"Und jetzt das 4:0! Das 4:0! Tor! Tor! So habe ich den FC Bayern München lange nicht mehr zerzaust gesehen." Das war die Stimme des WDR-Kommentators Armin Hauffe live aus dem Bochumer Ruhrstadion am 18. September 1976 - und es hat tatsächlich 50 lange Jahre gedauert, bis jemand auf die Idee kam, dieses Originalfundstück zu bergen. Denn eine Sache muss man wissen: Jahrzehntelang haben viele Personen immer wieder nach einem Zeitdokument gefahndet, das es in Wirklichkeit (vermutlich) nie gab. Jetzt hat das neue und äußerst lesenswerte Magazin "Mehr als ein Spiel: VfL Bochum - Bayern München 5:6" dieses Geheimnis gelüftet.
Oliver Wurm, der verrückte Heftmacher aus Hamburg, der sich mit seiner Reihe "Fußballgold" und dem Slogan "Print wirkt" munter und entschlossen dem Zeitgeist widersetzt, hat tatsächlich ein ganzes, wunderbares Magazin zu diesem einzigartigen Spiel, zu dem sich über all die Jahre so viele Mythen gebildet haben, herausgebracht. Denn ein Teil der Geschichte dieser wilden Partie ist bis heute, dass es keine Livebilder des deutschen Fernsehens von dieser Begegnung gibt. Immer wieder hatte man vermutet, dass die Kassette von diesem Spiel aus dem Archiv entwendet wurde oder der Motorradfahrer auf der Fahrt nach Köln vom Weg abgekommen sein müsse - doch die Wahrheit war und ist (vermutlich) viel einfacher, wie Udo Muras im Heft schreibt.
Muras, das historische Gedächtnis des deutschen Fußballs, ist selbst Bayern-Fan und erinnert sich nicht nur ziemlich präzise an die Umstände dieses Tages vor 50 Jahren im Hause seiner Eltern, sondern er weiß auch noch genau, was damals im TV los war beziehungsweise eben nicht: "Dass das Fernsehen keine Aufklärung leisten kann, liegt daran, dass es nicht da ist. Die ARD-Sportschau zeigt TeBe Berlin - 1. FC Köln, Eintracht Braunschweig - Schalke und RW Essen - Karlsruher SC. Auch im Sportstudio des ZDF schauen Interessenten am verrücktesten Wendespiel aller Zeiten in die Röhre. Wer die elf Tore aus dem Ruhrstadion sehen will, der muss schon dabei gewesen sein und genau hinschauen - eine zweite Chance wird es nicht geben."
Super-8-Kamera hält VfL-Wahnsinn fest
Doch stimmt es wirklich, dass es nie Bilder gab? Der langjährige Sportreporter Peter Müller schreibt im Magazin dazu: "Das Bochumer 'Jahrhundertspiel' aber, so wurde es auch während der Jubiläums-Zeremonien erzählt, sei gar nicht mitgeschnitten worden, was allerdings mittlerweile widerlegt wurde: Im ZDF-Sportstudio wurde der Beitrag sogar angekündigt, aber angeblich aus Zeitgründen dann doch nicht gesendet. Auch der WDR soll das Spiel aufgezeichnet haben, doch in Köln kamen keine Bilder an."
Was genau passiert ist, wird sich vermutlich nie im Detail klären lassen. Doch eine Sache weiß man mittlerweile mit Bestimmtheit: Tatsächlich gibt es nur einen Mann an diesem Tag, der für die Nachwelt bewegte Bilder festgehalten hat. Es ist der VfL-Fan Werner David, der am 18. September 1976 "eigentlich nur seine neue Super-8-Kamera ausprobieren" wollte und damit unversehens ein einzigartiges Dokument Bundesliga-Fußballgeschichte schuf.
Zum Autor
- Ben Redelings ist ein Bestseller-Autor und Komödiant aus dem Ruhrgebiet.
Jüngst ist das Buch "Ein Tor würde dem Spiel guttun. Das ultimative Buch der Fußball-Wahrheiten" frisch in einer aktualisierten und erweiterten Neuauflage erschienen.
Mit seinen Fußballprogrammen ist er deutschlandweit unterwegs. Infos und Termine auf www.scudetto.de.
