Dass Jack Dempsey nicht der unantastbare Schwergewichts-König ist, den Anfang der Zwanzigerjahre viele Boxfans und Experten in dem Amerikaner sehen, zeigt sich zum ersten Mal am 14. September 1923. In New York haut ein grobschlächtiger Argentinier namens Luis Angel Firpo den Meister aller Klassen in der ersten Runde glatt aus dem Ring. Die 80.000 Zuschauer in den Polo Grounds trauen ihren Augen nicht, als Dempsey nach einer rechten Keule seines Gegners durch die Seile schleudert und auf einen Reportertisch kracht.
Aber zur Geschichte der wohl wildesten Prügelei der Boxgeschichte gehört eben auch, dass der Weltmeister den Fall überlebt und auf die Schlachtplatte zurückklettert. In Runde zwei schlägt Dempsey gnadenlos zu. Nach dem insgesamt neunten Niederschlag ist der Hüne aus Buenos Aires mit den Bratpfannenhänden k.o.
Weil Herausforderer rar sind, Dempsey zudem die "Rassenlinie" zieht und nicht gegen die besten schwarzen Boxer seiner Ära antritt, bestreitet er drei Jahre lang keinen Kampf um den Titel. Wer soll den "Manassa Mauler" nur schlagen? Auf diese Frage hat kaum einer eine plausible, Tex Rickard dafür die "richtige" Antwort - die, die Dollars verspricht. Der Urpate der Boxpromoter hat 1921 mit dem "Kampf des Jahrhunderts" zwischen Dempsey und dem Franzosen Georges Carpentier das erste Sportereignis der Geschichte organisiert, das mehr als eine Million Dollar umsetzt.
Rickard weiß, was die Massen wollen. Auch den wilden "Pampastier" Firpo zaubert er aus dem Hut - auch dieses Event knackt die Million. Dempsey ist Rickards Geldmaschine und Rickard Dempseys Schaffner auf der Reise in Welt der Reichen. Rund 800.000 Dollar kassiert der Champion durch die Duelle mit Carpentier und Firpo. Mehr Geld verdient zu jener Zeit kein Sportler der Welt.
Im Regen Philadelphias erlischt Dempseys Licht
Im Sommer 1926 hat Rickard also wieder eine Idee. Gene Tunney soll Dempsey fordern. Der amerikanische Box-Beau und Gentleman ist der Gegenpol zu dem extrovertierten Haudrauf-Fetischisten: gebildet, adrett, zurückhaltend. Außerdem ist Tunney ein erstklassiger Techniker. Von 64 Kämpfen hat er nur einen verloren, 1922 gegen das legendäre Mittelgewichts-Monster Harry Greb. Der Makel währt nur ein Jahr, dann nimmt Tunney der "Windmühle aus Pittsburgh" die Luft und siegt nach Punkten.

Am 23. September 1926 pilgern 120.000 Menschen ins Sesquicentennial Stadium von Philadelphia, um Dempsey vs. Tunney zu sehen - bis heute die größte Kulisse für eine Schwergewichts-Weltmeisterschaft. Die Ticketeinnahmen spülen Rickard und Co. fast 1,9 Millionen Dollar in die Kasse. Als der Gong schlägt, beginnt es zu regnen und der haushoch favorisierte Titelverteidiger ist nur noch Schatten früherer Tage. Von Dempseys explosiven Kombinationen ist kaum etwas zu sehen, den gefürchteten linken Haken pendelt der elegante Faustfechter Tunney Runde um Runde aus. Nach zehn Durchgängen ist Dempseys Licht erloschen und die Sensation perfekt.
Die Box-Bibel "The Ring" kürt Tunneys Triumph durch einstimmiges Punkturteil zur "Überraschung des Jahrzehnts", der entthronte und von Tunneys linker Führhand ramponierte Dempsey erklärt die Pleite seiner Frau Estelle Taylor ganz simpel: "Honey, I forgot to duck." (Schatz, ich habe vergessen, mich zu ducken.) 55 Jahre später wird sich der bei einem Attentat angeschossene US-Präsident Ronald Reagan die Pointe borgen, als ihn seine First Lady Nancy am Krankenbett besucht.
Unterweltgröße sahnt ab - wegen eines Gläschen Olivenöls?
