Wieder nerven die Griechen

"Und was jetzt, Jürgen Klopp?"

imageInterview: Tobias Nordmann
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05.10.2026 | 01:01 Uhr

Deutschland sucht das Tor, findet es aber nicht. In der hitzigen Atmosphäre von Thessaloniki besteht das DFB-Team erneut den Mentalitätstest, nimmt allerdings trotz einiger Chancen nur einen Zähler mit. Im Kampf um das Viertelfinale in der Nations League ist das 0:0 ein herber Rückschlag. Aber wie war nun der Länderspiel-Block unter dem neuen Bundestrainer mit vier Spielen und 44 Fußballern? Unser Experte Arie van Lent sieht eine schwierige Diskussion auf Jürgen Klopp zukommen und vermisst im deutschen Team einen Typen, wie er selbst einer war.

ntv.de: Hallo Herr van Lent. Und schon wieder ist ein Länderspiel vorbei. Gut so, oder schade?

Arie van Lent: Puh, wenn ich ehrlich bin, dann ist es gut so. Das war ein bisschen zu viel. Ich freue mich wirklich auf die Bundesliga, auf das Derby Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln.

Jürgen Klopp fand die Leistung bei der medial ausgerufenen Revanche gegen Griechenland "unglaublich". Auch Kapitän Florian Wirtz war begeistert. Gehen Sie mit?

Naja, es ist ja ihre Aufgabe, die Dinge so zu sehen. So positiv. Mir ist das ein bisschen zu viel. Klar, die erste Halbzeit war schon gut, aber der letzte Ball hat mir gefehlt. Das war das Problem und so kannst du eben keine Tore machen, auch wenn ein paar gute Chancen dabei waren. Aber insgesamt war das zu wenig Gefahr. Und, wenn wir ehrlich sind, du hättest auch kurz nach Anpfiff direkt mit 0:1 hinten liegen können. Den Kopfball von Georgios Masouras hält Jonas Urbig exzellent.

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"Haben am Ende das scheiß Tor nicht gemacht"

In der zweiten Halbzeit ist das Spiel dann aber gekippt, wurde zäher, ausgeglichener. Was ist passiert?

Die Griechen waren Schuld! Sie haben plötzlich nicht nur was nach vorne gemacht, was auch durch die Einwechslung von BVB-Spielmacher Konstantinos Karetsas bedingt war. Sondern sie haben die Physis deutlich erhöht. Ich denke, das haben sie von ihrem Trainer in der Kabine mitbekommen: Knallt mal die Ellenbogen raus, haut mal einen um, macht mal ein bisschen Terz. Das hat gut funktioniert, die Zuschauer sind wacher geworden. Das kam den Griechen entgegen, auch wenn das Spiel danach nicht mehr schön war. Und der Punkt hilft ihnen in der Nations League mehr als uns.

Deutschland ist im Klopp-Fieber, lässt gegen Griechenland aber fünf Punkte liegen. Wie passt das zusammen?

Ja, gar nicht, Herr Nordmann. Wenn du die Nations League tatsächlich ernst nimmst, dann war das nicht gut. Punkt.

Was bleibt denn nun von diesem sehr langen Länderspiel-Block hängen: Vier Spiele, ein Sieg, 44 Fußballer nominiert, zwei Kader berufen ...

Da werden jetzt natürlich Diskussionen aufkommen. Und wie sie geführt werden, das hat Klopp ja gerade selbst erfahren mit dem Thema Joshua Kimmich.

Der Kapitän stand in "Kader I", wollte unbedingt auch in "Kader II" dabei sein. Klopp schob seinen Fuß aber aus der Tür. Der neu besetzte Maschinenraum mit Aleksandar Pavlovic und Tom Bischof funktionierte sehr gut. Danach hieß es: Läuft Kimmichs Zeit ab.

