"Wir sind 1800 Meilen für dich gereist", steht auf einem Plakat, das eine Gruppe von Teenagerinnen am Freitag in der Berliner Max-Schmeling-Halle hochhält. Die Adressatin heißt Caitlin Clark und ist ein 24-jähriges Basketball-Phänomen aus den USA. Keine Spielerin bei der WM, und überhaupt auf der Welt, ist berühmter als die Spielmacherin vom Titelverteidiger.
Nach dem dominanten 94:61-Sieg von Team USA gegen China beginnt ein wahrer Ansturm auf Clark. Besonders Mädchen im Kindes- und Teenageralter wollen Fotos und Autogramme, während sie vor ihrem Interviewmarathon an der Seitenlinie steht. Die Aufbauspielerin, die bei ihrem Debüt bei einem großen Turnier auf Seniorenebene drei ihrer gefürchteten Dreier versenkt und 14 Punkte, drei Rebounds und elf Assists (mehr als zehn schaffte keine US-Spielerin seit 1998) sammelt, erfüllt fast jeden Wunsch und schreibt sich die Finger wund.
Mit 24 Jahren ist die beeindruckend ruhig und abgeklärt auftretende Clark, die bei Indiana Fever in der WNBA spielt, bereits der klare Chef auf dem Court im US-Team. Jeder Angriff und jede Spielentscheidung laufen über sie, immer wieder gibt sie Befehle und tauscht sich als verlängerter Arm mit Trainerin Kara Lawson aus. Am Ende wird sie von der FIBA zur Spielerin des Spiels gekürt und schreibt sogar Geschichte: Clarks elf Vorlagen sind die meisten, die je eine Spielerin des Team USA bei ihrem WM-Debüt und generell bei einer Weltmeisterschaft ohne Ballverlust erzielt hat.
MAGA arbeitet sich an Clark ab
Clark ist eine Grenzenverschieberin und alles andere als eine gewöhnliche Basketballspielerin. Doch das bezieht sich nicht nur auf ihr enormes Talent auf dem Parkett. Seit sie mit einer der besten College-Karrieren aller Zeiten (bei Frauen wie Männern) ins nationale Bewusstsein der USA stürmte und schon mit 18 Jahren in ihrem ersten Jahr an der University of Iowa die Scorerliste im Land anführte. Seit sie in den Spielzeiten 2021/22 sowie 2023/24 im Durchschnitt die meisten Punkte und Assists pro Spiel erzielte. Seit im College-Finale der Frauen 2024 fast neunzehn Millionen US-Fernsehzuschauer anzog - ein Anstieg um sagenhafte 288 Prozent gegenüber dem Vorjahr und zehn Millionen mehr als das Finale der Männer derselben Saison.
Seitdem ist Caitlin Clark zu einem politischen Symbol geworden. Ungewollt. Ohne jemals darum gebeten zu haben. Donald Trump und seinen Verbündeten ist das egal, sie haben die Basketballerin trotzdem dazu auserkoren. Mit ihrer anhaltenden Überzeugung, dass die Rechte der weißen US-Bürger in Gefahr sind und staatlichen Schutz benötigen, kämpft Trumps MAGA-Bewegung nun sogar im zuvor lange von ihr verhassten Frauen-Basketball, um etwa Beschwerden über Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit zu äußern. Um gegen alles vorzugehen, was sie als anti-weiß, anti-heterosexuell oder anti-christlich ansieht.
An Clark werden seit ihren College-Jahren Rasse, Klasse und Geschlecht - die drei polarisierendsten Tabuthemen in den USA - abgearbeitet. Die WNBA gilt als eine schwarze und queere Liga mit einer tief verwurzelten progressiven Haltung und Kultur und Clark wird auch von jenem Teil ihrer Fangemeinde ausgenutzt, der ihre weiße Hautfarbe braucht, um seinen Rassismus zu untermauern.
Republikaner wollen "Bürgerrechtsklage"
Aggressiver geht das Thema jedoch die Politik an. Absurd, aber wahr: Vor knapp zwei Monaten erst drohte eine Gruppe von fast einem Dutzend republikanischer Abgeordneter damit, das Justizministerium auf die WNBA anzusetzen, sofern die Liga nicht das angebliche Versäumnis anginge, Clark vor harten Zweikämpfen von Schwarzen Spielerinnen zu schützen. Die Republikaner deuteten an, dass harte Fouls gegen Clark "möglicherweise rassistisch motiviert" seien und brachten gar eine Bürgerrechtsklage gegen die WNBA im Namen von Clark ins Spiel.
