Eigentlich möchte Jürgen Klopp gar nicht über Florian Wirtz sprechen. Der Bundestrainer kann einschätzen, welche Autorität das hat, wenn er sich über den FC Liverpool äußert. Fast neun Jahre war Klopp dort für die Geschicke verantwortlich, hat den Fans des Traditionsvereins die erste englische Fußball-Meisterschaft seit 25 Jahren geschenkt, die Champions League gewonnen, den Klub aus der Depression geführt.
Kurzum: Klopps Wort ist in Liverpool noch immer Gesetz - und vor allem immer eine Schlagzeile. Deshalb hadert der Neu-Bundestrainer bei der Frage nach Wirtz auf der Pressekonferenz in Herzogenaurach vor dem Spiel gegen Griechenland, was er antworten soll. "Egal, was ich sage, positiv oder negativ, wird ein Riesenbrett in dem Fall in England und Flo wird ja nach England zurückkehren." Was er aber sagen kann: "Seine fußballerischen Fähigkeiten sind über jeden Zweifel erhaben. Er ist auf einem guten Weg, aber den Leuten geht es nie schnell genug."

Klopp schützt Offensivstar: Wirtz "über jeden Zweifel erhaben"
Denn es ist so: Im Sommer 2025 gewann der FC Liverpool den Transferpoker gegen den FC Bayern. Seither hängt dem 23-Jährigen auch das Preisschild von mindestens 125 Millionen Euro um. Und damit auch die Erwartungshaltung, dass er entsprechend das erfolgreiche Erbe weiterführt, das der andere Deutsche (Klopp) dort im Sommer 2024 hinterlassen hat. Darüber wurde nun seit 14 Monaten lange, oft und vor allem ausführlich gesprochen.
Bislang zeigen das die Zahlen aber noch nicht. Dort gibt es tatsächlich noch Luft nach oben für Wirtz. In dieser Saison (bislang nur sechs Einsätze) wartet er noch auf seinen ersten Treffer, eine Vorlage konnte er immerhin schon liefern. In der vergangenen Saison waren es auch "nur" 17 Scorerpunkte in 49 Spielen.
Nicht nur in schlechter Form?
Wie der Ball an seinen Füßen klebt deshalb auch in dieser Saison die Debatte an dem deutschen Ausnahmefußballer. So sehr, dass mittlerweile eine sehr kommunikationsfreudige Liverpool-Legende jede Hoffnung komplett verloren hat. Nach dem 1:0-Erfolg gegen Bournemouth äußerte sich Jamie Carragher vor einer Woche völlig verzweifelt. "Der Grund meiner Sorge ist, dass ich nicht glaube, dass Wirtz seit seinem Wechsel zu Liverpool in schlechter Form ist", erklärte er. "Ich denke vielmehr, dass das, was wir sehen, seinem wahren Leistungsniveau entspricht."
Das ist tatsächlich eine besorgniserregende Einschätzung. Denn Carragher hat seiner Ansicht nach den bisher schlechtesten Wirtz im Liverpool-Trikot gesehen. "Normalerweise spielt Wirtz sauber und präzise. Er hält den Ball und befreit sich aus brenzligen Situationen, in denen man normalerweise erwartet, dass der eigene Spieler den Ball verliert", sagte der TV-Experte. Doch selbst diese Fähigkeit vermisst er mittlerweile.
Die Kritik geht auch nicht an Wirtz' Kollegen vorbei. Innenverteidiger Jonathan Tah, der bei Leverkusen lange mit ihm zusammenspielte, bekommt das auch mit. Er empfinde es als extrem, wie sehr auf ihn herumgehackt werde. Er habe noch kein "extrem schlechtes Spiel" von seinem DFB-Kollegen gesehen. Dabei hat Tah nach eigener Aussage alle Partien von Wirtz bei Liverpool gesehen. Das sei gerade "eine Phase, die man nicht überbewerten darf", sagte Tah. Manchmal fehle Wirtz die "letzten Momente", aber die werden schon wiederkehren.
Wechsel im "ungünstigsten aller Momente"
All das weiß auch Klopp. Und so vage, wie er irgendwie über den FC Liverpool sprechen kann, versucht er es dann doch zu machen. Witzigerweise schrieb sein Bundestrainer-Vorgänger in England schon Schlagzeilen, als Julian Nagelsmann vergangene Saison sinngemäß sagte: Was kann denn Wirtz dafür, wenn seine Kollegen seine Vorlagen neben das Tor setzen? Klopp formulierte das so allgemein wie möglich: Offensivspieler brauchen auch immer eine funktionierende Mannschaft um sie herum.
Aus der Sicht von Klopp steckt etwas anderes. "Es war einfach eine sehr ungünstige Konstellation", sagte Klopp über den Wechsel. Er sei im "ungünstigen aller Momente" nach Liverpool gekommen. Nicht etwa, weil Wirtz zu den Reds und Trainer Arne Slot gewechselt war, als sie gerade Meister wurden. Sondern im Sommer 2025 gab es dort ein anderes einschneidendes Erlebnis: der Tod von Diogo Jota.
Dadurch seien die Erwartungen an Wirtz noch höher gewesen. "Da kommst du als neuer Spieler und alle sehnen sich sofort danach, dass einer die Kohlen aus dem Feuer holt. Das ist eben unmöglich", sagte Klopp. Nicht nur das. Andrew Robertson, der lange Rechtsverteidiger unter Klopp war, erzählte jüngst erst, dass Wirtz und die anderen Neuzugänge menschlich gar nicht ins Team eingefügt werden konnten, so sehr befanden sich die Reds in der Schockstarre.
Hinzu zum menschlichen Aspekt kam der taktische: Unter Slot spielte Wirtz (wie bei der Weltmeisterschaft) vor allem auf dem linken Flügel, kann dort aber selten seine Qualitäten ausschöpfen. Doch das hat sich geändert: Auch in Liverpool habe man "jetzt absolut verstanden, wo er spielen muss", sagte Klopp vergangene Woche über Wirtz und dessen Spielmacher-Rolle unter dem neuen Reds-Coach Andoni Iraola: "Das ist im Zentrum, in den Halbräumen."
Dort soll Wirtz auch wieder in der Nationalelf spielen. Die Frage ist, was dann mit Jamal Musiala unter Klopp passiert. Nagelsmann fand einen Weg, beide gleichzeitig in sein System zu integrieren. Das funktionierte während der Heim-EM 2024 sehr gut und während der WM im Sommer überhaupt nicht. Klopp setzt dagegen auf klassische Flügelspieler, deshalb ist unwahrscheinlich, dass Wirtz oder Musiala dorthin ausweichen.
Aber das ist ein Thema für die Zukunft. Wirtz soll erst einmal wieder lernen einfach wieder "Flo" zu sein, wie Klopp es zuletzt erklärte. Und das tut er am Sonntagabend (20.45 Uhr/ARD und im ntv.de-Liveticker) gegen Griechenland zunächst von der Bank. Denn Wirtz reiste für den verletzten Jamal Musiala früher an, kam aber erst am späten Freitagabend im DFB-Quartier an. Ihn direkt in die Startelf zu werfen, "wäre sicher das Falscheste, was wir jetzt tun könnten", sagte Klopp. Denn Wirtz hatte praktisch kaum Trainingszeit unter dem neuen Bundestrainer. Und ein schlechter Auftritt würde nur für weitere Debatten sorgen.