Ich finde die Diskussion ehrlich gesagt unfair. Kimmich hat gegen die Niederlande zum Auftakt ein sehr gutes Spiel gemacht. Seine Chipbälle sind außergewöhnlich, er tritt gute Standards und arbeitet defensiv sehr sauber und sachlich. Was ich in der ganzen Debatte aber besonders unglücklich finde: Wie Klopp das Thema besprochen hat. Mit seinem Spruch: Man bekommt nicht immer, was man sich wünscht. Klopp ist doch ein Mann der klaren Worte, ich vermisse einen unmissverständlichen Satz wie: "Kimmich bleibt in der Mannschaft. Diskussion beendet."

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Jürgen Klopp feiert sein DFB-Team trotz Remis in Griechenland

Aber es gibt ja gute Argumente für Pavlovic. Er hat sie gegen Serbien zuletzt und auch dieses Mal gegen Griechenland selbst geliefert ...

Das stimmt. Beide spielen aber sehr ähnlich, ziehen den Ball an. Was Pavlovic besser macht: Er geht direkter nach vorne. Sucht auch mal im Dribbling nach Lösungen. Er spielt mit mehr Risiko, verliert dann aber auch häufiger mal den Ball. Da gefällt mir Kimmich besser.

Wie hat Ihnen nach jetzt vier Spielen die Idee mit den zwei Kadern gefallen?

Grundsätzlich ist das eine gute Sache gewesen. Klopp hat Deutschland gezeigt, wie viele Talente es im eigenen Fußball doch gibt. Wie etwa Mika Baur, für den das bestimmt eine Super-Reise war. Aber ich denke nicht, dass wir ihn ganz schnell wiedersehen werden. Die Erfahrung ist für die Jungs super wichtig. Aber, da wiederhole ich mich, mit den zwei Kadern hat sich Klopp eben auch ein Problem geschaffen. Die Leute werden jetzt fragen: Und Kloppo, wie geht's jetzt weiter? Da wird es keine Ruhe geben. Wer kommt wieder, wer nicht. Das wird in den nächsten Tagen der große Gegenstand der Debatten werden. Und nach ein bisschen Pause wird er darauf Antworten finden müssen. Solche Debatten können, das wissen wir ja, sehr schnell sehr groß werden.

Fangen wir doch direkt mal an: Welcher Kader hat Ihnen besser gefallen?

Dem zweiten Kader zuzuschauen hat sich schon leichter angefühlt. Da habe ich in zwei Spielen drei richtig gute Halbzeiten gesehen. Der Kader hat es aber auch vielleicht ein bisschen leichter gehabt gegen die schwachen Serben und nun erneut gegen Griechenland, bei denen nicht alle Topspieler dabei sein konnten oder ganz fit waren. Und sie wussten ja bereits, was auf sie zukommt, sie wurden von den Griechen nicht mehr überrumpelt. Im anderen Kader waren natürlich viel mehr etablierte Spieler dabei, die auch weiter eine tragende Rolle spielen: wie das Abwehr-Duo Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck - auch wenn es Malick Thiaw und Waldemar Anton echt gut gemacht haben.

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Matthäus: "Mit der Punkteausbeute können wir nicht zufrieden sein"

Und es gibt ja noch Yann-Aurel Bisseck!

Ohje, ohja, bei den ganzen Namen verliert man leicht den Überblick. Aber stimmt, der macht es auch wirklich richtig gut. Ein Abwehrproblem haben wir nicht, ein Torwartproblem auch nicht. Aber dafür eins im Sturm.

Das muss Sie als Ex-Stürmer doch schmerzen ...

Ja, Nick Woltemade ist es für mich derzeit nicht. Ihm fehlen Selbstvertrauen und Leichtigkeit. Und auch Jonathan Burkardt ist es noch nicht. Auch wenn er heute Pech hatte, wie ich finde, dass ihm sein erstes Länderspiel-Tor aberkannt worden war. Dass zuvor der Ball an die Hand von Tom Bischof springt, nachdem vier Leute zum Kopfball hochgehen, das ist schon eher unglücklich. Die Regel kann ich nicht so ganz teilen. Zumal die Armberührung des Balles nicht unmittelbar zum Tor geführt hat. Aber noch einmal zu den Stürmern. Womöglich sind die größten Gewinner nun die, die nicht dabei waren oder abreisen mussten. Wie Deniz Undav, Kai Havertz, Jamal Musiala, die auf engem Raum immer Lösungen finden können. Oder auch Nicolò Tresoldi, der bei der U21-Nationalmannschaft fantastisch spielt. Wir brauchen auf jeden Fall wieder einen Typen mit Killerinstinkt, das bleibt sicher eine der großen Baustellen.

