Brutal harter Modus

Deutschland findet bei WM rechtzeitig den X-Faktor

imageVon Julian Cantzler, Berlin
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Das deutsche Team kommt ins Rollen. (Foto: IMAGO/DeFodi Images)
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08.09.2026 | 06:55 Uhr
Die deutschen Basketballerinnen finden bei der Heim-WM immer besser zusammen. Beim klaren Sieg gegen Mali überzeugen längst nicht nur die großen Namen. Genau diese Erkenntnis könnte im K.O.-Spiel gegen Südkorea entscheidend werden.

Nach der Schlusssirene dauerte es nur Sekunden, bis sich auf dem Parkett die ersten deutschen Spielerinnen in den Armen lagen. Das 83:58 gegen Mali im entscheidenden Vorrundenspiel war nicht nur der zweite deutsche Sieg bei der Heim-WM. Es zeigte auch, wie die Mannschaft von Spiel zu Spiel weiter zusammenwächst. Und das gegen einen Gegner, der zwei Tage zuvor noch Spanien geschlagen hatte.

Gerade von der Bank kamen diesmal wichtige Impulse. Spielerinnen, die zuvor weniger im Mittelpunkt standen, finden immer besser in ihre Rollen. So konnte Bundestrainer Olaf Lange seinen Schlüsselspielerinnen Leonie Fiebich und Nyara Sabally immer wieder wichtige Verschnaufpausen gönnen - und das in einem Do-or-die-Spiel. Eine Niederlage hätte das Ausscheiden bedeuten können. Und das wäre nichts weniger als ein Desaster gewesen.

So geht es nun in die Playoffs um den Einzug ins Viertelfinale - und die Möglichkeit, Einsatzzeiten dosiert zu verteilen, wird sich schnell auszahlen. Ja, es könnte sportlich überlebensnotwendig sein: Schon heute Abend bestreitet Deutschland gegen Südkorea das vierte Spiel innerhalb von fünf Tagen (20.45 Uhr/MagentaSport).

Power von der Bank

Gegen die körperlich spielenden Malierinnen hatte Lange vor allem Größe und Physis gefordert. "Es geht morgen darum, Mali nicht zum Korb kommen zu lassen und die Rebounds zu kontrollieren", hatte der Bundestrainer vor der Partie gesagt. Mit Lina Sonntag und Emily Bessoir brachte Lange dafür zwei Spielerinnen von der Bank, die genau diese Physis mitbringen. Beide sind über 1,90 Meter groß.

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Die 24-jährige Bessoir etwa war gegen Japan überhaupt nicht zum Einsatz gekommen. Gegen Mali stand sie 14 Minuten auf dem Feld. Auch Lina Sonntag, selbst erst 22 Jahre alt, bekam mit 17 Spielminuten ihre bis jetzt größte Einsatzzeit in diesem Turnier. Beide nutzten ihre Chance, holten wichtige Rebounds und unterstrichen damit, dass Deutschland auch jenseits der ersten Fünf Optionen hat.

Wie wertvoll eine gute Bank ist, zeigt auch die bisherige Konstanz von Marie Gülich bei diesem Turnier. Die Kapitänin hatte vor der WM-Vorbereitung nach einem Kreuzbandriss lange gefehlt, liefert inzwischen aber konstant von der Bank. Im Turnier kommt sie bislang auf 9,3 Punkte pro Partie. Gülich selbst sieht darin einen großen Unterschied zu früheren deutschen Mannschaften.

"Eine tiefe Bank bei so einem Team ist immer extrem wichtig und wir waren schon mal an einem anderen Punkt mit der Nationalmannschaft und jetzt sind wir an einem Punkt, wo wir wechseln können, wo Power von der Bank kommt und das nimmt natürlich auch der Starting Five einfach den Druck, die ganze Zeit performen und auf dem Spielfeld sein zu müssen", befand die 32-Jährige.

Geiselsöder spielt sich aus ihrem Loch

Eine Spielerin gab es trotzdem, die an diesem Abend besonders herausragte. Vor 12.500 Zuschauern in der ausverkauften Uber Arena erzielte Centerin Luisa Geiselsöder 17 Punkte, dazu kamen drei Rebounds und zwei Assists. Nach einem schwierigen Auftritt gegen Japan meldete sich damit auch die Letzte der vier deutschen WNBA-Spielerin im Turnier an.

Frieda Bühner hatte bereits gegen Japan ihre Qualität gezeigt und legte auch gegen Mali mit 21 Punkten erneut nach. Leonie Fiebich übernimmt ohnehin viel Verantwortung und hat mit Abstand die meisten Spielminuten im deutschen Team. Nyara Sabally, die gegen Mali früh geschont wurde, hatte beim Sieg gegen Japan mit 18 Punkten und neun Rebounds überzeugt. Nun fand auch die bei Portland Fire unter Vertrag stehende Geiselsöder endgültig in das Turnier.