Peter Müller schreibt: "Werner David, damals 37, wollte mit der Familie wenige Tage später ins Allgäu fahren. Er hatte sich dafür erstmals eine Super-8-Filmkamera gekauft. 'Um die Kinder zu filmen, wie sie groß werden.' Dann kam ihm der Gedanke, dass er das gute Stück doch mal im Stadion ausprobieren könnte. Er steckte zwei Filme ein, jeder nur für 3 Minuten und 15 Sekunden zu nutzen, hockte sich auf die Tribüne und hielt drauf, wenn Bochum angriff. Keine schlechte Idee."
"In Bochum hat es dem FC Bayern München wohl mittlerweile gereicht"
Mit seiner "Revue S 6" fing David anschließend alle fünf Treffer des VfL Bochum ein. Die sechs Tore des FC Bayern musste er allerdings notgedrungen unter den Tisch fallen lassen. Dafür reichte die Aufnahmezeit einfach nicht. Heute meint David dazu schmunzelnd: "Hätte ich das alles geahnt, hätte ich zehn Filme mitgenommen." Doch das tat er nicht - und so bildeten seine Bilder bis heute nur einen Teil der Erzählung ab. Drumherum rankten sich von Jahr zu Jahr immer mehr Mythen. Doch damit ist mit dem Erscheinen des neuen Magazins wenigstens in Teilen Schluss. Denn Oliver Wurm kam auf die einfache, aber geniale Idee, die Original-Hörfunk-Reportage von damals zu bergen und komplett zu transkribieren.
Und so ist der Leser nach all den Jahren zum ersten Mal hautnah dabei, wenn die Stimme im Studio, Rolf Kunkel, und der Reporter vor Ort, Armin Hauffe, von diesem "Jahrhundertspiel" mit dem irren Verlauf berichten: "1:0 also die Führung für die Platzherren, die weiterhin fulminant stürmen, die nicht lockerlassen, keinen Respekt vor dem FC Bayern zeigen, fast ein wenig frech spielen." Und dann, nachdem der VfL Bochum tatsächlich 4:0 in Führung gegangen war: "In Bochum hat es dem FC Bayern München wohl mittlerweile gereicht, dass ein Fußballzwerg einem Riesen eine Halbzeit lang die lange Nase gezeigt hat. Es steht nur noch 4:3 für den VfL."
"Such is football" in Bochum
Die Begeisterung für diese außergewöhnliche Partie ist Armin Hauffe von Sekunde zu Sekunde immer mehr anzumerken: "Zwölf Minuten vor dem Ende möchte ich die lieben Kollegen aus England zitieren, die in solchen Situationen zu sagen pflegen: 'Such is football.' Das also ist Fußball." Er steigert sich in seine eigene Euphorie am Ende so sehr hinein, dass er noch nicht einmal mehr den Schlusspfiff abwartet, um ein erstes Fazit zu ziehen: "Es ist ein Riesenfußballspiel gewesen. Ein Spiel, wie man es wahrlich nicht alle Tage sieht. Und ich persönlich als Reporter muss feststellen: Das geht einem unter die Haut. Da fiebert man einfach mit. Das macht Freude, zuzuschauen, und es macht Freude, zu schildern."
Vier Tage nach diesem denkwürdigen Elf-Tore-Tag von Bochum schenkte Bayern-Trainer Dettmar Cramer den Fußballfans im Rückblick ein besonderes und so treffendes Bonmot zu dieser Partie, wie sich Muras erinnert: "Fußball ist das schönste Scheißspiel, das es gibt." Und dass 50 Jahre nach diesem "Scheißspiel" immer noch Geheimnisse gelüftet, Erinnerungen aufgefrischt und erneuert werden und sogar ein ganzes Magazin zu dieser Partie erscheint, ist tatsächlich einzig und allein dieser einmaligen Faszination Fußball geschuldet. Denn wie sagte der begeisterte Armin Hauffe ganz zum Schluss seiner Reportage: "6:5. Nach Halbzeitstand von 0:3 schlägt der FC Bayern München den VfL Bochum in einem Fußballspiel, das man in die Reihe derer einfügen wird, von denen man sagt, sie seien unvergesslich." Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, außer vielleicht ein laut geschmettertes: Glück auf, lieber Fußball!



