Als Jürgen Klopp Younes Ebnoutalib zum ersten Mal im Trikot von Eintracht Frankfurt spielen sah, musste er sich erst einmal erkundigen: "Wo haben die den denn her?". Inzwischen kennt Klopp den 23-jährigen ziemlich genau. Der neue Bundestrainer lobt Ebnoutalibs Einsatzbereitschaft, dessen "Schlauheit" im Spiel und die Fähigkeit, im richtigen Moment aufzutauchen, ohne ständig im Abseits zu stehen. Im Trainerteam habe es deshalb keine Diskussion gegeben: "Da haben alle gesagt: Ja, müssen wir machen." Bedeutet: Ebnoutalib steht im DFB-Kader.
Klopps Aufmerksamkeit hat sich Ebnoutalib direkt zum Auftakt der Bundesliga verdient. Zurückgekommen aus einer langen Verletzungspause, steht er am ersten Spieltag gegen Union Berlin direkt in der Startelf. Beim 3:3 in der Hauptstadt erzielt Ebnoutalib alle Tore für seine Frankfurter. Beim ersten Tor behält er bei einer Ecke im Durcheinander den Durchblick, beim zweiten treibt er Union Verteidiger Querfeld in einen Annahmefehler, erobert den Ball und kann so allein aufs Tor zulaufen. Das dritte Tor ist erneut eine Direktabnahme nach einem Abpraller. Nicht lange überlegen, einfach schießen. Für Klopp bietet das Anlass, nur wenige Tage später beim Eintracht-Training vorbeizuschauen, um sich persönlich mit dem Sturmtalent zu unterhalten.
Ein ungewöhnlicher Weg
Gelernt hat Ebnoutalib das Kicken nicht in einem der großen Bundesliga-Nachwuchsleistungszentren. Seine wohl wichtigste Fußballschule liegt in der Frankfurter Nordweststadt, wo er aufgewachsen ist. Ein kleiner Bolzplatz an der Ernst-Reuter-Schule, auf dem er gegen Freunde und ältere Jugendliche spielte. "Ich bin ein Straßenfußballer", sagt er über sich. Dort habe es körperlich "richtig zur Sache" gehen können. Wer den 1,91 Meter großen Stürmer nun beobachtet, der erkennt vieles von der Straßenfußballer-Mentalität wieder: Er sucht den direkten Weg zum Tor, behauptet Bälle mit dem Rücken und geht mit Tempo auf Gegenspieler zu. "Im Festmachen und im Dribbling bin ich am stärksten", sagte er schon während seiner Zeit beim FC Gießen, einer wichtigen Station.

Kimmich: "Kabine kann Vorbild für Gesellschaft sein"
Seine Robustheit kommt allerdings nicht nur vom Bolzplatz. Ebnoutalib betrieb etwa zehn Jahre lang Taekwondo und führt seine Beweglichkeit, Spritzigkeit und Beinkraft bis heute auf das Kampfsporttraining zurück. Das Talent dafür liegt in der Familie: Sein Vater Faissal Ebnoutalib, 1970 in Marokko geboren, kam 1990 nach Frankfurt. Später nahm er die deutsche Staatsangehörigkeit an und gewann bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney Silber im Mittelgewicht. Younes Ebnoutalib ist also nicht der erste in seiner Familie, der den Bundesadler trägt.
Doch sein Weg bis zur Nominierung für den DFB war kein einfacher. Ebnoutalib spielte in der Jugend vor allem bei kleineren Vereinen wie dem FC Kalbach, SV Heddernheim und Rot-Weiss Frankfurt, einzig für ein Jahr war er Teil der U17 des SV Wehen Wiesbaden. 2022 wechselt Ebnoutalib nach Italien zum AC Perugia. Gelockt von der Aussicht auf einen Platz im Profikader des Zweitligisten, fand er sich dann doch zunächst bei der U19 wieder – und in Lebensumständen, die er Jahre später drastisch beschrieb. Mit neun weiteren jungen Spielern sei er in einem von Schimmel und Kakerlaken befallenen Apartment untergebracht worden. Auch der Wechsel zu den Profis brachte keine Besserung. Beim ersten Training habe ihn der Trainer angeschrien und wieder weggeschickt.
Arbeitsloser Spieler mit schwerer Verletzung
"Die haben mich wie einen Hund behandelt", erzählt Ebnoutalib. Er absolviert lediglich drei Kurzeinsätze, dann erleidet er einen Mittelfußbruch. Ebnoutalib flieht zurück nach Deutschland, sein Vertrag wurde schließlich aufgelöst. Aus dem jungen Mann, dem ein Weg in den Profifußball versprochen worden war, wurde ein arbeitsloser Fußballer mit einer schweren Verletzung.

