In der 93. Minute raste der Bottroper Junge Luca Vozar die rechte Außenbahn der Schalke Arena entlang. Der 19-Jährige rannte auf Jonathan Tah zu. Niemand im Stadion, nicht mal Vozar selbst, dachte daran, dass er auf dem Weg zur nächsten Weltsensation ist. Dass er dem haushohen Favoriten FC Bayern an diesem Samstagabend so richtig einen mitgeben würde. Kleiner Spoiler: Das tat er auch nicht. Vozar prallte an Tah ab, der Ball ging ins Aus. Vozar feierte trotzdem. Wieder verstrichen Sekunden für den Rekordmeister. 0:0 stand es. Dabei blieb es.
Die Münchner versuchten noch, den Schiedsrichter davon zu überzeugen, dass er zu früh abgepfiffen habe. Aber alles hatte seine Richtigkeit - mit Ausnahme der Stadionuhr auf dem Videowürfel, die die Münchner offenbar als Referenz nahmen. Schalke feierte den ersten Punkt seit dem Wiederaufstieg wie den gewonnenen WM-Titel. Die Bayern dankten ihren Fans und waren weg. Das hatten sie nicht erwartet. Das hatte fast niemand erwartet.
Schalke 04 - Bayern München 0:0
Tore: Fehlanzeige
Schalke: Karius - Timo Becker, Katic, Kurucay (74. Wöber) - Ebimbe (65. Ayhan), El-Faouzi, Tanaka, Gosens (65. Vitalie Becker) - Ljubicic (74. Vozar), Aouchiche (84. Karaman) - Sylla. - Trainer: Muslic
München: Neuer - Laimer, Upamecano, Tah, Davies - Kimmich, Pavlović (74. Bischof) - Karl (57. Musiala), Brown (46. Kane), Diaz - Saibari (57. Olise). - Trainer: Kompany
Schiedsrichter: Robert Schröder (Hannover)
Gelbe Karten: Ebimbe, Katic - Upamecano, Pavlović
Zuschauer: 62.094 (ausverkauft)
Torschüsse: 2:14
Ecken: 0:11
Kompany schont zwei Superstars
Der FC Bayern ist nach dem zweiten Spieltag Vierter. Er ist der Jäger. Vom SC Freiburg, von Borussia Dortmund und, Obacht, von der SV Elversberg. Nächste Woche Sonntag kommt's dann zum direkten Duell mit der - hier haben wir es doch noch - Weltsensation aus dem Saarland. Allerdings dann in München. Ein (kleiner) Vorteil für den Rekordmeister, der im Stadion in Gelsenkirchen-Erle ungewohnt fahrig agierte. Und ohne Fan-Support. Vor dem Spiel soll es zu einer großen Schlägerei und mehreren Festsetzungen durch die Polizei gekommen sein.
Die Bayern begannen ohne Harry Kane und ohne Michael Olise. Ohne die Spieler, die aus der sehr guten Mannschaft eine außergewöhnliche machen. Der Verzicht war keine Geringschätzung des Gegners. Trainer Vincent Kompany sah nach dem Pokalkampf beim VfL Osnabrück das Belastungs-Maximum erreicht. Zumindest für 90 Minuten. In der zweiten Halbzeit kamen sie, brachten Druck, aber keine Tore.
Ohne Ball kein Tor - na und?
Der FC Bayern war am FC Schalke 04 verzweifelt. Wann hatte es das zuletzt gegeben? Die erschütternde Bilanz von 2:38 Toren und null Punkten aus den vergangenen zehn Bundesliga-Spielen geisterte vor Anpfiff durch die Medien. Schalke hübschte diese Statistik auf - mit einem Punkt. Aber ohne weiteren Treffer. Wie hätte der auch fallen sollen in einem Spiel, in dem die Königsblauen nahezu nie den Ball hatten, dafür aber viele Füße. Auch so kann man Fußball interpretieren. Erfolgreich. Eine nachhaltige Strategie scheint diese Herangehensweise indes nicht. Bayerns Sportvorstand Max Eberl vermutete, dass seine Mannschaft bei zehn Versuchen neun Spiele solcher Art gewinnen würde. Nur dieses an diesem Samstagabend eben nicht.
