Michael Carrick spazierte womöglich ein letztes Mal über den Platz. Die Fans sangen seinen Namen, die Legende der Red Devils saugte es ein letztes Mal in sich ein. Er wusste, was ihn erwarten dürfte. Als er in den Katakomben verschwunden war, wurde aus Anerkennung Zorn. Mit wütenden Pfiffen und Unmutsbekundungen jagten die verbliebenen Anhänger die Spieler aus dem Stadion. Die wollten sie nach dem achten Pflichtspiel in Folge ohne Sieg nicht mehr sehen.
Soeben hatte Manchester United mit 0:3 (0:2) gegen den von Marco Rose trainierten AFC Bournemouth verloren. Mit nur einem Sieg aus sieben Ligaspielen - einem 5:2 gegen Ipswich Town am 30. August - und nur sieben Punkten rutscht der seit Jahren kriselnde Gigant immer tiefer in den Abstiegskampf. Mit der Niederlage war der schlechteste Saisonstart in der Premier-League-Geschichte des Vereins komplett.
Warten bis zur Öffnung der Börse
Auf der Pressekonferenz nach der neuerlichen Pleite zeigte sich der 464-fache Spieler der Red Devils kaum noch kämpferisch. Carrick wusste da bereits, was ihm in dieser Woche droht. "Wie geht es weiter? Ich weiß es nicht. Ich werde immer das tun, was für den Verein am besten ist. Ich liebe die Verantwortung, aber wir müssen abwarten, was passiert", sagte er, während der "Guardian" wenig später von Krisengesprächen im Verein berichtete.
Das Schicksal des Managers Carrick war da womöglich besiegelt. Der 45-Jährige wird sich sehr wahrscheinlich in die lange Liste der bei Manchester United gescheiterten Manager einreihen, doch am Sonntag war es noch nicht so weit. Das hat mit einer Besonderheit des an der New Yorker Börse notierten Klubs zu tun. Wie der "Guardian" in seiner Krisenanalyse schreibt, ist es dem englischen Schwergewicht nicht möglich, einen Trainer vor der Öffnung der New York Stock Exchange aus dem Amt zu befördern.
Der börsennotierte Klub muss seiner Informationspflicht nachkommen und zuerst die Börse informieren. Das war bereits beim im Januar geschassten Carrick-Vorgänger Ruben Amorim der Fall. Dessen Rauswurf wurde nach einer fatalen Pressekonferenz an einem Sonntag beschlossen, doch aufgrund der Bestimmungen erst am Montag vollzogen.
Nagelsmann kein Topfavorit auf Carrick-Nachfolge
Für Carrick dürfte seine Zeit bei Manchester United damit am heutigen Montag nach nur fünf Monaten als Cheftrainer enden. Zuvor hatte er die Red Devils als Interimstrainer einigermaßen überraschend in die Champions League geführt. Zu wenig. Besonders, weil es neben der Liga auch in der Champions League nicht läuft. Dort gelang in drei Spielen nur ein Sieg, ein 4:0 gegen den aserbaidschanischen Debütanten Sabah FK im September.
"Die Situation, in der wir uns als Fußballverein befinden, ist das, was mir am meisten am Herzen liegt. Es geht nicht um mich", betonte der Ex-Profi. Er akzeptiere zudem seinen "Anteil an der Situation. Ich verstehe die Situation vollkommen. Ehrlich gesagt erwarte ich nichts Bestimmtes. Ich mache ganz normal weiter", erklärte Carrick am Sonntag und harrte der Dinge, die nun auf ihn zurollen werden.
Vor dem Spiel gegen Bournemouth hatte Carrick seine letzte Patrone verballert und Kapitän Bruno Fernandes auf die Bank gesetzt. Dort schmollte der Portugiese dann auch über 90 Minuten und konnte über seinen harten Angriff auf Carrick nach der 1:4-Pleite in der Champions League in Como nachdenken. Fernandes hatte Carrick in einem TV-Interview wegen der taktischen Ausrichtung scharf kritisiert und sich danach nicht entschuldigt. Bereits eine Woche zuvor hatte Lisandro Martínez, der argentinische Weltmeister von 2022, nach dem 0:2 bei Atlético Madrid in einem TV-Interview einen Frontalangriff auf die Klubführung und die Einkaufspolitik des Sportchefs Jason Wilcox gestartet.
Als mögliche Carrick-Nachfolger waren jüngst unter anderem Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann, Antonio Conte und Fabian Hürzeler genannt worden. Laut "Guardian" soll der frühere Newcastle-Coach Eddie Howe der Wunschkandidat von Wilcox sein. Seit dem Abschied von Sir Alex Ferguson in 2013 gab es insgesamt elf verschiedene Trainer bei Manchster United. Sieben davon - Michael Carrick, David Moyes, Louis van Gaal, José Mourinho, Ole-Gunnar Solksjaer, Erik ten Hag und Amorim - wurden als Cheftrainer unter Vertrag genommen. Der deutsche Ralf Rangnick trainierte United von Dezember 2021 bis zum Saisonende 2021/2022 als Interimstrainer.