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Dass seine Karriere weiterging, verdankte er Daniyel Cimen. Der damalige Trainer des FC Gießen kannte Ebnoutalib aus seiner Zeit bei Rot-Weiss Frankfurt und nahm den Stürmer im Sommer 2024 unter Vertrag. In Gießen erhielt er Vertrauen, eine klare Perspektive und regelmäßige Spielzeit. Gießen wurde für Ebnoutalib zum Neuanfang, er erzielte in 19 Spielen sechs Tore. Die dort erfahrene Wertschätzung war für ihn nach der Zeit in Perugia "sehr, sehr wichtig". Aus Gießen ging es dann zu Zweitligist Elversberg. Während er im ersten halben Jahr nur Ersatzspieler mit wenigen Kurzeinsätzen war, startet er in die Saison 2025/26 als Stammspieler. Und überzeugt: Mit zwölf Toren in 17 Ligaspielen führte er zur Winterpause die Torjägerliste an.
Endlich beim Herzensklub angekommen
Schon als Kind schlug Ebnoutalibs Herz aber nur für einen Verein – Eintracht Frankfurt. Er besuchte das Training, schlief in Eintracht Bettwäsche. "Für die Eintracht zu spielen, war ein Kindheitstraum." Dieser Traum geht am 1. Januar 2026 in Erfüllung. Acht Millionen Euro zahlte Eintracht Frankfurt für einen Spieler, der zu dem Zeitpunkt erst ein halbes Jahr konstant auf Profiniveau spielte. Eintracht Sportdirektor Timmo Hardung sah damals schon das Potential: "Mit Younes Ebnoutalib haben wir einen der aktuell spannendsten deutschen Stürmer verpflichtet."
Dieses Vertrauen zahlte er direkt zurück, trifft bei seinem Bundesligadebüt gegen Borussia Dortmund. Nur vier Tage später folgte jedoch der nächste Rückschlag: Er verletzte sich am Innenband des Knies und fällt lange Zeit aus, kommt im Saisonendspurt lediglich noch drei Mal als Joker.

DFB-Frischlinge schwärmen von Klopps "Aura"
Dann die neue Saison, der Auftakt gegen Union, Hattrick, das Interesse des Bundestrainers. Ein Anruf, der alles verändert: "Da kamen mir auch ein bisschen die Tränen, weil ich dann darüber nachgedacht habe, wo ich noch vor ein paar Jahren war", erzählt er an seinem ersten Tag am DFB-Campus in Herzogenaurach. Der Frankfurter hätte sich auch für die marokkanische Nationalmannschaft entscheiden können. Aber: "Wenn Klopp anruft, muss man hingehen. Er ist einer der besten Trainer der Welt, es gibt schon positive Energie."
Der schönste DFB-Leak
Vor Aufregung konnte der Stürmer das Nominierungs-"Geheimnis" gar nicht lange für sich behalten. Während Ebnoutalib mit Fans in einem Einkaufszentrum Fotos macht, verplappert er sich vor laufender Kamera, als er auf die Nationalmannschaft angesprochen wird. Das Video landet in den sozialen Netzwerken. Für Klopp der schönste Leak im Vorfeld: “Was ich da gesehen habe, ist ein Junge, der sich wahnsinnig freut, dabei zu sein.”
Damit trägt nun auch der Sohn den Bundesadler, 26 Jahre nachdem der Vater in Sydney olympisches Silber für Deutschland gewonnen hatte. Der Weg dorthin führte nicht durch eine Akademie, sondern über den Bolzplatz in der Nordweststadt, eine schimmelige Unterkunft, die Vereinslosigkeit und die Regionalliga in Gießen. Vielleicht ist genau das gemeint, wenn Klopp sagt, Ebnoutalib habe mit 23 Jahren schon "viel gesehen". Und wenn er so weitermacht, wird aus der Frage "Wo haben die den denn her?" eher ein "Wo will der denn noch hin?".
