Rasanter Aufstieg von Oktagon MMA

Nur ein Prinz auf weißem Ross könnte sich diesen Millionen-Zirkus leisten

imageVon Michael Bauer
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Wie im Zirkus: Oktagon zu Corona-Zeiten. (Foto: Oktagon)
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24.09.2026 | 17:29 Uhr
Oktagon inszeniert MMA als großes Unterhaltungserlebnis. Gründer Ondrej Novotny spricht über wachsende Verantwortung, immer größer werdende Shows und seinen Plan, um Europas Konkurrenz endgültig abzuhängen.

Innerhalb von zehn Jahren entsteht aus einem Kredit über 50.000 Euro eine Nischensport-Organisation im Wert von mehreren Hundert Millionen. Die Erfolgsgeschichte der MMA-Organisation Oktagon ist rasant und gipfelt in einem Stadion-Event vor rund 60.000 Zuschauer in Frankfurt. Das weckt Begehrlichkeiten. Der tschechische Gründer Ondrej Novotny hat aber noch große Pläne - und würde sein "Lebenswerk" nur unter einer Bedingung verkaufen. 

Zusammen mit seinem Mitgründer Pavol Neruda hatte Novotny einen Kredit über jeweils 25.000 Euro aufgenommen, um Oktagon 2016 zu starten. Beide kündigten zudem ihre damaligen Jobs. Nachdem sich die Organisation in Tschechien und der Slowakei etabliert hatte, folgte 2022 der Schritt nach Deutschland. Die Erfolgsgeschichte setzt sich bis heute fort: Rund 20 Events im Jahr, ausverkaufte Arenen, Stadion-Rekorde. "Ich bin nicht überrascht über das, was wir erreicht haben in den letzten Jahren", sagt Novotny im Interview mit ntv/RTL. "Wir glauben daran und bekommen das Feedback von unseren Kämpfern und Fans, dass wir solche Dinge umsetzen können." 

Oktagon 94 im Frankfurter Stadion ...

Zweifel an dem Projekt habe es nie gegeben betont er. Und das, obwohl er seinen Job als Kommentator bei Eurosport für Oktagon an den Nagel hängte. Rückschläge gab es für die Organisation dennoch, wie etwa die gescheiterte Expansion nach Großbritannien. "Wir waren nicht mit allen Ideen erfolgreich. Viele Dinge sind nicht so gelaufen, wie wir wollten. Es muss aber nicht alles mit Geld und Erfolg zu tun haben. Unser Credo ist eher: Wenn es uns Unterhaltung bringt, dann wird das die Fans auch unterhalten." 

Vor allem Storytelling zu den Kämpfern und Reality-Formate brachten Oktagon konstanten Erfolg. Wenn es darum geht, neue Dinge auszuprobieren, vergleicht Novotny die Herangehensweise mit einem Süßwarenladen. "Es ist ja unsere Firma. Ob wir in einem neuen Land, einem Stadion veranstalten oder eine neue Show starten wollen: Wir müssen uns nur selbst fragen: Was müssen wir tun, um diese 'Süßigkeit' zu probieren." Experimente hätten aber mittlerweile eine gewisse Grenze erreicht, betont er. "Wir fühlen uns verantwortlich für unsere mehr als 100 Angestellten und auch die mehr als 300 Kämpfer und deren Familien. Wenn es diesen verrückten Zirkus nicht gäbe, würden wir noch viel verrücktere Sachen machen." 

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Ondrej Novotny (r.) bei der Arbeit: Bei Oktagon ist er Kommentator und Ringsprecher.

Was Novotny als Zirkus beschreibt, hat einen Hintergrund bei den beiden tschechischen Gründern. Während der Corona-Pandemie veranstalteten sie in einem Hotel in Brno, Lichterketten liefen über dem Käfig spitz wie ein Zelt zusammen, der Oktagon-Schriftzug prangte wie eine Reklametafel aus den 50er-Jahren im Hintergrund. Dazu Neruda und Novotny in grellfarbenen Zwirn - wie zwei Zirkusdirektoren. Mittlerweile ist Oktagon MMA nicht nur Kampfsport, sondern ein durchgehendes Unterhaltungsprodukt für die Besucher in der Arena. Zwischen den knallharten Kämpfen gibt es Pausen, die inhaltlich gefüllt werden. Ein Maskottchen bespaßt die Zuschauer, es gibt Minispiele und Flex-Cam. Ein Ansatz, den sich das Unternehmen bei den großen US-Sportarten abgeschaut hat. 

"Unterhaltung ist fast auf den gleichen Level wie der Sport bei uns", sagt Novotny. "Wir wollen Leute begeistern, die vielleicht gar nichts mit MMA zu tun haben. Ein NFL-Spiel in den USA ist auch ein Social Event. Da werden die Zuschauer auf allen Ebenen unterhalten und da wird auch Business gemacht. Das hat man bei der letzten Fußball-WM gesehen." Oktagon wolle möglichst viele verschiedene Fangruppen abholen. Das mache man nicht nur mit einer Halbzeitshow, sondern auch mit den Walk Outs der Fighter, Storylines und den erwähnten Pausenfüllern. "Wir glauben, das ist der Weg, durch den wir noch viel mehr Menschen erreichen können." 

