In unwirklichen Zeiten brauchen Menschen etwas, an dem sie sich festhalten können. Irgendetwas, das sie verbindet. Etwas, womit sie ausdrücken können, was sich eigentlich nicht in Worte fassen lässt. Klar, es geht nur um Zweitliga-Fußball und ist etwas pathetisch, aber: Im Fall von Hertha BSC sind es 26 Silben, die den derzeit herrschenden Wahnsinn des Berliner Westends beschreiben.
Vor zwei Wochen tauchten sie wieder auf. An einem grauen Samstagnachmittag war Arminia Bielefeld zu Besuch im Olympiastadion. Hertha dominierte das Spiel, schoss aber kein Tor. Für den Hauptstadtklub, dessen Markenzeichen es war, ständig auf die Nase zu fallen und solche Partien regelmäßig zu verlieren, spielten sich dennoch ungewöhnliche Dinge ab. Denn anders, als es die Erfahrung lehrt, gewannen die Berliner tatsächlich das Spiel mit 1:0 - dank eines glücklichen Handelfmeters in der Nachspielzeit.
Nach dem Abpfiff drängten die Menschen wieder aus der großen Betonschüssel zu den Ausgängen. Und beinahe jeder Zustrom, der die vielen Treppen des Olympiastadions geschafft hatte, stimmte auf ein Neues dieselben 26 Silben an: "Wir werden ungeschlagen sein, einhundert Punkte Hertha BSC, einhundert Punkte BSC". Gesungen auf die Melodie des uralten französischen Volkslieds "Son ar chistr", vielleicht bekannter durch Scooter und "How much is the fish?".
"Hass-Rückkehr" für Fabian Reese?
Die Zeilen tragen sie aus dem Stadion bis in den Alltag. Weil anders lässt sich das auch gar nicht beschreiben: Was passiert im Berliner Westend gerade? Wer kann da noch folgen? Was als 100-Punkte-Scherz auf die ersten siegreichen Spiele begann, hört einfach nicht mehr auf: Der Klub, der fast alle Leistungsträger vor der Saison abgegeben hat, ist auf dem Weg, den besten Start der Zweitliga-Geschichte hinzulegen. Den 28-Punkte-Rekord von Bayer Leverkusen 1978/79 haben sie immerhin schon eingestellt.
Am Abend wartet der nächste unwirkliche Moment: Der Tabellendritte, der VfL Wolfsburg, ist im Berliner Olympiastadion zu Gast (20.30 Uhr/Nitro, Sky und im ntv.de-Liveticker). Und für die Hertha wartet ein Treffen mit der eigenen Vergangenheit. Schließlich ist der ehemalige Kapitän Fabian Reese mittlerweile Teil des Wolfsrudels. Der Flügelstürmer hatte den Klub im vergangenen Sommer nach dem dritten kläglich gescheiterten Aufstiegsversuch verlassen.
Der Abschied von Reese hatte viele Emotionen ausgelöst - und so tut es voraussichtlich auch seine Rückkehr. Die "Bild"-Zeitung schreibt von verschärften Sicherheitsvorkehrungen und der "Hass-Rückkehr". Ex-Herthaner Maik Franz sagte dem "Kicker", dass sich Reese auf einiges einstellen müsse. Der 28-Jährige selbst sagte dem NDR, dass er eine "etwas höhere Dezibel-Rate" erwarte. "Wir wünschen uns, dass Fabian bei seiner Rückkehr den Respekt erfährt, den er sich bei uns erarbeitet hat", ließ Hertha mitteilen.
Es wird kein normales Spiel werden: Reese ist einer, der sich in den Verein und die Hauptstadt verliebt hatte - und das sehr nach außen trug. Flohmarkt am Boxi, Fan-Treffen im Lietzenseepark. "Jedes Bekenntnis zu Hertha und Berlin kam aus vollster Überzeugung", sagte Reese der "Süddeutschen Zeitung" kürzlich. Er unterschrieb langfristige (und gut dotierte) Verträge, gleichzeitig wurde ihm aber auch nachgesagt, eigentlich nicht in der zweiten Liga stattfinden zu wollen. Ihn trieb die Sehnsucht, mit Hertha aufzusteigen.
