Den Mutmacher-Start der deutschen Fußball-Revolution erlebte Florian Wirtz beim Abendessen vor dem Fernseher. Jetzt, wenn die Ära Jürgen Klopp so richtig Fahrt aufnehmen soll, soll der Zauberfuß als Nothelfer auf dem Platz wieder Appetit auf mehr machen. "Wir brauchen ihn", sagte DFB-Sportchef Rudi Völler über Wirtz, der im Nations-League-Spiel gegen Griechenland am Sonntag (20.45 Uhr/ARD) für seinen einst kongenialen Partner Jamal Musiala einspringt.
Ursprünglich war der England-Legionär, der sich in Liverpool noch immer so schwertut, für "Kader zwei" vorgesehen gewesen - ein Fingerzeig, dass der neue Bundestrainer bei ihm Nachholbedarf sieht? Klopp wies derartige Interpretationen zurück. Er unterscheide nicht in "A- oder B-Mannschaft", betonte er bei der Präsentation seiner zweigeteilten XXL-Kaderliste. Wirtz etwa war erst am vergangenen Sonntag mit seinen Reds beim AFC Bournemouth im Einsatz und sollte daher noch etwas verschnaufen. Dann aber verletzte sich Musiala vor dem 1:1 bei Klopps Debüt gegen die Niederlande in Amsterdam, jetzt darf, jetzt muss Wirtz ran.

Diese Szenen zeigen die neue Galligkeit des DFB-Teams
Was der neue Boss von dem hochtalentierten 23-Jährigen erwartet, hat er ihm schon vor Wochen mitgeteilt - persönlich, aber auch öffentlich. "Wer bei uns mitspielen will, da muss Gegenpressing mit dabei sein!", forderte er. Bei der Erfüllung dieses Auftrags darf Wirtz auf Klopps Hilfe hoffen. "Wir müssen dafür sorgen, dass Flo sich bei uns wohlfühlt und einfügen kann in das, was wir von ihm möchten", sagte er: "Bei uns darf er dann hoffentlich einfach Flo sein."
Wirtz hat in England teilweise zugelegt
Klopp sieht ihn dabei, erst recht nach Musialas Ausfall, auf der Zehn - anders als bei der WM, wo Wirtz auf dem linken Flügel wenig Einfluss auf das deutsche Spiel hatte und "Wusiala" nicht mehr funktionierte. Auch in Liverpool habe man "jetzt absolut verstanden, wo er spielen muss", sagte Klopp über Wirtz und dessen Spielmacher-Rolle unter dem neuen Reds-Coach Andoni Iraola: "Das ist im Zentrum, in den Halbräumen."
Zur erhofften Leistungsexplosion hat das noch nicht geführt, nach sechs Einsätzen steht eine Vorlage auf Wirtz' Leistungsnachweis. Ihn nur nach Toren und Assists zu beurteilen, sei aber ungerecht, so Klopp. Tatsächlich zeigen Wirtz' Statistiken bei Liverpool in der noch jungen Saison, dass er etwa in Sachen Pressing und Pässen, die die gegnerische Abwehr überspielen, zugelegt hat.
Ihm reiche es, sagte Klopp, wenn Wirtz Einsatz zeige, er wolle "dem Jungen das Gefühl geben: Das war heute mehr als in Ordnung. Das hat uns als Mannschaft geholfen." Heißt: Räume öffnen, für andere ackern, damit sie glänzen können. Wirtz weiß das. "Ganz cool" sei der Erstkontakt mit Klopp gewesen, sagte er, der Bundestrainer fand ihn "sehr angenehm" und sagte: "Jetzt kennen wir uns, der erste Schritt ist gemacht." Viele weitere sollen folgen - auf dem Platz, nicht vor dem Fernseher.
