky!". Daneben erscheint dieser Tage ein umfangreiches Künstlerbuch über Achdé. Nicht zuletzt hat sich neben den regulären Bänden eine Reihe mit Hommagen an Lucky Luke etabliert, an der auch deutsche Künstler beteiligt sind: Mawil, Ralf König sowie zuletzt Flix und Reinhard Kleist. Sie alle sind ebenfalls mit Zeichnungen und Skizzen vertreten.

Um die Zukunft des alterslosen Lucky Luke muss seinen Fans also nicht bange sein. Der "poor, lonesome Cowboy" wird noch vielen Sonnenuntergängen entgegenreiten.

"Lucky Luke. Morris' einsamer Westernheld" ist vom 2. Oktober 2026 bis zum 28. März 2027 im Museum für Kommunikation in Berlin zu sehen. Mehr Infos gibt es hier.

Quelle: ntv.de

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