Für ihre langjährige Nationalmannschaftskollegin Fiebich war der starke Auftritt dabei nicht wirklich überraschend. "Ich wusste das vor dem Spiel. Das ist Luisas Spiel, die Physis, das kann sie einfach sehr gut. Ich bin super stolz auf sie, dass sie sich so ein bisschen rausgespielt hat aus dem Loch, in dem sie drin war. Hat sie phänomenal gemacht."

Geiselsöder selbst hatte eine einfache Erklärung für ihre Leistungssteigerung: "Es ist einfach der Flow gewesen. Wenn der Kopf einmal aus ist, funktioniert's. Und in den ersten beiden Spielen war der Kopf leider etwas zu sehr an." Für ihre Leistung wurde Geiselsöder unter dem Applaus ihrer Mitspielerinnen zur Spielerin des Spiels gekürt. Den Pokal für ihre starke Leistung bekam sie von Basketball-Welt- und -Europameister Dennis Schröder überreicht, der die Partie live in der Uber Arena verfolgte. "Ich bin froh, dass er hierhergekommen ist und uns unterstützt hat. Das bedeutet uns sehr viel", sagte Geiselsöder anschließend bei MagentaSport über den besonderen Gast.

"Es gibt einen Grund, warum sie im Team ist"

Wichtig für das deutsche Spiel war zudem die Rückkehr von Point Guard Alexis Peterson. Die hatte den Sieg gegen Japan wegen eines Infekts noch verpasst. Fiebich übernahm ihre Rolle gegen Japan zwar teilweise, bringt aber ganz andere Qualitäten mit als die etatmäßige Aufbauspielerin. Gegen Mali zeigte Peterson wieder, was sie der deutschen Mannschaft geben kann. Knapp 21 Minuten stand die gebürtige US-Amerikanerin auf dem Feld, erzielte neun Punkte und verteilte fünf Assists.

"Sie ist wichtig. Sie organisiert das Spiel, sie ist kreativ mit dem Ball, die beste Ball-Handlerin mit Abstand", sagte Fiebich. "Es gibt einen Grund, warum sie im Team ist und das hat sie heute gezeigt." Auch Kapitänin Gülich hob Petersons Bedeutung hervor: "Wir haben halt einen Playmaker auf dem Spielfeld, die scoren kann, die kreieren kann und das ist super wichtig."

Für Lange war das Spiel ein weiteres Zeichen dafür, dass seine Mannschaft im Turnier zusammenfindet. "Ich bin sehr froh, wie wir uns entwickelt haben. Jetzt ist der Erfolg auch da", sagte der Bundestrainer. Auch Gülich spürt diesen Fortschritt: "Mit jedem Spiel wachsen wir als Team, jede einzelne Person wächst weiter."

Genau darauf hatte Deutschland nach der kurzen gemeinsamen Vorbereitung gehofft. Mehrere Spielerinnen waren erst spät zur Mannschaft gestoßen, entsprechend häufig betonten alle Beteiligten, dass die Mannschaft Zeit brauche, um spielerisch zusammenzuwachsen. Nach vier Turniertagen lässt sich definitiv ein Fortschritt erkennen. Gegen Mali zeigte sich immer deutlicher, wie die einzelnen Rollen ineinandergreifen.

Historisches möglich

Viel Zeit, um den Sieg gegen Mali zu genießen, bleibt trotzdem nicht. Mit Südkorea wartet heute Abend ein altbekannter Gegner auf die Deutschen. Erst am 11. März traf Deutschland beim WM-Qualifikationsturnier in Lyon auf Südkorea und gewann deutlich mit 76:49.

Auch die Erfahrungen aus dem zweiten Gruppenspiel gegen Japan könnten Deutschland dabei helfen erfolgreich zu sein. "Vom Spielstil sind die Asiaten alle sehr ähnlich. Sie haben starke Werferinnen, da müssen wir uns wieder neu fokussieren. Wir haben mit Japan schon ein bisschen Erfahrung gesammelt", richtete Lange den Blick direkt auf das anstehende Spiel.

Im vierten Spiel innerhalb von fünf Tagen geht es für Deutschland um alles. Lange bezeichnete den engen WM-Spielplan als "schon heftig". Angesichts dieser Belastung könnte die Qualität in der Breite des Kaders tatsächlich zum X-Faktor werden.

Wie viel auf dem Spiel steht, zeigt auch ein Blick auf die Geschichte. Sollte es mit einem Sieg klappen, würde Deutschland Geschichte schreiben. Erstmals würde dann eine deutsche Frauen-Nationalmannschaft bei einer WM ins Viertelfinale einziehen.

Verwendete Quelle: ntv.de