Brian Brobbey war es in den Oberschenkel gefahren. Das passiert im Fußball, aus Kabinen der Unterklasse riecht es zur präventiven oder akuten Behandlung dieses Falles kilometerweit nach Franzbranntwein. Es geschah ohne Fremdeinwirkung. Auf Höhe der Mittellinie sank Brobbey auf den Rasen der Johan-Cruyff-Arena in Amsterdam und stellte den Betrieb ein. Der Stürmer hatte Schmerzen, keine Frage, wenige Minuten später holte ihn Bondscoach Xavi vom Platz. Das Problem aus niederländischer Sicht: Kaum hatte sich Brobbey in der 32. Minute des Nations-League-Duells mit Deutschland niedergelegt, stellte auch ein relevanter Teil der Elftal den Spielbetrieb ein.
Die Holländer reklamierten. Seltsam lethargisch warteten sie auf den Pfiff des Unparteiischen, der nicht ertönte, oder darauf, dass DFB-Kapitän Joshua Kimmich den Ball ins Aus leiten würde. Kimmich aber spielte routiniert weiter zu Philipp Treu. Der DFB-Rookie vom SC Freiburg flankte von rechts in der 16er der Hausherren, Felix Nmecha verwandelte eiskalt zur Führung. Holland wütete. Zuschauer und Spieler spuckten Gift und Galle. Kapitän Virgil van Dijk war außer sich, rannte auf den Schiedsrichter zu, vor Nmecha prasselten volle (auch das noch, liebe Nachbarn!) Bierbecher nieder, um die jubelnden deutschen Spieler bildete sich eine echauffierte Oranje-Traube.

Xavi über Aufreger-Szene: "Pfeife schon im Mund"
Van Dijk war auch nach Schlusspfiff noch stocksauer. Eine "Schande" sei das Tor der Deutschen, giftete der Abwehrhüne. Die Mannen von Jürgen Klopp hätten den Ball gefälligst der neutralen Zone schenken sollen, als Brobbey sich schmerzverzerrt am Oberschenkel herumdokterte. Das 1:0 der DFB-Elf - aus Sicht der Holländer war es ein Anschlag auf den Fair-Play-Gedanken.
Braves Sofort-Rausgekicke nervt
Mumpitz! Das reflexartige Rausspielen des Balles bei einer (mutmaßlichen) Verletzung des Gegners hat sich in den vergangenen Jahren im Fußball zu einer Unsitte entwickelt. Der vorauseilende Gehorsam hat den edlen Gedanken der Fairness nicht selten ad absurdum geführt. Dann etwa, wenn eine Mannschaft bei eigenem Ballbesitz, gar im Angriff befindlich, die Murmel brav rauskickt - um Augenblicke später festzustellen, dass der eben noch dem Spital nahe Gegner kerngesund übers Feld sprintet. Die Regelhüter haben auf den Schindluder reagiert. Wer runtergeht und keine Behandlung braucht, muss eine Minute pausieren. Außerdem ist angesagt - und bei der WM war das ohne Störgefühl zu sehen -, dass erstmal weitergespielt wird. Natürlich kann eine Mannschaft den Ball noch immer freiwillig rausspielen, dazu aufgerufen ist sie nicht. Rechtlich verbindlich kann nur der Schiedsrichter die Partie unterbrechen. Er tat es in Amsterdam nicht.
Warum hätte Kimmich den Ball ins Aus spielen sollen? Weil ein Holländer an der Mittelinie liegt, der gemäß seiner Position sowieso nicht in den Angriff der Klopp-Elf eingegriffen hätte? "Ich habe einen Pass zum Philipp gespielt, er hat geflankt - und wir haben ein Tor gemacht. Es ist die Aufgabe des Schiedsrichters zu erkennen, ob der Spieler seriös ist", kommentierte Kimmich die Szene lapidar, aber geradezu erfrischend pragmatisch. Er habe "keinen Pfiff gehört, deswegen ging es völlig korrekt weiter".
Van Dijk emotional - und "unreflektiert"
Gewiss, Brobbey simulierte keineswegs. Sein Schmerz war "seriös", sein Abliegen legitim. Genauso "legitim" aber war das Weiterspielen der Deutschen und ihr Tor, wie es Bundestrainer Jürgen Klopp auf der PK zu Recht betonte. "Ich habe kein schlechtes Gewissen. Und ich hätte eines, wenn es nicht legitim wäre. Ich hätte es trotzdem genommen, aber hätte ein schlechtes Gewissen. Das habe ich nicht", sagte der Hoffnungsträger des deutschen Fußballs. Wenn man verteidige, müsse man in einer solchen Situation eben weiterspielen, dozierte Klopp. "Haben sie nicht getan. Und wir haben das ganz, ganz toll genutzt mit einer ganz tollen Aktion."

Klopp-Analyse: "Wir können besser spielen"
Dass van Dijk in Amsterdam eine Schande erkannte, ließ Klopp seinem alten Liverpool-Spieler durchgehen. Der Kapitän habe überzogen reagiert, "aber aus der Emotion heraus ist immer erstmal alles erlaubt zu sagen". Auch das stimmt. Gefühle haben im Fußball keine Schweigepflicht. Jeder kann fast alles moppern - auch Quatsch. Aber Quatsch bleibt die Nummer mit der Schande halt trotzdem. Oder wie Kimmich es nannte: Eine "unreflektierte Antwort".