Mit höherem Produktionsaufwand steigen auch die Kosten. Der Unterhaltungsbereich sei da laut Novotny aber nicht ausschlaggebend, warum die Ticketpreise in den letzten beiden Jahren angezogen haben. "Der Sport wächst rasant. Die Kosten für die Arenen, Dienstleister und die Gagen für die Kämpfer sind gestiegen. Die Fightcard beim Stadion-Event ist doppelt so teuer wie 2024." Novotny verstehe, dass sich Fans Preise wie im Fußball wünschen würden. "Im Fußball sollten die Preise einfach niedriger sein, weil Fans dort ein Leben lang in ihren Verein investieren. Wir sind aber nicht auf dem Level, 20 Events im Jahr an einem Ort auszutragen. Daher halten wir Startpreise von 50 Euro in Deutschland für erschwinglich." 

"Oktagon ist mein Lebenswerk"

Mehr Events in mehr Ländern bedeutet, dass Oktagon wertvoller und interessanter für Investoren wird. Vor eineinhalb Jahren hatte Neruda noch beziffert, die MMA-Organisation sei rund 300 Millionen Dollar wert. Es folgten ein RTL-Deal in Deutschland, ausverkaufte Arenen in vier europäischen Ländern und Partnerschaften mit Streamingdiensten wie DAZN. Fortan gab es auch Gerüchte, die beiden Tschechen könnten die Organisation irgendwann für viel Geld abgeben. "Es ist schön, über diese verrückten Zahlen zu reden. Aber wir verkaufen nicht", betont Novotny. "Da müsste schon ein Prinz auf einem weißen Pferd bei uns im Büro aufschlagen und sagen: Schreibt einfach eine Zahl auf. Dann verkaufen wir vielleicht", witzelt Novotny. "Selbst wenn jemals ein Verkauf zustande kommen sollte, dann wäre eine Bedingung im Vertrag, dass Pavol und ich noch 4-5 Jahre das Sagen haben." 

Sich von Oktagon zu trennen, würde dem 49-Jährigen auch äußerst schwerfallen. "Das ist mein Lebenswerk, mein Baby. Ich glaube auch nicht, dass ich in meinem Alter noch etwas finde, in dem ich so gut bin, wie hier." 

Die Zukunft bei Oktagon ist mittelfristig auch sportlich gesichert. Mit den größten Stars wie Will Fleury, Alina Dalaslan oder Max Holzer konnte der Vertrag verlängert werden. Es gab Interesse von anderen großen Organisationen, alle entschieden sich, zu bleiben. "Die UFC ist die größte Organisation und daran wird sich wahrscheinlich nie etwas ändern. Wir sind überzeugt, dass wir die beste Anlaufstelle in Europa sind. Wir haben die Plattform, jährlich 20 Events in der gleichen Zeitzone und die Verbindungen zu beispielsweise RTL - und helfen Fightern dabei, eine eigene Marke aufzubauen." Das sei bei Oktagon mit Blick auf Sponsoren und Reichweite eine bessere Voraussetzung als bei Durchschnittskämpfen in der UFC. "Wir werden das noch weiter verbessern und in maximal zwei Jahren wird keiner mehr mit uns in Europa konkurrieren können, wenn es um Gagen geht." 

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Oktagon-Kämpfer klaut Gürtel und entfacht Massentumult im Käfig

Entsprechend ambitioniert blickt Novotny auf das kommende Jahr. Man wolle in Europa mit weiteren großen Streamingpartnern kooperieren. "Unser Produkt ist bereits international genug, um sich in Europa auszubreiten. Beispielsweise haben wir kaum italienische Kämpfer, aber bieten eine interessante Show, die auch in Italien Anklang finden würde." Den Schritt über den großen Teich strebt Novotny nicht an. "Selbst die UFC hat Probleme, Events auszuverkaufen, wenn sie nach Europa kommen, weil sie sich nicht um die Fans kümmern. Für uns wäre es gleichermaßen schwer, wenn wir in die USA oder nach Brasilien gehen, mit den Fans zu connecten."

Veranstaltungen mit mehreren Zehntausend Zuschauern sind für Oktagon bereits zum Habitus geworden. Laut Novotny gebe es nur eine Sache, die größer wäre als Stadion-Events: "Wenn wir im Mainstream ankommen, wäre das größer als jedes Stadion-Event. Wir wollen bewirken, dass man in Deutschland bereits MMA schauen kann, bevor man 18 Jahre alt ist. Im Fernsehen können Jugendliche weitaus schlimmere Dinge sehen, aber eben nicht auf eine Sportveranstaltung gehen. Das ist verrückt. Da gibt es noch viel tun - das bedeutet auch viel Arbeit für uns."

Verwendete Quelle: ntv.de