Überraschender FIFA-Rivale?

Mit einem harmlosen Foto düpiert Gianni Infantino seine Gegner

imageVon Tobias Nordmann
Video poster
00:00 / 07:41
15.10.2026 | 21:35 Uhr
Noch ist die Sache nicht klar, aber immer mehr deutet darauf hin, dass Gianni Infantino im kommenden Jahr erneut zum FIFA-Präsidenten gewählt wird. Aus einer heiklen FIFA-Sitzung geht der Schweizer als Gewinner hervor.

Das Foto sieht fürchterlich harmlos aus, aber es bietet wahnsinnigen Spielraum für Interpretationen. Veröffentlicht wurde das Bild vom geselligen Vorabend des heiklen FIFA-Council auf dem Instagram-Account von Gianni Infantino.

Und weil Infantino ein unfassbar brillanter Spieler ist, ist dieses so harmlos daherkommende Bild womöglich nicht nur einfach so in den sozialen Medien erschienen. In einer kleiner Instagram-Fotostrecke ist es an fünfter Stelle einsortiert. Infantino steht am Tisch mit Europas mächtigen Fußball-Männern, mit UEFA-Boss Aleksander Ceferin, mit DFB-Cher Bernd Neuendorf - mit seinen Gegnern. Sie gucken sparsam drein. Und sie sitzen. Infantinos Untertanen? Interpretationssache.

Es ist tatsächlich das einzige der 19 Fotos in der Diashow - eröffnet wird sie von einem lachenden Profilbild Infantinos - das die immense optische Fallhöhe kreiert. Ein Zufall? Interpretationssache.

Video poster
1:05

Gianni Infantinos Auftritt enttäuscht Kritiker

Der König hatte nach Zürich eingeladen. In die FIFA-Zentrale. Erstmals seit seinem Alleingang zum Teilverkauf von WM-Rechten traf Infantino mit seinen unversöhnlichen Gegnern aufeinander. Das sind mittlerweile viel weniger als noch vor einigen Wochen. Nur der europäische Block mit Teilen des CONCACAF (Nord-, Mittelamerika und Karibik) wirkt geschlossen im Kampf gegen den Schweizer, den sie unbedingt ein weiteres Mal an der Spitze des Weltverbands verhindern wollen. Im nächsten Jahr steht die Wahl an. Aber ist es wirklich eine Wahl? Man weiß es nicht. Bislang gibt es ja niemanden, der sich dem König in den Weg stellt. Ist der Kampf womöglich zu aussichtslos?

Arsène Wenger - oder doch nicht?

Seit Tagen fällt indes vor allem in britischen Medien ein Name immer wieder: Arsène Wenger. Der langjährige Coach des FC Arsenal, der seit 2019 als FIFA-Direktor mit Infantino allerdings sehr eng zusammenarbeitet, soll der Wunschkandidat mehrerer Fußballbosse aus Europa sein. Die "Times" berichtete, dass der 76-Jährige als potenzieller Kandidat umworben werde.

Man sehe Wenger aber "nicht nur als Europäer", sagte ein hochrangiger Vertreter eines europäischen Verbandes der BBC: "In Asien genießt er beispielsweise aufgrund seiner Zeit in Japan hohes Ansehen. Viele sagen, er wäre der ideale Kandidat. Bei ihm geht es nicht um Geld, Status oder Ego. Er liebt den Fußball einfach." Der "Guardian" schrieb allerdings, dass Vorschläge wie Wenger oder auch Michele Kang, milliardenschwere Investorin im Frauenfußball, zurückgewiesen worden seien. Die Frist für die Nominierung einer Alternative läuft am 18. November ab. Es ist ein Eiertanz um den geeigneten Kandidaten, der Infantino wahnsinnig viel Zeit verschafft, die er zu nutzen weiß.

Infantinos Hofstaat ist sortiert

Der hat seinen teilweise irritierten Hofstaat, aus dem selbst engste Mitarbeiter geflohen waren, zu großen Teilen wieder sortiert. Ihm fliegt abermals die Liebe zu, die ihm vor dem WM-Wahnsinn in vielen Regionen der Welt zuteil geworden war. Mit seinem perfektionierten Gianninismus fing er viele Kritiker überraschend schnell wieder ein. Nur Europa eben nicht. Den Kontinent mit seinen mächtigen Einzelverbänden sparte er auf seinen Dauerreisen zu den schönsten Orten der Welt aus. Nicht, weil Europa nicht auch schöne Ecken hätte. Sondern weil der Kontinent einfach zu deutlich widerborstig ist. Die UEFA will Infantino weg haben. Und in einer Welt, in der jedes Land eine Stimme mit gleicher Kraft hat, muss man sich nicht direkt den Problemfällen annehmen.

