Zehn Jahre nach seinem Kniefall hat Colin Kaepernick seine Karriere als Football-Profi noch immer nicht offiziell beendet. Gespielt hat er seit der Saison 2016/2017 aber nicht mehr. Es war der Preis für eine Geste, die der inzwischen 38 Jahre alte Quarterback zeigte, um auf Rassismus, Ungleichbehandlung und Polizeigewalt aufmerksam zu machen.
"Wenn ich darüber nachdenke, ob es das wert war oder nicht: Wenn nur ein Leben gerettet wurde, ein Leben vorangekommen ist, war es das wert jeden Tag der Woche", sagte Kaepernick einmal.
Am 1. September 2016 ging Kaepernick vor dem Vorbereitungsspiel seiner San Francisco 49ers bei den San Diego Chargers während der Nationalhymne auf ein Knie. In den Spielen zuvor hatte er auf der Bank gesessen, was weitgehend unbemerkt geblieben war. Nach einem Gespräch mit einer ehemaligen Spezialkraft des US-Militärs entschied sich Kaepernick dann aus Respekt vor den Soldaten seines Heimatlandes fürs Knien statt Sitzen - und wurde so schnell zur Zielscheibe von Hass, Verachtung und Vorwürfen.
Diese politischen Gesten prägten den Sport
Trikots werden verbrannt
US-Präsident Donald Trump, damals als Kandidat im Rennen um die Präsidentschaft, beschimpfte Kaepernick und nannte Football-Profis, die während der Hymne nicht standen, später sogar "Hurensöhne". Fans - auch die der 49ers - verbrannten Kaepernick-Trikots und buhten den damals 28-Jährigen aus. Dass er die Mannschaft nur zwei Jahre zuvor bis in den Super Bowl geführt hatte und als einer der aufregendsten Spielmacher der NFL galt, schien keinen Wert mehr zu haben.
Nach der Saison tauschten die 49ers Trainer und Manager aus, nach einem Gespräch mit Kyle Shanahan und John Lynch entschied sich Kaepernick für einen Abschied von seinem ersten NFL-Team. Es sollte sein einziges bleiben. Seit dem 1. Januar 2017, einem 23:25 gegen die Seattle Seahawks, stand Kaepernick nicht mehr für ein NFL-Team auf dem Feld. Seine Zeit und Energie steckt Kaepernick seither noch mehr in soziale Themen und ist mit mehreren Preisen für sein Engagement ausgezeichnet worden.
Mehrere NFL-Kollegen adaptierten seine Geste, Seth DeValve von den Cleveland Browns war dann der erste weiße NFL-Spieler, der während der Hymne kniete. Der Kniefall wurde auch über den Football hinaus zum Symbol gegen Rassismus und von anderen Sportlern aufgegriffen. In der Premier League wurde regelmäßig vor Anpfiff gekniet auch die englischen Nationalteams von Männern und Frauen gingen vor Anpfiff ihrer Spiele auf die Knie.
Keine Chance mehr für Kaepernick
Die Geste wurde etwas später nochmal populär, nachdem der US-Amerikaner George Floyd in Minneapolis gewaltsam getötet worden war. Das hatte die Black-Lives-Matter-Proteste ausgelöst. In der Bundesliga bekundete der frühere Gladbacher Marcus Thuram im Mai 2020 seine Solidarität, indem er kniete. Andere Spieler, wie der damalige Dortmunder Jadon Sancho, folgten.
Eine große Geste - nicht, die erste auf Knien. Der in Deutschland wichtigste ist der von Willy Brandt am 7. Dezember 1970. Als der damalige Bundeskanzler vor dem Denkmal für den Aufstand im Warschauer Getto niederkniete. Das Foto wurde zum Symbol der Aussöhnung zwischen Polen und Deutschland. Wie Kaepernick ist auch Brandts Kniefall nicht unumstritten.
Für Kaepernick war die Karriere dann aber schneller entscheidet gestört. Auch wenn er immer noch nicht offiziell im Ruhestand ist. Noch 2022 hat er sich in einem Training bei den Las Vegas Raiders präsentiert, sein Status ist weiterhin der eines Unrestricted Free Agents, also eines aktiven Spielers ohne Vertrag, der jederzeit verpflichtet werden könnte. Doch keines der 32 Teams hat Kaepernick eine zweite Chance gegeben - in einer Liga, die anderen Spielern mitunter auch eine dritte oder vierte Chance ermöglichte.


