Harry Kane hat die große Geschichte seiner Karriere längst abgeschüttelt. Der beste Fußballer der Welt, der einfach keine großen Titel gewann, hat sich mittlerweile einen tüchtigen Vorrat an glänzender Silber- und Goldware erhamstert. Am vergangenen Montag bekam er den Ballon d'Or, eine vergängliche Auszeichnung für sein Lebenswerk. Und wie stolz der Superstürmer auf der Bühne war, als er tatsächlich zum Jahresbesten gekürt wurde. Dennoch wäre er ohne mit der Wimper zu zucken bereit, den goldenen Ball wieder herzugeben. Wenn er dafür nur den Henkelpott bekäme.
Einmal hatte der Engländer die wertvollste Trophäe im Vereinspokal schon unmittelbar vor Augen, aber der Griff danach blieb ihm verwehrt. Am Ende der Saison 2018/19 verlor Kane das Champions-League-Finale mit den Tottenham Hotspur, seiner großen Liebe vor dem FC Bayern, gegen den FC Liverpool (0:2). Er verlor in Madrid. Im Estadio Metropolitano. Dorthin kehrt er an diesem Dienstag zurück. Dort kann er sich wieder mit den Örtlichkeiten vertraut machen, in denen er am 5. Juni des kommenden Jahres seine besondere Karriere krönen will. Mit dem Henkelpott.
Unnormal große Last für den FC Bayern
Doch schillernd ist beim FC Bayern in diesem Herbst gar nichts. Die Münchner schultern eine Last, die im Fußball nicht normal ist. Da sind die Ausfälle zahlreiche Stars. Da ist der plötzliche Tod von Joshua Kimmichs Vater. Da sind die Sorgen um Jamal Musiala und Vincent Kompany. Der Spielmacher hatte im Spätsommer schockierende Bilder geliefert, als er auf dem Feld zusammenbrach. Wie er wenig später mitteilte, leidet er an temporär auftretenden Absencen - eine gut behandelbare, leichte Form epileptischer Anfälle ohne heftige Krämpfe. Vor zwei Wochen brach dann Kompany auf dem Trainingsgelände zusammen, zuvor hatte er an einem heftigen Infekt gelitten.
Es ist ein arg schwieriger Spagat für die Profis des Rekordmeisters. Zeit, die über sie einbrechenden Dinge zu verarbeiten, bleibt ihnen kaum. Der Spielplan ist wahnsinnig eng getaktet. Und der Druck groß. Vor allem in der Champions League. Nach drei Spielen haben die Münchner fünf Punkte auf dem Konto. Mindestens zwei zu wenig. Das Remis bei Viking Stavanger am 2. Spieltag war nicht eingeplant, das Unentschieden kurz darauf gegen den FC Arsenal braute sich ebenfalls bitter, mit dem späten Ausgleich zum 2:2, zusammen. In der Tabelle sind die Münchner nur auf Platz 14.
Gerupft ins Duell des Leidens
Und nun der nächste Showdown, personell nochmal dezimierter. Kein Jamal Musiala. Kein Luis Díaz. Kein Ismael Saibari (OP am Fuß). Kein Serge Gnabry (Muskelverletzung). Fragezeichen hinter Michael Olise und Manuel Neuer. Und keine Schonung. Spiele gegen Atlético tun in der Regel weh. Starcoach Diego Simeone formt seit über einem Jahrzehnt eine Allzeit bereite kampfeslustige Truppe, die aber auch feinen Fußball spielen kann. Im Kampf um die Top 8 und den direkten Einzug ins Königsklassen-Achtelfinale steht das rustikale Team des Argentiniers mit vier Punkten sogar unter noch größerem Ergebnisdruck als die Münchner mit ihren fünf Zählern.
Münchens Sportvorstand Max Eberl beschwor "Nehmerqualitäten" wie bei Sylvester Stallone in dessen berühmten Boxer-Filmen: "Wir müssen Rocky-Qualitäten haben. Wir müssen einstecken." Schon wieder. Weitere Ausfälle kann sich das Starensemble nicht mehr leisten. Noch herrscht aber keine Panik in München. Noch sind keine Nothilfen im Wintertransferfenster geplant, wohl aber will der FC Bayern den Markt nun genauer beobachten, als er vor einigen Wochen noch gedacht hätte.
Was ist mit Olise?
Und so bleibt das aktuelle Kadermanagement zwischen sportlichem Druck und möglicher Vorsicht schwierig für das Trainerteam, das weiter von Assistent Aaron Danks angeführt wird. Chef Kompany bleibt nach seinem Zusammenbruch in Folge seiner Hirnhautreizung vorerst weiter außer Dienst. Die derzeit wohl schwierigste Frage ist: Kann Olise spielen oder kommt ein Einsatz noch zu früh? Dass er sportlich unverzichtbar ist, wird dabei gar nicht verhandelt. "Wenn nichts kaputtgehen kann und der Junge fühlt sich bereit, dann würde man den Schritt gehen", sagte Eberl zu Olise: "Aber wenn es eine hohe Gefahr der Verletzung gäbe, dann müsste man sich das überlegen."
Unabhängig vom Risiko bei Olise könnte urplötzlich das formschwankende Toptalent Lennart Karl wieder wichtig werden. Der 18-Jährige musste gegen den BVB selbst nach den Verletzungen von Saibari und Gnabry weiter auf der Ersatzbank schmoren. Der Shootingstar der Vorsaison kam erst spät für Olise. Fehlt das Vertrauen in den Jungstar, über den es rund ums Topspiel zu einem Disput zwischen dessen Berater Michael Ballack und Sportvorstand Eberl kam? Nein, nein, betonte Danks: "Wir vertrauen Lennart definitiv auch in solchen Spielen. Er ist ein herausragender Spieler."

Sportvorstand Eberl äußerte sich trotzig zum personellen Engpass: "Jeder kennt unseren Kader und weiß, wer ausfällt und wer noch zur Verfügung steht. Aber wir werden nicht abmelden. Wir werden nicht zurückziehen." Und darauf hoffen, dass Kane wieder Kane-Dinge tut. Der Weltfußballer schoss gegen die Dortmunder ausnahmsweise nur Fahrkarten, sogar vom Elfmeterpunkt. Gegen Atlético soll es wieder anders aussehen. Zumal er in der Königsklasse einen Rekordlauf hat. In den vergangenen zehn Einsätzen hat der Stürmer jeweils getroffen. Ein weiteres Tor gegen Atlético, am Sehnsuchtsort, würde Cristiano Ronaldos Bestmarke von Treffern in elf aufeinanderfolgenden Spielen egalisieren und Kane ein gutes Gefühl geben. Für sein letztes großes Ziel als Vereinsfußballer.



