Die Sonnenbrille reichte nicht als "Verkleidung". Nick Woltemade winkte beim Verlassen des Flughafens ein paar versammelten Fans, die seinen Namen riefen - und stieg zügig in das wartende Klubauto von Juventus Turin. Nach einer Saison zum Vergessen in England will "Big Nick" in Italien seiner ins Stocken geratenen Karriere neuen Schub verleihen.
Erst ein gutes Jahr ist es her, da sorgte der Hype um "Spekulationsobjekt" Woltemade sogar für einen gewaltigen Krach zwischen zwei deutschen Fußballikonen. Lothar Matthäus und Uli Hoeneß - schon in der Vergangenheit nicht immer die besten Freunde - stritten sich wortgewaltig in der Öffentlichkeit darüber, was der damalige Stürmer des Bundesligisten VfB Stuttgart denn kosten sollte.
Am Ende waren es wohl zwischen 75 und 85 Millionen, die Newcastle United an die Schwaben überwies. Obwohl der FC Bayern im Woltemade-Poker den Kürzeren zog, gratulierte Karl-Heinz Rummenigge dem VfB. Die Stuttgarter, so der frühere Vorstandsboss der Münchner, hätten einen "Idioten" gefunden, der diese Summe auf den Tisch legte.
Doch Woltemade selbst, der ursprünglich zum deutschen Rekordmeister wollte, wurde in seinem Jahr auf der Insel nicht glücklich. Deshalb möchte er nun den Resetknopf drücken. Den 24-Jährigen zieht es vom Premier-League-Klub nach Turin. Der italienische Rekordmeister leiht Woltemade für ein Jahr aus.
Woltemades Preisverfall
Drei bis vier Millionen will Juve in den 1,98 Meter großen Schlaks investieren, dessen Marktwert laut transfermarkt.de "nur" noch bei 55 Millionen Euro liegt. Die Gründe für den Preisverfall liegen auf der Hand: Nach einem starken Start bei Newcastle mit vier Toren in den ersten fünf Ligaspielen ging es steil bergab für Woltemade, der noch bis 2031 bei United unter Vertrag steht.
Der mittlerweile entlassene Teammanager Eddie Howe wusste nicht mehr wohin mit Woltemade, setzte ihn vermehrt auf die Bank oder schickte ihn im Mittelfeld auf den Platz. Insgesamt kam Woltemade in seiner Debütsaison auf 16 Torbeteiligungen in 51 Spielen. Newcastle beendete die Spielzeit auf einem enttäuschenden zwölften Tabellenplatz.
In der Nationalmannschaft lief es nicht besser für Woltemade. War er über weite Strecken der WM-Qualifikation noch der Fixpunkt im Sturm, musste er sich bei der Endrunde in Nordamerika mit der Reservistenrolle begnügen. Sein kläglich verschossener Elfmeter beim blamablen Aus gegen Paraguay war sinnbildlich für den sportlichen Abstieg des gebürtigen Bremers.
Kehrtwende mit Klopp?
Hoffnung auf eine Trendwende, die Woltemade auch für den neuen Bundestrainer Jürgen Klopp wieder interessanter machen soll, versprach ein Landsmann. Newcastles neuer Teammanager Matthias Jaissle stärkte Woltemade bei seinem Amtsantritt den Rücken. "Ich habe gesehen, dass er eine ziemlich schwierige Zeit durchgemacht hat", sagte Jaissle: "Aber wir sollten die Vergangenheit ruhen lassen, denn sie ist etwas, das man nicht ändern kann."
Mehr als die Jokerrolle hatte Jaissle für Woltemade zu Saisonbeginn allerdings auch nicht zu bieten. Beim Sieg am vergangenen Samstag bei Tottenham Hotspur (2:0) kam Woltemade in der 71. Minute und bereitete kurz darauf per Kopf den Endstand vor.
Ähnliches und mehr erhoffen sie sich in Turin. Die Vorgaben bei der "Alten Dame" sind schließlich dieselben wie in Newcastle: Tore machen im schwarz-weiß-gestreiften Trikot.