Weil Sie gerade bei Gewinnern sind: Wer steht noch auf ihrer Liste?

Ganz klar Derry Scherhant, der gefällt mir mit seinem Tempo und seinem Mut richtig gut. Der hat seine Chance absolut genutzt. Er ist von einem Spieler, ich sage das jetzt mal so, den niemand kennt, plötzlich zur großen Klopp-Entdeckung geworden. Und auch sein Freiburger Teamkollege Philipp Treu ist ein großer Gewinner. Ich sehe ihn auf dem Stammplatz hinten rechts. Auch wenn es heute nur ein "normales" Spiel von ihm war, hat er mir wieder sehr gut gefallen. Schon beim Debüt gegen die Niederländer, als er sich mit Cody Gakpo messen musste, hatte er viele tolle Szenen. Der kleine Terrier ist für mich nicht mehr wegzudenken. Und dann ist da noch Tom Bischof. Der ist nah dran an der ersten Elf, aber ich denke trotzdem, dass er erst mal als Kapitän zur U21 zurückkehrt. Aber, wie gesagt, er ist auch bei Klopp ganz nah dran.

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"Das ist mehr als ein Traum für mich"

Kommen wir zu Kapitän Florian Wirtz. Nach dem Serbien-Spiel wurde er in den Himmel geschrieben. Ist er tatsächlich wieder zurück und auch ein Gewinner?

Ein Gewinnerchen würde ich sagen. Ich finde die Kritik, die er aushalten musste, war berechtigt. Er hat das jetzt einmal sehr gut gemacht und jetzt in Griechenland ordentlich. Mehr war's in meinen Augen noch nicht. Ich denke, er kann noch mehr Verantwortung übernehmen, das wird ihm helfen, wieder in beste Form zu kommen und sich nicht zu verstecken. So habe ich ihn bei der WM erlebt. Er muss weiter gegen seine Situation in Liverpool ankämpfen, dann wird er wieder voll zurückkommen. Aber es ist immer noch ein weiter Weg von der Ein-, Pardon, Zweitagesfliege zur besten Verfassung.

Wer sind die Verlierer?

Für mich gehört Nick Woltemade dazu, aber auch Said El Mala. Ich habe schon vor der WM gesagt, dass ich verstehe, dass er von Julian Nagelsmann nicht nominiert worden war. Viele haben das anders gesehen und dafür gab es Argumente. Aber ich habe ihn jetzt mit nur wenig Spielzeit und wenigen Lösungen gesehen. Er hatte absolut seine Berechtigung, nun nominiert zu werden, aber ich finde nicht, dass er seine Chance genutzt hat, um bald ein fester Nationalspieler zu sein.

Und ist Klopp auch ein Gewinner unter Klopp?

Sehr viel ja und ein bisschen nein. Er hat die Euphorie zurückgebracht, gar keine Frage. Und so Sachen wie das Gegenpressing haben wirklich gut funktioniert. Vor allem gegen die Serben, und wenn man sieht, dass die Niederländer richtig Schwein gegen die hatten, dann sind sie vielleicht doch stärker als man nach dem Spiel in München gedacht hat. Die Intensität, die wir bei der WM bemängelt haben, war in den Spielen top. Ich fände es indes auch schade, wenn wir darüber erneut sprechen müssten. Aber es ist halt auch so: Auch Klopp braucht Siege, davon hat er jetzt nur einen in vier Spielen geholt. Ich denke, ein bisschen Euphorie ist jetzt zum Ende des Länderspielblocks verflogen.

Mit Arie van Lent sprach Tobias Nordmann

Verwendete Quelle: ntv.de