Harry Kane hatte es in der 87. Minute noch einmal versucht. Der Superstürmer hatte den Ball aus der Distanz aufs lange Eck gedroschen. Doch Loris Karius fischte auch diesen Ball weg. Wie er zuvor einmal gegen Michael Olise gerettet hatte und in der ersten Halbzeit auf fantastische Weise gegen Nathaniel Brown. Als Kane nun ein letztes Mal alles versucht hatte und Karius wieder eine "nationalmannschaftsleistungsfähige" Parade - eine Wortkreation des Schalker Profifußball-Direktors Youri Mulder - zeigte, war in der tobenden Arena nichts mehr zu verstehen, außer wilder Ekstase. Schalkes "Löwen", wieder Mulder, standen kurz davor den "heroischen Kampf" zu gewinnen.
"Ich musste nur schreien: weiter, hoch, runter"
So fühlte sich das auf Schalke an, ein 0:0 wie ein Sieg. Eine Abwehrschlacht ohne Ball. "Wahnsinn, wie die Jungs geackert haben. Ganz großes Lob an jeden einzelnen Spieler", schwärmte Karius in den Katakomben der Arena. "Für mich war es super. Ich musste nur schreien: weiter, weiter, hoch, runter." Viel Weitblick brauchte er dabei nicht. Seine Vorderleute schmiegten sich an den eigenen Strafraum. Und sie gingen den Bayern richtig auf den Senkel. Soufiane El-Faouzi und Satoshi Tanaka rannten wie die Wilden hinter jedem Münchner Kreativling her und frustrierten einen nach dem nächsten. Wie kleine Spinnen rauschten sie durch ihre überall aufgespannten Netze und nahmen alles gefangen, was sich in die Nähe traute. Dahinter führten Hasan Kurucay, Nikola Katic und Timo Becker einen leidenschaftlichen Kampf gegen Finten, Flanken, Chipbälle und Schussversuche der Münchner.
Auf deren Bank herrschte die Wut. Immer wieder wurde der vierte Offizielle bedrängt. Die Schalker Körperlichkeit behagte dem Staff des FC Bayern nicht. Den Spielern auch nicht. Dass Pfiffe ausbleiben, konnten sie kaum fassen.
Schalke war am vergangenen Wochenende nicht sehr freundlich in der Bundesliga empfangen worden. Die 0:3-Niederlage beim FC Augsburg hatte dem Klub noch einmal klargemacht, dass er das Oberhaus erst wieder neu lernen muss. Dass bloß die Erinnerung an große Zeiten kein Gesetz für einen Platz in Liga eins ist. Die nächsten zehn Monate, so wiederholte Trainer Miron Muslic, muss Schalke alles reinhauen, um das zu verteidigen, was sie gerade erst nach mehreren Krisenjahren erreicht hatten. Die Fans hatten, um auf Nummer sicher zu gehen, die Maxime des Trainers in eine fantastische Choreo umgebaut: "Nicht der Bessere soll gewinnen, sondern immer Schalke", hatten sie über die ganze Nordkurve gespannt. In einem pulsierenden Wechselgesang mit der "Süd" ließen sie Choreo beben. Gelsenkirchen hatte Herzrasen. Schalke ist zurück. Und wie gut das der Bundesliga tut.
Dzeko guckt von außen zu
Dass Schalke an diesem Abend nicht der Bessere sein würde, diese Erkenntnis bekamen sie mit dem Anpfiff frei Haus serviert. Bayerns letzter Mann, Manuel Neuer, eigentlich Torwart, war erster Aufbauspieler. Er hatte es dabei stets eilig, den Ball weiterzugeben. Um das Tempo hochzuhalten. Aber auch, um die Zeit der Schmähungen von den Rängen möglichst kurz zu halten. Bis heute sind die Gelsenkirchener nicht damit versöhnt, dass der Sohn des Klubs einst nach München ging, um erfolgreich die Welt zu erobern. Neuer wurde ausgepfiffen und beleidigt - auch bei seinem wohl letzten Spiel in der Arena gab es keine Zeichen der Versöhnung. Obwohl sie innig die Liebe zum Klub besangen, war immer Platz für Hass gegen den Torwart. Absurd.