Warum also versuchen die Stimmung zu drehen, wenn es andernorts so viel einfacher ist. Afrika und Südamerika liegen Infantino weiter zu Füßen. Die arabische Welt auch. In anderen Teilen Asiens hat sich der Wind auch schon gedreht. Der FIFA-König hat einfaches Spiel, weil er keinen starken Gegner hat. Die UEFA versucht verzweifelt den Druck hochzuhalten, findet aber eben niemanden, der das Gesicht der Opposition sein will. Der der Welt ein Angebot macht, dass attraktiver ist als Infantino.

Infantino zieht nächsten Joker

Und der zieht beim FIFA-Council den nächsten Joker aus dem Ärmel. Er entschuldigt sich! Nicht für die Idee, die WM zu verkaufen. Sondern für seine Kommunikation. Aus England heißt es, dass die Reue durchaus ehrlich klang. DFB-Vertreter Bernd Neuendorf wollte zur möglichen Aufrichtigkeit von Infantinos Sorry keine Beurteilung abgeben: "Gut, das muss er selbst wissen", sagte er. Wer Lust am Interpretieren hat, dürfte in den Worten Zweifel erkennen. Er habe nicht das Gefühl gehabt, betonte Neuendorf, "dass die FIFA oder der Präsident bereit waren, zu kritischen Fragen dezidiert Stellung zu nehmen, was seine Rolle betrifft in den verschiedenen Vorgängen", sagte Neuendorf.

Infantino rief in der Sitzung derweil nach Angaben des Weltverbandes zur Einheit auf und schrieb am Abend via Instagram mit ganz anderem Zungenschlag: "Wir über das Projekt FIFA Forward Enterprise (Anmerk. d. Red.: WM-Anteileverkauf) gesprochen, wobei alle Beteiligten die Gelegenheit hatten, Fragen zu stellen und ihre Standpunkte zu äußern." Er sei, betonte er, "dem FIFA-Rat und allen anderen Interessengruppen für den kontinuierlichen Dialog und die gute Zusammenarbeit dankbar."

Infantino verzwergt die Eskalation, die er selbst ausgelöst hat. Über Monate. FIFA-Friedenspreis, der Fall Balogun, die undurchsichtige Trump-Beziehung, die WM als Cash Cow. Die UEFA hatte Fragen. Viele, kritische. Sie wurden gestellt, aber der "Angeklagte" hörte nur zu. Zu den Vorwürfen sprach er nicht. Womöglich gibt es noch schriftliche Antworten. Infantinos Gianninismus hatte wieder gesiegt. Papier ist sehr geduldig und der Schweizer ein Mann, der den richtigen Ton trifft. Wenn er Antworten liefert, wird es viele geben, die zufrieden sind. Und je mehr Zeit vergeht, desto vergessener werden Infantinos Eskapaden. Der Ton macht die Musik, auch wenn der sich in Europa seltsam schräg anhört.

"Der Fußball gehört allen"

Das so fürchterlich harmlos daherkommende Bild, das vom Vorabend der Sitzung stammt und das Infantino am Tag danach veröffentlichte oder veröffentlichen ließ, nahm auch Europa in den Arm. Infantino, das gehört zu seinem Spiel, kann ignorieren ohne auszuschließen. Er gönnte seiner kleinen Fotoserie eine Botschaft der großen Versöhnung: "Ich bin allen für ihr anhaltendes Engagement und ihre Leidenschaft dankbar, während wir uns darauf vorbereiten, wichtige Entscheidungen für die Zukunft des Fußballs zu treffen - eines Fußballs, der allen gehört, überall auf der Welt."

Aber was bleibt nun? Beschlossen wurde die Einrichtung einer Arbeitsgruppe, die sich mit möglichen Reformen beschäftigen soll und auf einen Vorschlag des asiatischen Verbandschefs Scheich Salman bin Ibrahim al-Khalifa folgt. Für diese gebe es keinen Zeitplan, Infantino dürfe aber nicht "derjenige sein, der in einer solchen Arbeitsgruppe jetzt neue Maßstäbe setzt", betonte Neuendorf.

Und was bleibt noch? Ein heftig frustriertes Europa, dessen Vertreter ohne befriedigende Antworten abrauschten und sehr viel Geld: Auf den Weg gebracht wurde die Erhöhung der jährlichen Zuschüsse an alle 211 nationalen Fußball-Verbände von rund 10 auf etwa 25 Millionen Dollar - ein Vorschlag, den Infantino kurz vor der Sitzung eingebracht hatte. Und zu dem er nun schrieb:" In den zehn Jahren seit meinem Amtsantritt als FIFA-Präsident haben wir die Mittel pro FIFA-Mitgliedsverband von 1 Million US-Dollar auf 25 Millionen US-Dollar gesteigert – und zwar weltweit." Wahlkampf. Ohne Gegner.

Verwendete Quelle: ntv.de