Auf dem Rücken der eher schmächtig daherkommenden Clark wird ein ganzer Kulturkampf ausgetragen. Die 24-Jährige sei zu einem "politischen Spielball" geworden und bei der Debatte um Fouls gegen die Spielerin gehe es "nicht in erster Linie um die Schiedsrichterleistung", schaltete sich sogar NBA-Boss Adam Silver ein.
Alles um die Spielmacherin herum - jede Aussage, jedes Foul an oder von ihr, jede Entscheidung - wird ins Unermessliche analysiert und aufgeladen. Der Druck auf die 24-Jährige ist unbeschreiblich. Auf Nachfrage von ntv.de zum politischen Trubel und dem ganzen Druck dadurch sagt Clark nach dem China-Sieg: "Darüber mache ich mir keine Gedanken. Es ist ein Privileg und eine Ehre, hier Basketball zu spielen." Ganz der Medienprofi. Die Aufbauspielerin hat sich bisher aus politischen Diskussionen gänzlich herausgehalten, egal zu welchen Symbolen sie gemacht wird. Auch dafür wird sie natürlich kritisiert - sogar von beiden Seiten.
Donald Trump mischt sich ein
US-Trainerin Lawson erkennt unter der Woche in einer Medienrunde gegenüber ntv.de an, dass es rund um Clark "viele Themen gibt, die vom Basketball ablenken, besonders dieses Jahr in der WNBA." Aber ihr Point Guard ließe sich davon "nicht ablenken" und "das meiste davon schafft es nicht in unsere Team-Blase bei der WM".
Doch rechte Medien und Politiker wittern immer wieder Skandale, wenn es um Clark geht. Der konservative Sender Fox News berichtet über Fouls gegen Clark ausführlicher als Sportsender. Der Newsmax-Moderator Greg Kelly meinte nach einem Foul gegen Clark, wofür die foulende Spielerin für ein Spiel gesperrt wurde, im Juni gar: "Wenn die Liga nichts unternimmt, muss meiner Meinung nach die Polizei einschreiten und Verhaftungen vornehmen." Selbst US-Präsident Donald Trump mischte sich ein und erklärte, Clark sei "ziemlich hart behandelt worden".
Dahinter steckt auch der Mythos der Great White Hope, der großen weißen Hoffnung. Das beschreibt die schon mehr als ein Jahrhundert existierende Sehnsucht weißer US-Amerikaner, Erfolge weißer Athletinnen und Athleten in von Schwarzen dominierten Sportarten zu sehen. Für viele Kommentatoren ist ein unausgesprochener Faktor für Clarks Popularität auch ihre ethnische Identität, ihre weiße Hautfarbe.
Clark erkennt White Privilege an
Clark sei etwa "ein Symbol, an das sich Rassisten klammern können" und stelle "die weiße Hautfarbe in den Mittelpunkt", schreibt die Schwarze Wissenschaftlerin Alison Wilz. In ähnlicher Weise argumentiert "The Athletic": "Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass ihre Anziehungskraft als Influencerin ausschließlich auf Basketball beruht, denn das ist nicht der Fall. Clarks Attraktivität für lokale Unternehmen und nationale Konzerne wird durch die Tatsache verstärkt, dass sie eine weiße Frau ist, die eine Sportart dominiert, die als überwiegend von Schwarzen ausgeübt gilt."
Einmal, in einem Artikel des "Time"-Magazins von Ende 2024, sprach Clark dann doch über diese ganzen Themen und stimmte zu, dass sie auf dem Sportmarkt aufgrund ihrer Hautfarbe Vorteile genießt, die auf rassistische Vorurteile oder eine Bevorzugung weißer Sportler zurückzuführen sind. Natürlich gab es direkt harsche Kritik aus dem rechten Lager.
Bei der WM in Berlin genießt Caitlin Clark nun ihr erstes großes Turnier. Und das wohl auch umso mehr, weil es abseits der extrem gespaltenen Politik- und Medienlandschaft der USA stattfindet. Nur auf dem Parkett fühlt sie sich frei.