Hat der Champ wirklich nur aufgrund mangelnder Agilität verloren? Um Dempseys Niederlage ranken sich schon bald wilde Verschwörungstheorien. Denn am Donnerstagabend des 23. September 1926 verdienen nicht nur die Protagonisten im Ring viel Geld (Dempsey 770.000 Dollar, Tunney 200.000 Dollar). Auch der berüchtigte Glücksspieler Arnold Rothstein, eine Größe der New Yorker Unterwelt, sahnt in Philadelphia mächtig ab, reist mit einer halben Million Dollar in den Big Apple zurück. Laut mehrerer Quellen soll Rothstein bei einer Quote von 4:1 die Summe von 125.000 Dollar auf Außenseiter Tunney gesetzt haben. Dass der gerissene Zocker tatsächlich 500.000 Dollar einstreicht, gilt als sicher. Dass Rothstein entscheidend nachhilft, um seine Wette zu gewinnen, dagegen nicht.
Der Legende nach setzt Rothstein Dempseys Bodyguard Mike Trent auf den Weltmeister an, der zur besseren Verdauung ein Gläschen Olivenöl zu trinken pflegt. Trent, as the story goes, soll Dempsey am Morgen vor dem Kampf vergiftetes Olivenöl untergejubelt haben, der damals 31-Jährige daraufhin mit Symptomen einer Lebensmittelvergiftung in den Ring gestiegen sein. Captain Charles J. Mabbutt, Manager von Dempseys Trainingscamp, erzählt der Nachrichtenagentur AP im Dezember 1926 allerdings eine andere Version. Schon am Samstag vor dem Gefecht am Donnerstagabend sei Dempsey nach dem Frühstück krank geworden. Mabbutt vermutet vergiftete Kaffeesahne als Ursache. Ihn selbst, Dempsey und ein weiteres Mitglied aus dessen Entourage habe es umgehauen, Trent aber nicht. Der widerspricht öffentlich. Beobachter halten es dennoch lange für möglich, dass Tunney seinen Sieg dem "Doping of Dempsey at Philly" verdankt.
"Ich war in keiner Verfassung, um zu kämpfen"
Auch Dempsey selbst erhebt ein Jahr später vor seinem Revanchekampf gegen Tunney in einem offenen Brief Manipulationsvorwürfe. Der gestürzte König wittert verdächtige Absprachen rund um das erste Duell. Ihm ist nicht geheuer, dass Max "Boo Boo" Hoff, in Philadelphias Unterwelt berühmt-berüchtigt, Tunney und dessen Manager Billy Gibson im Vorfeld 20.000 Dollar leiht. Hoff lässt sich den Kredit mit der Zusage absichern, 20 Prozent von Tunneys künftigen Einnahmen als Weltmeister zu erhalten. Dempsey hinterfragt außerdem die Rolle von Boxlegende Abe Attell, der in Tunneys Umfeld mitmischt. Der frühere Federgewichts-Champion sei das Werkzeug einer New Yorker Glücksspielclique, wettert er. Tunney ledert zurück. Die Vorwürfe seien "kompletter Müll".
Die zehn größten Boxkämpfe der Geschichte
Womöglich nutzt Dempsey sein Schreiben nur zu PR-Zwecken, um die Revanche am 22. September 1927 in Chicago anzuheizen (die er wieder verliert). Vier Jahre nach Ende seiner Boxkarriere wischt er die Vergiftungs-Legenden in einem Beitrag für die "Saturday Evening Post" schließlich vom Tisch.
Er wolle die "völlig falschen Gerüchte" aus der Welt schaffen, "dass ich in meinem ersten Kampf mit Gene vergiftet wurde", schreibt Dempsey. Vielmehr hätten ihn in der Vorbereitung Fieber und Schüttelfrost heimgesucht, später seien eine Magen-Darm-Krankheit und eine Hautinfektion dazugekommen. "Ich war in keiner Verfassung, um zu kämpfen und konnte nicht in die Verfassung kommen." Sein Zustand sei derart miserabel gewesen, dass er Tex Rickard bat, den Kampf zu verschieben - vergeblich. "Ich hatte nie auch nur die geringste Hoffnung, diesen ersten Kampf gegen Gene Tunney zu gewinnen", erinnert sich Dempsey. In seiner Autobiographie "Round by Round" von 1940 ist von Mike Trent und einem Glas Olivenöl ebenfalls keine Rede.
Wie es scheint, hat Jack Dempsey vor 100 Jahren tatsächlich einfach nur vergessen, sich zu ducken.


