Uwe Seeler war außer sich. Sein HSV zerlegte in der Saison 1965/66 die arme Tasmania aus Berlin in alle Einzelteile, doch eine Sache schmeckte dem ewigen Fußballidol so ganz und gar nicht. Und so raunzte er seinem Mitspieler Dörfel verärgert zu: "Zwanzig Tore kannst du von mir aus machen, Charly, aber nicht unseren Gegner verulken!" 5:1 für die Hamburger stand es da schon und Dörfel hatte nicht nur das 2:0 geschossen, sondern auch zwei weitere Tore vorbereitet und spielte wahrhaft groß auf. Aber als er mit Beinschüssen anfing, wurde es Seeler zu bunt. Wenn man mit einer Szene den herausragenden Charakter des Sportlers und Menschen Uwe Seeler beschreiben wollte - diese wäre so eine.
"Uns Uwe" wurde von den Menschen einfach geliebt. Einmal natürlich deshalb, weil er ein echter Typ war, aber andererseits natürlich auch, weil er ein fantastischer Fußballer gewesen ist. Was das bedeutete, zeigte sich zum Beispiel in der Saison 1969/70. Der Hamburger SV gewann zu Hause gegen Rot-Weiß Oberhausen mit 2:1 und zweifacher Torschütze und überragender Mann des Spiels war Uwe Seeler. Gästecoach Adi Preißler meinte hinterher voll des Lobes: "Wenn ich meine jungen Spieler betrachte und diesen Uwe Seeler, verstehe ich die Fußballwelt nicht mehr. Seeler ist 34. Er sprang höher als alle anderen. Er schießt mehr. Er läuft sie alle tot. Er spornt in den letzten Minuten seine Leute an. Ich weiß nicht, wie er es macht. Ein toller Bursche!"
Und das war er nicht nur auf dem Platz. Die "Hamburger Morgenpost" war sich deshalb im Jahr 1960 sicher: "Es gibt niemand in unserer Stadt, der ihn nicht kennt". Wenn man früher Franz Beckenbauer über den ewigen Star des HSV sprechen hörte, klang immer ein Gefühl der tiefen Zuneigung aus seinen Worten: "Der Uwe ist ein Schatz. Ich weiß nicht, ob es einen perfekten Menschen gibt. Den Papst vielleicht. Aber dann kommt gleich Uwe Seeler."
"Der ist ein Idol"
Wie sich das zeigte, hat einmal der spätere Bundestrainer Jupp Derwall in seinem Buch "Fußball ist kein einfaches Spiel" geschildert, als er über ein Gespräch mit dem kollegialen Mannschaftssportler Seeler vor der WM 1970 berichtete: "Ich habe den Auftrag von Helmut Schön, für Mexiko, für unser Quartier-Hotel Comanjilla in Leon, die Zimmereinteilung vorzunehmen. Jetzt muss ich dich fragen, in einer Situation, wo die Medien und die Presse dich und den Gerd am liebsten auseinanderdividieren möchten und auch niemand glaubt, dass ein Zusammenspiel zwischen euch beiden möglich sein könnte, weil ihr beide den typischen Mittelfeldspieler verkörpert, ob es nicht möglich wäre, wenn du und der Gerd in einem dieser Parterre-Bungalows zusammenwohnen würdet.' Uwe schaute mich ungläubig und voller Erwartung an, grinste verstohlen und sagte dann plötzlich: 'Also, wenn der Gerd das möchte, dann wäre ich sofort dabei, das ist überhaupt keine Frage.' So war er eben, 'uns Uwe', immer bereit, alles für die Mannschaft zu tun, und immer auf Harmonie und Erfolg bedacht."
Der ehemalige Bundesligaspieler Dieter Schatzschneider erzählte einmal von einer besonderen Begegnung mit der HSV-Legende: "Ich absolvierte kürzlich einmal ein Prominentenspiel in Hannover, da waren von 4000 wohl 3000 nur gekommen, um Uwe zu erleben. Zunächst dachte ich: 'Der mit seinem Bäuchlein geht doch gar nicht mehr.' Plötzlich aber stieg er kerzengerade hoch zur Torlatte und machte einen tollen Fallrückzieher. Der ist ein Idol, so was möchte man selbst auch mal werden."
Und auch die Presse liebte ihn. "Welt"-Redakteur Hans-Jürgen Usko meinte einmal: "Über Uwe Seeler müsste man fässerweise Honig ausschütten." Und "Kicker"-Herausgeber Dr. Friedebert Becker schrieb nach einem spektakulären Seeler-Tor 1960 gegen Westfalia Herne: "Jede Varietébühne der Welt zöge volle Häuser, wenn sie ihrem Publikum dieses Uwe-Tor, das entscheidende Uwe-Tor, möglichst in Zeitlupe, allabendlich vorführen könnte. Aber dieses wahrhaft akrobatische Rückzieher-Tor im Liegen war noch viel wertvoller als ein für Bühnen einstudierter Trick. Weil es jene Tugend des kleinen Hamburgers lohnte, die mindestens ebenso kostbar ist wie das technisch Artistische: Uwes blitzartiges Erfassen der Lage …"
"Keine Angst, im Himmel wird auch Fußball gespielt"
Was Uwe Seeler für den deutschen Fußball bedeutete, zeigt sich an zwei Zitaten. Der Kapitän der Europameisterschaft von 1980, Ennatz Dietz, hat einst den wunderschönen Satz gesagt: "Ich habe davon geträumt, einmal ein Kopfballduell gegen Uwe Seeler zu gewinnen." Es war für viele kleine Jungs einfach das Größte, sich vorzustellen, mit "Uns Uwe" auf einem Platz zu stehen. Und Olli Dietrich hat einmal über seinen von ihm kreierten Charakter "Dittsche" gesagt: "Er wollte früher - genauso wie ich - so werden wie Uwe Seeler. Als ich jung war, gab es in Europa nur den einen Mittelstürmer, das war Seeler. Er war mein Idol."
Zum Autor
- Ben Redelings ist ein Bestseller-Autor und Komödiant aus dem Ruhrgebiet.
Jüngst ist das Buch "Ein Tor würde dem Spiel guttun. Das ultimative Buch der Fußball-Wahrheiten" frisch in einer aktualisierten und erweiterten Neuauflage erschienen.
Mit seinen Fußballprogrammen ist er deutschlandweit unterwegs. Infos und Termine auf www.scudetto.de.
Und dann gab es neben dem unglaublichen Fußballer und dem tollen Menschen noch etwas Drittes: Uwe Seeler ist zeitlebens immer der nette Mann von nebenan geblieben. Einer, der abseits des grünen Rasens ein bisschen so war wie wir alle. Und so meinte Seeler einmal in seiner typischen Art, leicht schelmisch grinsend: "Ich entscheide die großen Dinge und meine Frau die kleinen. Welche Dinge groß und welche klein sind, entscheidet meine Frau." Und dann lachte er.
Heute vor 90 Jahren ist Uwe Seeler in Hamburg geboren worden. Als er im Juni vor vier Jahren starb, war die Trauer in Fußball-Deutschland groß. Doch schon zuvor hatte der "Schatz der Nation" der Nachwelt einen tröstlichen Satz hinterlassen: "Keine Angst, im Himmel wird auch Fußball gespielt."