Der musste tatsächlich einmal in seiner besten Rolle agieren. Einen guten Freistoß von Adil Aouchiche faustete er sauber aus der Gefahrenzone. Das war nach 35 Minuten. Schalke hatte seine beste Phase, hatte den hochroten Kopf aus dem drückenden Schwitzkasten des FC Bayern gezogen. Das königsblaue Verteidigungsbündnis hatte sich für Momente der Attacke verschrieben. Vor Verzückung über den gelegentlichen Mut riefen die Fans Moussa Sylla und Co. immer wieder Segenswünsche zu. Vergebens. Sylla opferte sich bis tief in die Nachspielzeit herein. Er rannte jedem Ball hinterher. Wie seine Spinnenfreunde El-Faouzi und Tanaka. Edin Dzeko sah von außen zu. Der alte Meister wurde nicht mehr eingewechselt. Es war nicht sein Spiel. Schalke hatte ja nicht den Ball.
"Wollten Leiden ein Stück weit genießen"
Kompany baute seine Mannschaft in der zweiten Halbzeit um. WM-Star Ismael Saibari war als Kane-Ersatz bis auf einen Schuss wirkungslos. Er war so gar nicht in die Abläufe integriert. Lennart Karl fehlt nach seiner Verletzung noch die Form und Luis Diaz erwischte einen gebrauchten Tag. Die Münchner spielten immer wieder fahrig, zu langsam oder ideenlos. "Wir dürfen in so einem Spiel nicht zu viele Minuten verlieren", klagte Vincent Kompany. "Es geht um das Tempo am Ball und darum, wie wir das Tor unter Druck setzen. Wenn sich der Gegner den Punkt verdient, dann ist das so. Dann müssen wir schauen, dass wir beim nächsten Mal die Tore machen."
Die Bayern brachten erst Kane, dann Olise und Jamal Musiala, der nach seinen gesundheitlichen Problemen und kurzer Pause wieder mitmachen konnte. Und die bekamen Druck ins eigene Spiel. Schalke glühte der Kopf vor lauter Passstafetten, Dribblings und Hereingaben. Aber die warfen sich rein, hatten Karius und das Glück, dass die Münchner sich das Leben selbst schwer machten. "Einfacher spielen", klagte Eberl später in den Katakomben. Den direkten Weg aufs Tor suchen. Nicht so viel zaubern und fummeln.
Überall sind nervige Schalker
Nicht gegen diese lästigen Schalker, die die Bayern überall angriffen. Alleine, zu zweit, manchmal zu dritt. "Wir hatten einen guten Plan und haben uns vor dem Spiel fest vorgenommen, dass wir das Leiden ein Stück weit genießen wollten. Das ist uns gut gelungen", schwärmte Schalkes Coach Muslic. "Ich kann meinen Jungs kein größeres Kompliment machen als gegen den FC Bayern 0:0 zu spielen."
Rund um die 60. Minute war der Druck so immens, dass in 9,9 von 10 Spielen das Tor gefallen wäre. Nicht aber dieses Mal. Die dröhnende Arena stemmte sich gegen die Münchner Wutphase. Es wurde lauter, immer lauter. Ein atmosphärisches Gewitter. Jeder Zweikampf war plötzlich ein Energieriegel. Schalke hatte elf Dirigenten, die den Chor mit ihrer Intensität animierten, immer weiterzumachen. Als finaler Dirigent machte sich dann Luca Vozar auf. Er rannte, ackerte, prallte ab, raubte den Bayern wertvolle Sekunden. Und den letzten Nerv.