Als er dann im Sommer nach Wolfsburg wechselte, wurde ihm das von Fußballfans in ganz Deutschland als Verrat an den eigenen Werten ausgelegt. Erst im Nachhinein kam heraus, dass Hertha ihm den Transfer nahegelegt hatte. Reese entschuldigte sich dennoch in der SZ: "Wenn jemand wegen meines Wechsels das Vertrauen in Fußballromantik verloren hat, dann tut mir das aufrichtig leid." Trotzdem wird er regelmäßig ausgepfiffen, er deaktivierte irgendwann seinen Instagram-Account. Die Wut ging nicht spurlos an ihm vorbei. Wie denn auch.
"Für Außenstehende viel gravierender"
Und doch musste sich Hertha von Reese und all den anderen trennen, um das zu werden, was der Hauptstadtklub nun mal ist, aber lange nicht wahrhaben wollte: ein Zweitligist. Der Abstieg im Sommer 2023, der viel zu teure Kader seither: Finanziell lag der Hauptstadtklub nach den turbulenten Investorenjahren auf der Intensivstation. Das war das Sprachbild, das der verstorbene Präsident Kay Bernstein gerne verwendete.
Die ersten Schritte zur Genesung leitete erst jemand ein, der von außen kam. Dr. Peter Görlich verhalf der TSG Hoffenheim von 2015 bis 2021 als Geschäftsführer dabei, sich in der Bundesliga zu etablieren. Im September 2025 kam er dann nach Berlin und führt dort seit zwölf Monaten die Geschäfte der Profimannschaft. Ihm ist das gelungen, was Traditionsvereinen nur selten glückt: Er hat die Emotionalität zumindest in der Entscheidungsfindung reduziert.
Schon seine erste wichtige Entscheidung brach mit den Hertha-Gesetzen: Der Klub verabschiedete sich mit einer 1:6-Klatsche gegen Bielefeld in die Sommerpause. Doch Görlich erneuerte die Job-Garantie für Trainer Stefan Leitl. Dabei hatte der Coach in Fankreisen nicht mehr allzu viel Kredit. Spätestens Görlichs erster Transfersommer markierte dann eine Zäsur. Reese, Michael Cuisance, Tjark Ernst, Kennet Eichhorn und schließlich Marten Winkler: Sie alle spielen nun bei anderen Vereinen.
Vor Saisonbeginn sah das noch sonderlich seltsam aus. "Dieser qualitative Aderlass war für Außenstehende viel gravierender als für uns", erklärte Görlich im September schon ntv.de. "Wir haben rund um jeden Abgang immer wieder neu überlegt: Wie können wir das kompensieren?" Im Nachhinein lässt sich das leicht sagen, aber es funktionierte. Die Antwort war immer deutlich preiswerter - und stammte häufig aus der eigenen Jugend. Beim 3:0-Erfolg in Kaiserslautern waren es zuletzt 9 der 20 Spieler im Kader.
Neue Schultern wachsen mit der Verantwortung
Die Verantwortung verteilt sich seither auf neue Schultern: Josip Brekalo übernahm die Kapitänsrolle, mittlerweile ist er hinter Reese zweitbester Scorer der 2. Bundesliga. Der lange fremdelnde Isländer Jon Dagur Thorsteinsson blüht in der Offensive auf. Torwart Marius Gersbeck wirkte in seinen Ersatzauftritten für Ernst noch wackelig, inzwischen ist er ein fester Rückhalt.
DFB-Nachwuchs Linus Gechter und Niklas Kolbe teilen sich in der Innenverteidigung die Verantwortung von Toni Leistner auf. Der Ex-Augsburger Mads Pedersen spielt wie ein moderner Außenverteidiger. Der neue Fußball ist erfrischend, mutig, klar strukturiert - und vor allem pressingintensiv. Der nüchterne Leitl wirkt als Gegenpol zum aufgeregten Berliner Umfeld. Mit Andreas Schumacher hat ein zusätzlicher Co-Trainer an den Standards gefeilt.

Aber kann Hertha den historischen Lauf auch durchhalten? Was passiert, wenn die erste Verletztenserie kommt? Am Abend steht die neue Hertha vor ihrer ersten harten Probe. Das Olympiastadion wird wieder voll sein, so wie es das in den vergangenen Wochen immer wieder war. Mehr als 60.000 Menschen werden es sein. Vereinsikone Pal Dardai sagte einmal, erst dann entfacht das Stadion seine Seele. Ein Gesang kann dabei helfen, vielleicht funktioniert er auch noch nach dem Spitzenspiel. "Wir werden ungeschlagen sein, einhundert Punkte Hertha BSC, einhundert Punkte BSC." Die 26 Silben, die seit Wochen durch Hertha-Timelines fliegen.

